Wittgenstein und die "Wiederkehr der Religion"

„In der Mathematik gibt es keine Überraschungen."

In den zurückliegenden Jahren mehren sich die Stimmen, die von einer „Wiederkehr der Religion“, auch in europäischen Breitengraden, sprechen. Nachdem es lange Zeit als ausgemachte Sache galt, dass dieses „Phänomen“ ganz und gar der Vergangenheit angehöre, wird in zahlreichen Bereichen ein erwachendes „religiöses“ Bewusstsein festgestellt. Was in einem Großteil der Welt - Asien, Mittlerer und Naher Osten, Afrika, Lateinamerika sowie in breiten Schichten Nordamerikas - ohnehin nie verschwunden war, ist damit auch auf den alten Kontinent zurückgekehrt: Die Frage nach dem Unendlichen, nach Ziel und Grund, nach dem Transzendenten.

„Rückkehr der Religion“

Schon seit Jahren verzeichnet in Deutschland der Buchhandel ein gestiegenes Angebot und eine steigende Nachfrage an einschlägigen Buchtiteln. Auf den Bestseller-Listen rangieren die Bücher auf den vordersten Plätzen oft monatelang (vgl. Stairway to Heaven, Börsenverein des deutschen Buchhandels, 2005). Im philosophischen und gesellschaftlichen Diskurs ist das Thema auf den verschiedensten Ebenen präsent (vgl. etwa den Beitrag H. Schnädelbachs in der Zeit Wiederkehr der Religion, 2005, oder Jenseits von Säkularisierung und Wiederkehr der Götter, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2008, um nur einige Beispiele zu nennen). Was ist dazu zu sagen?

Vielseitige Bezüge, Ansatzpunkte

Wittgenstein als einer der Väter der modernen Sprachphilosophie bietet sich in diesem Zusammenhang als Gesprächspartner besonders an, weil sich in den verschiedenen Phasen seines Schaffens Berührungspunkte zur Mystik und zur klassischen Gottesfrage ebenso finden wie die Ausarbeitung eines streng logisch, wissenschaftlich und philosophisch reflektierten Instrumentariums zur begrifflichen Analyse und Einordnung unterschiedlichster Phänomene und Lebensformen. Als besonders markant darf hier die Entwicklung seiner Überlegungen zum „Sprachspiel“ gelten. Einzelne Lebensäußerungen werden dabei auf ihre spezifischen Konstituenzien, Bestandteile und Regeln hin untersucht. „Ich werde auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist, das »Sprachspiel« nennen“ (PhU § 7)." Das Wort "Sprachspiel" soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform" (PhU § 23). Zu den Lebensformen, die hier in den Blick zu nehmen sind, zählt auch die Religion.

„Religion“

Was heißt Religion? Nimmt man die einfache Wortbedeutung (lateinisch religio im Sinne von „Bindung, Bezug“), so bezeichnet Religion im Generellen zunächst nichts anderes als das Wissen und Eingedenk-Sein um eine bestimmte Form prinzipieller Abhängigkeit. Ob man für die etymologische Herleitung von religio wie Cicero von lat. religere, etwa: „wieder zusammennehmen, in Acht nehmen“, oder wie Lactanz von lat. religare „rückbinden, festmachen“ ausgeht, oder gemäß der üblichen Verwendung religio unvermittelt im Sinne von „Bedenken, Rücksicht, Ehrfurcht“ übersetzt, macht dabei keinen entscheidenden Unterschied. Die Religion weiß um einen vorgegebenen „Referenzrahmen“, von dem sie bekennt, nicht aus diesem heraustreten zu wollen und/oder zu können.

Die Sprache der Religion

Es ist oft betont worden, dass in diesem Sinne verschiedene Formen von Gemeinschaften, Weltanschauungen, Ideologien oder Wissenschafts-Gläubigkeiten in gleicher Weise typische Züge von religio annehmen. Wittgenstein führt das eindrucksvoll am Gebiet der scheinbar „unverdächtigen“ Mathematik vor (vgl. L. Wittgenstein, Bemerkungen über die Mathematik sowie L. Wittgenstein, Philosophische Grammatik, u.ö.). Das Verfahren der Mathematik entspricht nicht weniger wie andere Grundvorgänge einem Vorgehen ‘auf Treu und Glauben‘, wie er in detaillierten Einzelanalysen exemplifiziert. In dieser Hinsicht lässt sich Mathematik wie Religion mit der Kategorie des Sprachspiels beschreiben, wobei Sprachspiel nicht im Sinne von „Spielerei“ gemeint, sondern im Sinne eines Bezugssystems aufzufassen ist, das nach mehr oder weniger eindeutigen Regeln funktioniert.

Dass es in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und Ausformungen zu einem neuen Bewusstwerden von Religion kommt, sollte auch aus dieser Perspektive für den Wittgensteinianer nicht überraschend sein.

Literatur

L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 1953

Manfred Schütz - Medienphilosophie

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