Wittgenstein zur Gottesfrage

In allen Phasen seines Werks finden sich bei Ludwig Wittgenstein Reflexionen auf die Gottesfrage.

Was weiß ich über „Gott und den Zweck des Lebens?“ So beginnt ein Tagebucheintrag L.Wittgensteins vom 11.6.1916. Die Frage, wer oder was Gott ist bzw. mit „Gott“ bezeichnet wird, begegnet an vielen Stellen in der schriftlichen Hinterlassenschaft des bekannten Denkers. Sprachphilosophische Überlegungen treten dabei ebenso zu Tage wie existentiell gefärbte Ausführungen. Bei einer groben Bestandsaufnahme lassen sich drei wichtige Momente identifizieren, die charakteristisch sind.

Gott als Perspektiv-Begriff

Wittgenstein fragt insbesondere nach den Relationen, in denen von Gott die Rede ist. Einmal heißt es: „[...] das, wovon wir abhängig sind, können wir Gott nennen.“ (Tagebucheintrag). Ein andermal: „Wie sich alles verhält, ist Gott. Gott ist, wie sich alles verhält.“ (in einer unnummerierten Bemerkung im Prototractatus, einer der Vorstufen zur Endfassung des Tractatus Logico-philosophicus; nicht in den Tractatus übernommen. Vgl. Ludwig Wittgenstein, Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition, hg. von B. McGuiness u. J. Schulte, (Suhrkamp Verlag), Frankfurt/Main 1989, S. 255). Auch in späteren Phasen gibt es immer wieder implizite und explizite Bezugnahmen auf die konkrete Verwendung des Wortes „Gott“. Letztlich rangiert der Gottesbegriff als eine Art Perspektiv-Begriff, der übergreifenden Charakter hat.

Sinn und Grenze

Ein wesentliches Leitmotiv ist u.a. die Frage nach Sinn, Zweck und Wert. Der Tagebucheintrag vom 11.6.1916 fährt fort: „Ich weiß, dass diese Welt ist. Dass ich in ihr stehe wie mein Auge in seinem Gesichtsfeld. Dass etwas an ihr problematisch ist, was wir ihren Sinn nennen. Dass dieser Sinn nicht ihn ihr liegt, sondern außer ihr. Dass das Leben die Welt ist.“ Etwas später ist dann zu lesen: „Den Sinn des Lebens, d.i. den Sinn der Welt, können wir Gott nennen.“

Einige dieser Passagen tauchen später wortwörtlich (ohne Erwähnung des Gottesbegriffs) im Tractatus wieder: „Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen.“ (TLP 6.41) Er entzieht sich damit einer einfachen und direkten Beschreibung. TLP 6.521: „Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)“ Die Unaussagbarkeit macht hier den Sinn zu einem Grenzbegriff, der über die Welt hinausweist.

Denk-Traditionen

Mit seinen Erörterungen bewegt sich Wittgenstein in größeren Zusammenhängen und Traditionen, die im Hintergrund mitzuhören sind. So etwa, oftmals unerwähnt, im Themenspektrum klassischer philosophischer Gottes-Traktate, wie sie durch die verschiedenen Jahrhunderte hindurch ausgearbeitet wurden. Gleichzeitig entspricht es bester jüdischer Tradition, wenn er sich eine Zurückhaltung gegenüber dem Gottesnamen auferlegt und sich in der Disziplin des Schweigens und Verschweigens übt. Parallelen finden sich auch, wenn man etwa TLP 6.41 mit dem Buch Kohelet vergleicht. Schließlich gilt es zu bedenken, dass Wittgenstein mit seinen sprachtheoretischen Darlegungen selbst eigenständige Denk-Traditionen begründet, wie sie unter anderem auch in verschiedenen wissenschaftlichen Schulen (Wiener Kreis, Ordinary Language School) ihren Niederschlag gefunden haben.

Quellen / Literaturhinweise

  • Ludwig Wittgenstein, Logisch-philosophische Abhandlung, Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition, hg. von B. McGuiness u. J. Schulte (Suhrkamp Verlag), Frankfurt/Main 1989
  • Ludwig Wittgenstein, Werkausgabe Bd. 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914 - 1916. Philosophische Untersuchungen (Suhrkamp Verlag), 7. Auflage, Frankfurt/Main 1990
  • Literatur: H-J. Glock, Wittgenstein-Lexikon, (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt 2000; A. Koritensky, Wittgensteins Phänomenologie der Religion (Kohlhammer Verlag), Stuttgart 2002; J. Schulte, Wittgenstein (Reclam Verlag) Stuttgart 1989

Manfred Schütz - Medienphilosophie

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