Zu den effektivsten Merkmalen sogenannter Leitwörter wie Freiheit oder Gerechtigkeit gehört ihr Widerstand gegenüber endgültigen Definitionsversuchen; da sie sich erkennbar auf die menschliche Praxis beziehen, muss sich ihr Gehalt dem Wandel der Zeit anpassen. Was unter den Bedingungen des aufgeklärten Absolutismus als freiheitlich galt, wäre nach heutigen Maßstäben ein veritabler Revolutionsgrund. Deswegen fordert der veränderliche Begriffsinhalt einen ebenso dynamischen Oppositionsbegriff, der immer wieder neu überwunden werden muss, damit der Leitwert auf dem neuesten Stand bleibt. Gegenbegriffe und Negationen sind gewissermaßen eingebaute Updates von Leitideen.
Wissen und Unwissen
Genauso verhält es sich mit dem Kernbegriff des aktuellen gesellschaftlichen Selbstverständnisses: dem Wissen. Betrachtet man die Entwicklung menschlicher Kenntnisse und Fertigkeiten, ist in den letzten 300 Jahren wohl kaum so viel Wissen erzeugt und gesammelt worden, dabei aber das Unwissen deutlicher bewusst geworden. Um nun aber nicht in die Tristesse des Unwissens zu verfallen, hat man den Rationalismus dadurch gerettet, dass man ihn als kritisch auswies. Wissen betrifft eben nicht nur das, was der Fall ist, sondern auch, ja: nur das, was nicht der Fall ist. Wahr ist das, was nachweislich falsch ist.
Dieses Falsifikationsprinzip ist dabei, sich selbst zu überholen; die Halbwertszeit des Rohstoffs Wissen nimmt stetig ab. Denn Wissen ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Produktionsfaktor, kein Produkt. Und so zeigt es mittlerweile selbst auf den Rucksack, den es mit sich führt: das Nichtwissen. Entscheidend ist nun, dass veraltetes Wissen nicht unbedingt mit altem Wissen gleichzusetzen ist. Denn Sokrates’ uralte Erkenntnis, er wisse, dass er nichts wisse, ist heute aktueller als manche selbstgefällige Untersuchung zur Künstlichen Intelligenz oder zur Hirnforschung. Man kommt zu interessanten Beobachtungen, wenn man Wissen und Nicht-Wissen aufeinander bezieht. Man könnte also mit den Begriffen Sokrates folgend ein wenig spielen und dann vier Fälle unterschieden: Wissen, dass man etwas weiß; Wissen, dass man etwas nicht weiß; Nicht-Wissen, dass man etwas weiß; Nicht-Wissen, dass man etwas nicht weiß.
Wissen, dass man etwas weiß: Rationalität
Dieses Bewusstsein, dass etwas der Fall ist (oder eben nicht), ist der klassische Fall der menschlichen Vernunft. Rationalität beruht auf diesem Prinzip. In seiner stärksten Ausprägung will er sich auf rein axiomatische Schlussfolgerungen verlassen, allein Gesichertes deduzieren. Das kommt dem denkerischen Bedürfnis nach Sicherheit zwar entgegen, löst aber auf Dauer keine Probleme. Man setzt sich der Gefahr aus, bei fortgesetzter Anwendung im eigenen intellektuellen Sud zu schwimmen.
Wissen, dass man etwas nicht weiß: Weisheit
Dieses Bewusstsein ist nicht rational, wenn man die moderne Vorstellung zugrundelegt, wonach Rationalität Beherrschbarkeit bedeute. Stattdessen wäre es hier wohl angebrachter, von Weisheit zu sprechen; dem sokratischen Gestus der Selbstbescheidung. Allerdings sollte man sich immer vergegenwärtigen, was Sokrates weise alles zu schlucken hatte, denn nichts irritiert einen rationalen Entscheidungsträger mehr als jemand, der dezidiert nicht Recht haben will. Eben deshalb wollen unsere gesellschaftlichen Eliten so gern weise sein und bleiben doch rational.
Nicht-Wissen, dass man etwas weiß: Intelligenz
Mit der Entwicklung der modernen Kybernetik hat dieses Konzept an Wichtigkeit gewonnen. Dahinter steht die Vorstellung, dass Systeme nicht allein in sich rational geordnet sind, sondern in eine Umwelt eingebettet sind, mit der sie in einem Kopplungsverhältnis stehen. Und da das System nur sich selbst regulieren kann, nicht aber auch noch die fremde Umwelt (denn die wäre ja dann keine Umwelt mehr, sondern Systembestandteil), reicht die interne Rationalität nicht aus, damit das System in und mit der Umwelt leben kann. Das ist dann intelligent. Das System kann nicht im Vorhinein wissen oder planen, was alles passieren kann. Unternehmensstrategen beweisen das jeden Tag. Der inflationäre Gebrauch der Vokabel Intelligenz belegt allein den Mangel im Alltagsgeschäft.
Nicht-Wissen, dass man etwas nicht weiß: Ignoranz
So, wie hier Wissen auf Nicht-Wissen bezogen wurde, dürfte es nicht überraschen, dass diese Form am engsten mit der Rationalität zusammenhängt (ohne mit ihr identisch zu sein!). Denn wenn man sich allein darauf konzentriert, was man weiß, dann schafft man sich eine logische Nische, in der man alles weiß und erlebt dann eben die Überraschung, dass die Nische eben nicht die Umwelt ist. Man hält das Nicht-Gewusste für irrelevant und ist sich eben deswegen dessen nicht bewusst. Diese Strategie begründet Ignoranz.
Die Herausforderung an die Wissensgesellschaft
Die Herausforderung an die Wissensgesellschaft liegt nun in dem Umgang mit diesen vier Formen; man improvisiert, hat Glück damit und erkennt danach rational, wenn man darüber nachdenkt, dass man offenbar intelligent vorgegangen ist. Wenn man dann aber in den aufklärerischen Größenwahn verfällt, nun alles beherrschen zu können, ist man nur noch ignorant. Meistens erkennt man das daran, dass sich jemand von vornherein oder generell selbst als intelligent bezeichnet. Sich selbst bescheinigte Intelligenz ist Ignoranz. Und Weisheit ist dann, dass man erkennt, dass Rationalität und Ignoranz nur unter Anforderungen der Intelligenz unterscheidbar, also unklar sind.
