
- Leuchtturm Sao Vicente - Lou Avers
Das mittelalterliche Ende der Welt hatte mehrere Namen: Fisterra im spanischen Galizien oder Finistérre in der französischen Bretagne zählten dazu. Rein geografisch gesehen darf sich Cabo da Roca nördlich von Lissabon das westlichste Ende Europas nennen. Den südwestlichsten Punkt Kontinentaleuropas markiert das Kap São Vicente an der Algarve. Allen gemeinsam ist ein geschichtsträchtiges Leuchtfeuer.
Historisches zum Kap São Vicente
Das Kap São Vicente hat ein ganz eigenes Flair. Es liegt im Naturpark Costa Vicentina und beherbergt einen der ältesten und gleichzeitig lichtstärksten Leuchttürme Europas. Windverweht und wellenumspült thront er auf 60 Meter hohen Kalksteinklippen nur wenige Kilometer nördlich des Algarve-Dörfchens Sagres über dem Atlantischen Ozean. Seine rotlackierte Spitze springt schon von weitem ins Auge.
Ebenso wie die benachbarte Ponta de Sagres war das Cabo de São Vicente seit jeher ein mythischer Ort. "Wo Europa endet und das Meer beginnt“, schrieb Portugals berühmtester epischer Nationaldichter Luiz Vaz de Camões im 15. Jh. Er war Zeuge der glorreichen Zeit der Entdeckungsfahrten und maritimen Expansionen des kleinen Königreiches Portugal. Der portugiesische Ethnograf Leite Vasconselos bezieht sich auf archäologische Überlieferungen und beschreibt das Kap als Kultstätte von vorrömischen Völkern. Andere Autoren berichten von einem Huldigungsort für Saturn und Herkules. Auch Römer und Araber nutzten den Ort zur Götterverehrung. Unter christlicher Herrschaft stand hier bis Anfang des 16.Jh. ein Kloster des Hieronymus-Ordens, Reste der Befestigungsmauer sind noch zu sehen. Später entstand eine Pilgerstätte, letztendlich fielen die Gebäude einem Angriff des britischen Kapitäns Sir Francis Drake zum Opfer. Seit 1846 sind das neu erbaute Fort und der Leuchtturm unverändert. Den Namen verdankt das Kap dem Heiligen Vicente.
Die Legende des Heiligen Vinzenz
Eigentlich lebte Vicente im 4. Jh. in Zaragoza als Diakon. In Valencia soll er vom römischen Statthalter im Jahr 304 zum Tode verurteilt und bei lebendigem Leib auf einen glühenden Rost gelegt worden sein. Der Grund für diese grausame Strafe ist nicht überliefert. Der Legende nach erhob sich zum Zeitpunkt seines Todes ein gleißendes Licht und der Boden verwandelte sich in ein Meer aus Blüten. Sein Leichnam wurde angeblich in Valencia bestattet.
Die Crux an der Geschichte ist, dass die Gebeine des Märtyrers 400 Jahre später am Cabo de São Vicente in einem Boot, begleitet von zwei schwarzen Raben, angeschwemmt worden und er hier beigesetzt sein sollen. Doch auch in Spanien wird der Heilige verehrt und auf seine Grabstätte Anspruch erhoben.
Eine andere Version: gläubige Christen sollen die Gebeine des Heiligen auf der Flucht vor einfallenden Mauren im 8. Jh. in Valencia mitgenommen haben. Als sie am Kap landeten, bauten sie dort später eine Kapelle zu seinen Ehren. Unter der maurischen Herrschaft an der Algarve entwickelte sich die Capela de São Vicente zu einer viel besuchten Wallfahrtsstätte der Christengemeinden. König Afonso Henriques ließ den Leichnam im 12. Jh. nach Lissabon überführen, nachdem die kleine Kapelle bei maurischen Überfällen zerstört wurde. So wurde Vinzenz zum Schutzheiligen der Stadt Lissabon, deren Wappen bis heute ein Boot mit zwei schwarzen Raben ziert. In der Kathedrale Sé Catedral in Lissabon kann man den Sarg des außergewöhnlichen Vinzenz besichtigen.
Technisches zum Leuchtturm von São Vicente
Der heutige Leuchtturm entstand im Jahr 1846 im Auftrag von Königin Dona Maria II. Er misst 22 Meter Höhe und birgt die derzeit stärkste Lichtanlage Europas. Drei Laternen à 1000 Watt, 1908 von der Firma Benard & Turenne aus Paris installiert, leuchten den Schiffen den Weg. Die 2,66 Meter umfassende Optik besteht aus einer Fresnel-Linse und Kristall-Prismen und ist die größte Europas. Wie ein polierter Riesendiamant wirft die Anlage im 15-Sekunden-Takt einen Lichtstrahl von bis zu 90 Kilometern (48 Seemeilen) aus. Die Steuerung erfolgt elektrisch, bei Störungen schaltet eine Automatik auf Petroleum um. Der Farol de São Vicente ist ein wichtiger Wegweiser der Handelsschiff-Fahrt zwischen Atlantik und Mittelmeer. All das konnte der wissensdurstige Besucher bis vor kurzem vom Leuchtturmwärter persönlich erfahren. Leider sind aktuell Besuche der technischen Anlage nicht mehr erlaubt. Es sei denn mit Sondergenehmigung der portugiesischen Marine.
Warme Wolljacken und bunte Souvenirs am Kap São Vicente
Das Kap des Heiligen Vinzenz ist eines der landschaftlichen Höhepunkte der Westalgarve. Heute kommen fröstelnde Touristen an die windverwehte Spitze, um vom Klippenrand auf die tosende Brandung und den endlos blauen Horizont zu schauen. Besonders die fast immer spektakulären Sonnenuntergänge locken Zuschauer und frisch verliebte Pärchen an. Zum Aufwärmen stehen Stände mit Wollpullovern und Mützen, gerösteten Mandeln und Likören bereit, manchmal auch die „Letzte Bratwurst vor Amerika“. Senhor José Sequeira ist der Herr über die handgestrickten Jacken, Mützen und Pullover. Seit mehr als 30 Jahren kommt er täglich mit seinem Stand zum Kap, um sich bei Wind und Wetter ein Zubrot zu verdienen. Das Geschäft geht schleppend. Doch manchmal sind die sonnenverwöhnten Touristen so vom frischen Wind am Kap überrascht, dass sie sich rasch eine wärmende Wollweste kaufen. Einen Stand weiter bieten zwei junge Kolleginnen bunte Souvenirs und handgemachten Schmuck feil. Die drei gehören schon zum Kap wie der Leuchtturm selbst.
Quellen: Kulturschock Portugal, Reise Know How Verlag, Bielefeld
Naturpark Costa Vicentina, Odemira, Portugal
