WM-Fieber in Schweden?

Schwedenflagge - Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de
Schwedenflagge - Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de
Wer glaubt, wehende Fahnen, hupende Autos und singende Menschen auf Schwedens Straßen hätten dieser Tage schon etwas mit der WM zu tun, hat weit gefehlt.

In Schweden gehen derzeit die beiden wildesten Wochen des Jahres zu Ende. Es ist die Zeit des Schuljahresabschlusses und damit die Zeit, in der die 18- bis 19-Jährigen ihre Abiturzeugnisse in die Hände bekommen. Und da cirka 90 Prozent aller schwedischen Schüler nach Abschluss der neunjährigen allgemeinen Grundschule ihre letzten drei Schuljahre auf einem Gymnasium verbringen, ist das natürlich ein landesweiter Grund zum Feiern.

"Rauswurf" aus der Schule in Schweden

Ihren Schulabschluss feiern die Schüler in erster Linie mit lang anhaltenden Autokonvois durch die Straßen der Städte. Dabei darf natürlich die schwedische Fahne nicht fehlen, die dieser Tage allgegenwärtig ist. Auch die Accessoires, die zu einer solchen Abiturfeier gehören, sind in den Farben Blau und Gelb gehalten, Fähnchen, Bänder, Luftballons. Hinzu kommen die obligatorische Studentenmütze sowie ein Konterfei des Gefeierten auf einem großen Schild, das die Familie des Abiturienten hoch hält, wenn der Kronsohn oder die Familienprinzessin im wahrsten Sinne des Wortes aus der Schule geworfen werden. Denn der eigentliche Akt des Die-Schule-Verlassens heißt auf Schwedisch ”Utspark”, zu deutsch soviel wie ”Rauswurf”. Allerdings ist das Bild kein Foto der Abiturienten, wie sie heute aussehen, sondern ein Bild aus dem Kindergarten oder vielleicht der ersten oder zweiten Klasse.

Riesenfete in Ystad

Den wohl größten ”Rauswurf” Schwedens erlebt alljährlich die kleine Stadt Ystad im äußersten Süden des Landes. Die kleine Stadt mit nur knapp 15 000 Einwohnern hat ein Zentralgymnasium, das die Schüler der umliegenden Gemeinden aufnimmt. Es ist mit seinen etwa 3000 Schülern in drei Klassenstufen eines der größten des Landes. Etwa tausend Schüler verlassen demnach jährlich diese Ausbildungsfabrik. Der diesjährige Utspark findet am 11. Juni 2010 statt. Zwischen 12.36 und 14.18 Uhr werden über 40 Abgangsklassen im Dreiminutentakt die Schule über die große Freitreppe am Österportstorg im Herzen der Stadt verlassen. Auf dem Platz werden sie von ihren Familien erwartet. Mehrere tausend Menschen werden sich dort also auch in diesem Jahr wieder einfinden, um das Abitur ihrer Schützlinge zu feiern. Von dort aus startet dann der traditionelle mehrstündige Autokonvoi, der auch in diesem Jahr jeglichen Verkehr in der Innenstadt von Ystad vollständig lahmlegen wird.

In den großen Metropolen des Landes, in denen sich in den letzten Jahren viele Einwanderer aus aller Herren Länder niedergelassen haben, werden neben vielen blaugelben auch die Fahnen der jeweiligen Heimatländer der Familien der Abiturienten zu sehen sein. Man könnte also tatsächlich meinen, Schweden befände sich dieser Tage bereits im WM-Fieber, wenn man sich die bunten und lauten Autokonvois auf den Straßen anschaut.

Ernüchterung nach dem Fest

Allerdings folgt dem großen Fest oftmals Ernüchterung, denn der Abschluss des schwedischen Gymnasiums ist nicht unbedingt mit dem eines deutschen zu vergleichen. So führt das Studentexamen, wie das Abitur in Schweden heißt, nicht automatisch zur Hochschulreife. Um die zu erreichen, muss der Schüler eine bestimmte Punktzahl während seiner Zeit am Gymnasium erreicht haben. Wer diese Punktzahl nicht erreicht hat, muss entweder an einer Schule für Erwachsene weiter lernen oder eben gleich arbeiten gehen. Manche Abschlüsse des Gymnasiums entsprechen dagegen einem deutschen Facharbeiterbrief.

Wie dem auch immer sei, sind nach dem Schulabschluss erst einmal Sommerferien eingeplant. Und das nächste Schuljahr beginnt nicht vor dem 16. August, das Studium an einer Hochschule oft erst am 1. September. Viel Zeit für Sonne, Sand und Abenteuer - und für den, der will und kann, für eine Reise zur Fußball-WM nach Südafrika.

Bildnachweis: © Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Der Autor mit seiner Familie, Joakim Rasmussen

Jeremiah S. Richter - Geboren 1964 in Magdeburg, Studium in Dresden, Kaluga, Stockholm und Lund (Slawistik und Geografie im Lehramt, Germanistik, ...

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