Bevor Hessen im Jahr 2003 die Sperrstunde aufhob beziehungsweise auf eine sogenannte "Putzstunde" zwischen fünf und sechs Uhr morgens reduzierte, war es deutlich schwieriger gewesen. Die meisten Kneipen hatten um ein Uhr schließen müssen, wenige um zwei, ganz vereinzelte hatten an den Wochenenden bis drei geöffnet. Wer nach drei Uhr noch Durst hatte, hatte in die "Mausefalle" gehen müssen. Dort hatte er einen horrenden Preis für sein Bier gezahlt, und um ihn herum hatten sich leicht bekleidete junge Damen nicht an ihm gestört, sich auf ihre Kernkompetenzen besonnen und um betuchtere Gäste gekümmert. Diese Zeiten sind nun vorbei.

Öffnungszeiten bis drei Uhr früh

Öffnungszeiten bis zwei oder drei Uhr morgens sind keine Seltenheit mehr. Wenn das Servicepersonal Lust und gute Laune hat, kann sich die letzte Bestellung durchaus noch weiter hinziehen. Dafür ist beispielsweise das Delirium am Steinweg bekannt - Zeitreise um 40 Jahre zurück, Preise und Ausstattung eingeschlossen, mit wunderbarer Aussicht über die Stadt und das Lahntal. Oder der Hinkelstein am Marktplatz - Gewölbekeller, zu erreichen über eine schmale, steile Treppe.

Im Hinkelstein können die Nächte nach Siegen der Frankfurter Eintracht oder nach Rockkonzerten lang werden. Im Delirium kommt es vor, dass das Personal die Türen abschließt, das eine oder andere Feierabendbier trinkt und Stammgäste dabei auszusperren "vergisst". Zu warnen ist hier vor dem "Ratzeputz", einem Schnaps unbekannter Herkunft und Prozentzahl. Wenn das Delirium schließt, kann man gegenüber im Bock noch Glück haben. Die ehemalige Destille - und Marburger hängen manchmal lange an alten Namen - entwickelt sich zunehmend zur Nachtkneipe.

Nachtkneipen Bolschoi und Bremsspur

Danach treffen sich die eingefleischten nächtlichen Trinker traditionell in zwei Kneipen: Dem Bolschoi und der Bremsspur.

Das Bolschoi in Zwischenhausen fühlte sich wohl durch seinen Namen verpflichtet, mit rotlackierten Wänden zu glänzen. Durch die schummerige Beleuchtung fällt das glücklicherweise nicht weiter auf. Auch Günther, der Wirt, fühlt sich gelegentlich danach, sowjetischen Charme zu versprühen; seine Stammgäste nehmen ihm das nicht übel. Und eine gewisse heruntergekommene Schmuddeligkeit gehört ebenfalls zum Image. Anfangs hat der Wirt die behördlich verordnete Putzstunde geflissentlich ignoriert, was ihm einigen Ärger einbrachte. Seitdem ist er rigoros: Um fünf Uhr früh wird das Bolschoi geschlossen.

Anders die Bremsspur am Wehrdaer Weg. Sie ist das Stammlokal des Motorradclubs Gremium Marburg; das sollte aber niemanden abschrecken, sie zu besuchen. Die Öffnungszeiten werden hier vom Bock-Prinzip bestimmt. Offen ist, solange die Belegschaft Lust hat. Gelegentlich hat schon ein Gast verwundert um Mitternacht vor verschlossener Tür gestanden; häufiger ist es vorgekommen, dass Gäste mittags um drei die Kneipe verlassen und geblendet ins helle Tageslicht geblinzelt haben.

Fiona's rund um die Uhr

Wer es weniger rustikal mag, für den bleibt noch Fiona's am Bahnhof übrig, eine Mischung aus gepflegtem Café und ordinärer Kneipe. Hier hat man das Problem der Sperrstunde kreativ gelöst: Zwischen fünf und sechs Uhr früh brummelt jemand diskret mit einem Staubsauger zwischen den Gästen umher, ohne dabei groß zu stören. Und auch die Küche bleibt rund um die Uhr geöffnet.

Um diese Zeit treffen auch schon die ersten Tagesgäste ein, Pendler oder Reisende, die zu den frühen Zügen nach Frankfurt oder Kassel müssen und hier vorher noch ihren Kaffee trinken. Die letzten nachtschwärmenden Eulen und die ersten frühaufstehenden Lerchen begegnen sich.

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Dank für Informationen geht an: Dietrich, Johannes, Peter, Ulli