Wittgenstein und Luther

„Man muss ... auf die Sprache sehen, was da für eine ... Gewohnheit ist zu reden". Ein Satz, der von Wittgenstein wie von Luther gleichermaßen stammen könnt

Hat Ludwig Wittgenstein neben christlichen Denkern wie Augustin oder Tolstoi auch Texte von Martin Luther gekannt und aufgegriffen? Ein Zitat wie das folgende legt das mehr als nahe. In einer Streitschrift heißt es: „man muss nicht achten, was … spitze Sophisten gauckeln, sondern auf die Sprache sehen, was da für eine Weise, Brauch und Gewohnheit ist zu reden.“ Die Streitschrift und das Zitat ist von Martin Luther (vgl. WA 26,444,36-38). Einer der bekanntesten Sätze aus den Philosophischen Untersuchungen von Ludwig Wittgenstein klingt ganz ähnlich: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (PhU § 43).

„Man muss auf die Sprache sehen“

In beiden Textzusammenhängen geht es um sprachtheoretische Grundsatzreflexionen, die über das rechte Verständnis einer Sache (mit-)entscheiden. Wittgenstein wendet sich gegen abstrakte Begriffsbildungen in der Philosophie, die den Sinn einer Sache eher verstellen als erhellen. „Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen - »Wissen«, »Sein«, »Gegenstand«, »Ich«, »Satz«, »Name« - und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? - Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück“ (PhU § 116).

Indem Wittgenstein auf den Gebrauch eines Wortes oder Satzes achtet, erschließt sich ihm dessen eigentlicher Sinn. „Wenn z.B. Einer sagt, der Satz »Dies ist hier« (wobei er vor sich hin auf einen Gegenstand zeigt) habe für ihn Sinn, so möge er sich fragen, unter welchen besonderen Umständen man diesen Satz tatsächlich verwendet. In diesen hat er dann Sinn“ (PhU § 117).

Interesse an Bedeutung, Sprache und Sachgehalt

Gemeinsam ist Luther und Wittgenstein das Interesse am Aufweis der konkreten Bedeutung von Aussagen. Anstatt sich in Begriffsklaubereien zu ergehen, ist auf die tatsächliche Sprachverwendung zu achten, was „für eine Weise, Brauch und Gewohnheit ist zu reden.“ Wie Luther es sich in der sensiblen Aufgabe der rechten Übertragung der Bibelübersetzung ins Deutsche zur Regel machte „dem Volk aufs Maul zu schauen“ und ebenso im gelehrten fachtheologischen Disput auf die gewöhnliche Sprache sieht, gilt auch für Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, dass man auf seinen Träger zeigt.“ (PhU 43).

Keine Vereinnahmung

Sollte man Wittgenstein wegen dieser Übereinstimmung zum Lutheraner erklären? Das ginge sicherlich zu weit. Der Ansatz bei der konkreten Wortbedeutung ist zudem eine allgemeine hermeneutische Fragestellung, die so oder so ähnlich öfter auftaucht und verhandelt wird – auch bei anderen Autoren. Aufschlussreich ist aber die bei beiden vorzufindende Betonung des jeweiligen Kontextes zum Verständnis einer Sache: an welcher Stelle ein Wort oder ein Satz seinen „Sitz im Leben“ hat.

Quellen / Literaturhinweise:

L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen

M. Luther, Weimarer Ausgabe (WA)

Manfred Schütz - Medienphilosophie

rss