Populärwissenschaftliche Publikationen sind im Prinzip eine gute Sache. Das Problem dabei ist, das hierbei leicht die Meinung eines einzelnen Wissenschaftlers als allgemeingültig verstanden wird. Ein gutes – oder wenn man so will, schlechtes – Beispiel war die beliebte Sendung des SWF „Ruf Heidelberg“. Dort wurden Wissenschaftlern von der Redaktion Fragen gestellt, welche diese ausführlich beantworteten.
Wer nun mit dem Wissenschaftsbetrieb nicht vertraut war, konnte hier leicht dem Irrtum aufsitzen, dass die Antwort eines solchen Wissenschaftlers allgemeingültig sei: Hatte doch eine honorige, in der Regel mit Ehrfurcht gebietenden Titeln versehene Koryphäe erschöpfende Auskunft zu einem Thema gegeben - was bitte, sollte das anderes sein, als die blanke Wahrheit?
Meinungen und Gegenmeinungen
Was der Laie bei dieser Art von Populärwissenschaft nicht erfährt, ist, dass ohne weiteres ein genauso hoch dekorierter Kollege des Antwort gebenden Prof. Dr. Dr. Soundso genau der gegensätzlichen Ansicht sein kann. Ein uraltes Bonmot unter Wissenschaftlern besagt, dass es zu jeder wissenschaftlichen Theorie oder Hypothese mindestens eine gäbe, die genau das Gegenteil vertritt und mindestens zwei weitere, die irgendwo zwischen den beiden Extremen liegen.
Es ist gerade dieser immer währende Streit der Hypothesen, der den Fortschritt in der Wissenschaft erst ermöglicht: Für wahr gehaltenes wird hinterfragt und geprüft, wenn es standhält, ist es noch besser gesichert, wenn nicht, muss es besserem Wissen Platz machen. Wenn dieser Prozess nicht stattfindet, erstarrt die Wissenschaft in Dogmatismus.
„Wissenschaftlich bewiesen“ - gibt es das überhaupt?
Wenn man es genau betrachtet, wurde eigentlich in der Praxis noch nie etwas wirklich im strengsten Sinne wissenschaftlich bewiesen. Was als gesicherte Erkenntnis gilt, ist genau genommen lediglich etwas, das bisher nicht widerlegt wurde.
Beispielsweise sehen wir es als sicher an, dass Massen sich anziehen und daher auf unserem Planeten Dinge, die man loslässt, zu Boden fallen. Isaac Newton untersuchte dieses Phänomen und fand die Gravitation, die Massenanziehung als Ursache. Da sich unter anderem Bewegungen von Himmelskörpern damit zutreffend vorausberechnen lassen, besteht eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass der gute, alte Isaac mit seiner Theorie richtig lag. Trotzdem würde eine einzige Beobachtung eines losgelassen Gegenstandes, der nicht zu Boden fällt, genügen, um sie ins Wanken zu bringen. Da dies aber noch nie geschehen ist, kann sie in der Praxis als wahr angesehen werden, zumal viele andere darauf basierende praktische Techniken wie der Gewichtsantrieb von Uhren oder auch die Baustatik zuverlässig funktionieren.
Andere wissenschaftliche (Lehr-)Meinungen und Hypothesen haben sich nicht als so stabil erwiesen wie Isaac Newtons Gravitationsgesetze: Zum Beispiel wurde der früher als notwendig für die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen angesehene Äther irgendwann entbehrlich. Auch die früher von Medizinern vertretene Meinung, dass viel Trinken schädlich sei, ist längst überholt, genau wie die Ansicht, dass Masturbation und/oder häufiger Beischlaf Rückenmarkschwund verursachen würden. Zu ihren Zeiten wurden solche Lehren genauso ernsthaft für wahr gehalten, wie unsere derzeitige Meinung über die Schädlichkeit des Passivrauches oder die Erderwärmung aufgrund des CO2-Ausstoßes, den wir mit unserer Energiegewinnung erzeugen.
Die Mainstream-Wissenschaft
Wissenschaft ist auch nicht wirklich objektiv. Unsere Wahrnehmung hängt stark von unserer Erwartungshaltung ab und Antworten von der Art, in der Fragen gestellt werden. Letzteres gilt auch für die Frage an die Natur, das Experiment: Wer eine bestimmte Erwartung hinsichtlich der Ergebnisse hat – und die hat jeder Experimentierende, denn vor dem Experiment kommt in aller Regel die Hypothese – wird unbewusst schon den Versuchsaufbau so gestalten, dass er möglichst die erwarteten Ergebnisse bringt. Und er wird diese Ergebnisse im Hinblick auf seine Hypothese interpretieren.
Vor allem ist dies der Fall, wenn ein Wissenschaftler bereits längere Zeit eine bestimmte Hypothese erarbeitet und vertreten hat. Dann wird es besonders herb für ihn, sich von ihr zu trennen. Wenn ein solcher Wissenschaftlern nun eine hohe Reputation besitzt, wird es für weniger bekannte Kollegen schwierig, gegen seine überholte Meinung anzugehen. So entsteht der wissenschaftliche Mainstream, dessen Vertreter sich oft genug auch mit unlauteren Methoden gegen ihre anders denkenden Kollegen wehren.
Wissenschaft, Politik und Wirtschaft
Besonders problematisch wird es, wenn bestimmte wissenschaftliche Lehrmeinung im Sinne von Politik und/oder Wirtschaft sind. Dann kann es passieren, dass Forschungsgelder nur noch für Vertreter der einen Meinung fließen und die Beschäftigung mit der anderen für junge Wissenschaftler sogar karriereschädlich wird. Auch die etablierten Medien werden sich einseitig mit dem Thema befassen, denn es ist immer am einfachsten, das zu sagen, was alle sagen und was alle hören wollen.
Wenn man sich diese Dinge klar macht, versteht man, warum heute so viele geradezu hanebüchene Dinge behauptet werden. Man lächelt heutzutage über die früher von manchen Ärzten vertretene Ansicht, dass Eisenbahnfahren wahnsinnig machen würde genauso wie über die Geschichte mit dem Rückenmarksschwund durch Masturbation. Dabei vergisst man jedoch, dass dies der damalige „Stand der Wissenschaft“ war und spätere Generationen über manches grinsen werden, das man heute für „wissenschaftlich erwiesen“ hält.
Selbst denken und sich eigenständig informieren
Nun stellt sich natürlich die Frage, wie man sich dennoch eine eigene, unabhängige Meinung bilden kann? Zunächst einmal ist dabei die Plausibilitätsprüfung anhand des eigenen gesunden Menschenverstandes gefragt: Kritische Zeitgenossen beispielsweise werden vor 170 Jahren zum Beispiel schon bemerkt haben, dass galoppierende Pferde leicht die Geschwindigkeit der damaligen Eisenbahnen erreichen und man vom Reiten aber nicht wahnsinnig wird, genauso wenig wie man in einer schnellen Kutsche erstickt, weil die Luft herausgesogen wird, wie das ebenfalls von Eisenbahnwagen behauptet wurde.
Neben dem kritischen Hinterfragen verhilft das sich Informieren aus verschiedenen Quellen zu einer eigenen Meinung. Man muss dazu keine Nischenpublikationen kaufen, denn das Internet enthält fast zu jedem Thema die unterschiedlichsten Materialien; von der hanebüchenen Phantasterei bis hin zu ernsthaften wissenschaftlichen Arbeiten ist alles nur ein paar Mausklicks entfernt. Dazu kommt, dass gerade wissenschaftliche Informationen eigentlich immer auf den Websites von Universitäten und Instituten auftauchen, auch wenn sie nicht dem Mainstream entsprechen und es daher nicht in die etablierten Medien schaffen.
