
- Autorin Insa Segebade - Segebade
Ihre Werke wie „Der Heiler“ oder „Verstummt“ sind umfangreiche Bücher. Dazu noch die Kurzgeschichten. Wie bringen Sie sich in die entsprechende Stimmung, um Ideen zu entwickeln?
Bisher war es (glücklicherweise) noch nie so, dass ich mich mit der Absicht hingesetzt habe, Ideen zu entwickeln. Die Ideen für meine Bücher und Kurzgeschichten entwickelten sich ohne mein bewusstes Zutun, waren plötzlich (oder auch sich leise anschleichend) in meinem Kopf – ich musste dann sehen, was sich aus ihnen machen ließ.
„Der Heiler“ ist ein historischer Stoff, während sich „Verstummt“ mit Rockmusik beschäftigt. Macht das Genre, in dem Sie schreiben wollen, einen Unterschied beim Ideensuchen?
Die Bücher, die ich bislang veröffentlicht habe, sind verschiedenen Genres zuzuordnen. Wobei ich Genres nicht mit Schubladen gleichsetzen würde. Die Grenzen sind fließend, es gibt diverse Überschneidungen. Ich würde auch den „Heiler“ und den Roman „Verstummt“ nicht als Gegensätze ansehen. Es gibt – trotz der sechs Jahrhunderte, die die Protagonisten der beiden Bücher voneinander trennen – viele Parallelen. Ein Beispiel: Der mittelalterliche Heiler genießt einen vergleichbaren Kultstatus wie der Rockstar des 21. Jahrhunderts, der ähnliche Privilegien, aber auch Nachteile mit sich bringt.
Wo und wann kommen die Ideen?
Ich denke, die Themen, über die man schreibt, sind eng mit der eigenen Biografie verknüpft. Mit Erfahrungen, die man gemacht hat. Mit Menschen, die man kennen gelernt hat. Besonders Letzteres. Es sind immer wieder Menschen, die mich zu meinen Geschichten inspirieren. Je weiter die Arbeit am Text voranschreitet, desto mehr entferne ich mich von den realen Vorlagen, desto mehr gewinnen die fiktiven Charaktere an Eigendynamik.
Woran erkennen Sie, ob eine Idee brauchbar ist?
Das erkenne ich daran, ob sie mich über einen längeren Zeitraum zu faszinieren vermag. Habe ich die Geschichte tage- oder wochenlang im Kopf, wird es Zeit, sie aufzuschreiben.
Ist es sinnvoll, eine „schlechte Idee“ komplett zu streichen, oder lohnt es sich, sie im Hinterkopf zu behalten?
Was ist eine schlechte Idee? Eine, für die mein Interesse rasch nachlässt? Dann würde ich sie verwerfen. Es kann aber auch sein, dass eine Idee gerade zeitlich nicht passt. Nicht in das Projekt passt, an dem ich gerade arbeite. Dann würde ich sie erst beiseite legen und später wieder hervorholen. Vermag die Idee mich dann immer noch zu faszinieren, lohnt es sich, die Arbeit an ihr zu vertiefen.
Ein Buch setzt sich aus sehr vielen Ideen zusammen. Wie verwalten Sie die ganzen Einfälle?
Als ich an meinem ersten Roman arbeitete, habe ich sehr viele Notizzettel gemacht. Im Nachhinein empfinde ich das als sehr belastend, da es den Schreibfluss hemmt. Zwar verzichte ich auch heute nicht auf Stichpunkte und – zu Beginn der Arbeit an einem Roman – auf das Erstellen eines Handlungsgerüsts, doch mache ich es inzwischen so, dass ich mich täglich zu festen Zeiten an den Schreibtisch setze und einfach anfange zu schreiben. Zugegeben, das kostet manchmal Überwindung. Aber ist man erst einmal drin im Text, ist das Schreiben eine faszinierende Erfahrung, da es viele Überraschungen in sich birgt. Handlungsverläufe entstehen, die man sich vorher in der Theorie gar nicht ausmalen konnte. Personen agieren plötzlich auf eine Art und Weise, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte.
Was macht einen guten Berater beim Arbeiten mit Ideen aus?
Ist der Text geschrieben, überarbeite ich ihn zunächst allein. Danach gebe ich ihn einer befreundeten Autorin, einer gnadenlosen Kritikerin. Sie findet immer etwas, das in der Geschichte nicht funktioniert – inhaltliche Dinge, aber auch stilistische Sachen, wobei sie sich stets auf die jeweilige Geschichte einlässt und nie versucht, dem Ganzen eigene Vorstellungen aufzudrücken. Ich denke, das ist das Wichtigste, was ein „Schreibberater“ mitbringen sollte.
Was machen Sie, wenn es mal hakt? Wenn die Ideen einfach nicht sprudeln wollen?
Bevor ich einen Text in den Computer tippe, schreibe ich ihn mit der Hand auf Papier. Um an einem neuen Arbeitstag wieder in die Geschichte hineinzukommen, beginne ich damit, das Handgeschriebene abzutippen. Das ist ein guter Anknüpfungspunkt.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Ihrer Buchideen ist Ihnen am meisten „hinterhergelaufen“?
Sicher mein erster Roman „Verstummt“. Die Grundidee für dieses Buch hatte ich bereits mit 13 Jahren. Danach unternahm ich drei Anläufe, um die Geschichte zu schreiben. Sie scheiterten, und ich wusste nicht, woran es lag. Geholfen hat mir schließlich mein Studium des Kreativen Schreibens an der Universität in Hildesheim. Ich denke, es hat mich insgesamt sensibler für Texte gemacht; vor allem dafür, wie sie aufgebaut sein sollten, um bestimmte Wirkungen zu erzielen – wobei das bei jeder Geschichte anders funktioniert.
Insa Segebade im Porträt
Die Schrifstellerin Insa Segebade weckt mit ihren Ideen die Fantasie der Leser und führt sie durch originelle und intelligente Handlungen. Wer steckt dahinter? Dr. Insa Segebade ist Schriftstellerin, Journalistin und Universitätsdozentin. Nicht nur in ihrem belletristischen Werk „Verstummt“ (2007 neu aufgelegt als Zweiteiler „Danse Infernale“/„Adagio“) beschäftigt sich Segebade mit Rockmusikern: Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung untersuchte sie in ihrer Doktorarbeit, wie Rockmusiker in Spielfilmen und Printmedien dargestellt werden – ein Thema, das nahe liegt: Nach einem längeren Aufenthalt in Paris war Segebade im Musikmanagement tätig, wo sie Tourneen organisierte und begleitete.
Studiert hat die 1969 in Leer geborene Schriftstellerin Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim. Insa Segebade lebt mit ihrer Familie seit 1999 im ostfriesischen Rheiderland. Weitere Informationen über die Autorin und ihre Werke unter: www.insasegebade.de
