„Wir machen Winterpause“, so liest man landauf, landab an den Fenstern der Eisdielen. Bis spätestens Ende Februar wird es hinter den Eistheken kein geschäftiges Treiben geben. Wo aber ist die Zunft der Eismacher im Winter? Achtet man auf die Namen der Eiscafés in den Fußgängerzonen, führen die Spuren in die Dolomiten. Venezia, Dolomiti und Cortina, klangvolle Namen der Regionen und Ortschaften, jenseits der Alpen gelegen, vermitteln Urlaubsgefühl und Lebensfreude, lassen an Sonne und Eisbecher denken. Die Namenwahl für die Cafés dokumentiert die Liebe und Heimatverbundenheit der Eishersteller zu ihrem Land. Fährt man Ende November in das abgelegene, stille Val di Zoldo, am südöstlichen Rand der Dolomiten, staunt man über die vielen Autos mit deutschem Kennzeichen, die in den Dörfern dieses Tales überall zu sehen sind. Hier ist die Heimat der Gelatieri.
Not macht erfinderisch
Das 1.000 Meter hoch gelegene Tal am Fuß des Monte Pelmo ist karg. In den früheren Jahrhunderten bauten die Bewohner Eisenerz ab, daraus fertigten sie Nägel für Brücken, Häuser und für die venezianischen Gondeln. Der Name des Hauptortes dieses Tales, Forno (Ofen) di Zoldo, weist auf die einstige Tätigkeit der Nagelschmiede hin. Das im Palast des Capitanato untergebrachte Nagelmuseum gibt einen Einblick in die Geschichte des Schmelzens und Schmiedens. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlor die Nagelproduktion im Val di Zoldo ihre Bedeutung. Dem Boden in dem schattigen Landstrich konnte für die Bevölkerung auch nicht genug zum Überleben abgerungen werden. Überleben hieß nun auswandern.
Von nun an nicht mehr wegzudenken - die Eisdiele
Viele machten sich auf den Weg nach Österreich oder Deutschland und verdienten sich als mobile Eisverkäufer ihren Lebensunterhalt. Die Konkurrenz war groß. In Wien wehrten sich aufgebrachte, um ihre Existenz besorgte Konditoren gegen die „Carretieri“. Ein altes Gesetz aus der Zeit von Maria Theresia trat wieder in Kraft. Es verlangte von den mobilen Carretieri einen festen Standort, das bedeutete, sie mussten Geschäfte eröffnen. Für mehr als ein angemietetes Zimmer im Erdgeschoss eines Hauses reichte es meistens nicht. Durch das Fenster wurde das Eis an die Kundschaft verkauft. Vor das Verkaufsfenster wurde eine Holzdiele angebracht, schließlich sollten auch die Kinder einen Blick auf das Eis werfen, bevor sie ihre Wahl trafen. Eine neue Einrichtung war geschaffen: Die Eisdiele.
Ein familienfeindlicher Beruf
Oft waren die Familien monatelang voneinander getrennt. Während die Eltern im hohen Norden ihre Kunden mit Eis verwöhnten, lebten die Kinder im Internat oder bei den Großeltern im Dorf. Wenn die Kinder alt genug waren, oft mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, verließen auch sie im Sommer die Heimat, um ihre Eltern bei der Arbeit zu unterstützen. Die Mehrzahl der Eisdielen in Deutschland war unter italienischer Leitung. Doch es macht sich ein Wandel bemerkbar. Der Beruf des Gelatiere, der in der Hochsaison so gut wie keinen Feierabend und kein Wochenende kennt, scheint nicht mehr so attraktiv, so dass viele Nachkommen der Eishersteller einen anderen Beruf erlernen. Gehört die echte, originale italienische Eisdiele bald der Vergangenheit an?
