Wohin führt die moderne Deutsche Schäferhundezucht?

Das Bild des Deutschen Schäferhundes hat sich insbesondere unter anatomischen Gesichtspunkten drastisch verändert. Und das nicht zum Guten.

Der Schäferhund bezeichnet für viele Menschen den Prototyp des Hundes schlechthin. Eine wache Intelligenz, Schärfe, ohne ausnehmend aggressiv zu sein, und das Aussehen ähnlich dem eines Wolfes, des Urahns der Hunde. Insbesondere das Aussehen des Deutschen Vertreters ist aber in den letzten Jahrzehnten gehörig in Mitleidenschaft gezogen worden. Viele Liebhaber und auch Züchter beklagen die heutige Kondition der Hunde und führen die zunehmende Anfälligkeit für Krankheiten, seien es nun epileptische Anfälle oder, was noch mehr zur Diskussion steht, die schräge Rückenlinie der Hunde an.

Der Deutsche Schäferhund als "Traber"

Das Ziel des Deutschen Schäferhundevereines (SV) war von Anfang an ein ausdauernder, kräftiger und robuster Hund, der lange Strecken auf unebenem Gelände mit geringstem Kraftaufwand zurücklegen konnte, ohne zu ermüden. Dazu wurde ein raumgreifender Schritt gefordert, der eine ausdauernde Trabbewegung des Hundes unterstützen sollte. Schon Anfang der siebziger Jahre begann man gezielt an dem "Trabergebäude“ des Schäferhundes zu arbeiten. Der moderne Zuchtstandard verteidigt noch heute die damals im Entstehen bedachte starke "Winkelung der Hinterhand“ mit der Argumentation, dass gerade dieser Körperaufbau Ausdauer und sparsamen Energieverbrauch ermögliche. Denn nur durch die korrekte Winkelung träfen die Hinterläufe auf die Trittsiegel der Vorderläufe. Durch die dadurch entstehende waagerechte Haltung des trabenden Hundes würde zusehends Kraft gespart. Doch diese fatale Entwicklung sollte man nicht nur von einer Seite aus betrachten.

Dispute über die Rückenlinie des Deutschen Schäferhundes

Die Rückenlinie und die starke Winkelung der Hinterhand waren in den letzten Jahren oftmals prekäre Streitpunkte. Und es gab in der Tat eine Zeit, in der die Zucht des Deutschen Schäferhundes zu einer Farce ausartete. Es war während der Präsidentschaft Hermann Martins (1982-1994) als man strengstens darum bemüht war, die Hinterläufe der Hunde so weit es ging nicht hinten zu zerren, sodass man der Rückenlinie in Form eines Karpfens sehr nahe kam. Martins Nachfolger, Peter Meßler, war zwar bemüht, diesen Fehler wiedergutzumachen.

Dennoch sieht man auch heute noch Hunde mit einer schrägen Rückenlinie und einer abfallenden Kruppe. Viele kritisieren die Tatsache, dass die moderne Zucht den Deutschen Schäferhund hat degenerieren lassen. Aus dem einst so robusten, arbeitsfreudigen und ausdauernden Hund ist ein kränkelnder Invalide geworden, der der Show und dem persönlichen Geschmack von Richtern zum Opfer gefallen ist. Denn besonders für Gelenkkrankheiten scheint der Deutsche Schäferhund immer anfälliger geworden zu sein. Hüftgelenksdysplasie und Ellbogendysplasie sind nur zwei der Krankheitsbilder, deren schmerzhafte Folgen viele Schäferhunde schon im jungen Alter von zwei Jahren tragen müssen.

Der Niedergang des Deutschen Schäferhundes

Die Hundezeitschrift "WUFF – Das Hundemagazin“ von Juni 2005 bezeichnete die zusehends negative Entwicklung der Schäferhundezucht und der Hunde mit dem Ausdruck einer "pseudowissenschaftlichen ‚Naturverbesserung‘“. Denn anstatt den Standard und die Erwartungen an den Hund von einst zu wahren, benutzt man Erklärungen, wie zum Beispiel die oben bereits erwähnte "Trabrolle“ der gewinkelten Hinterhand, um die übertriebene und vollkommen unnötige "Verschönerung“ des Hundes zu erklären.

Die Folgen des modernen Standards des Deutschen Schäferhundes

Angestrebt war also eine gewinkelte Hinterhand und ein mäßig abfallender Rücken, um die Ausdauer zu verbessern. Der Hund sollte dadurch weiter ausgreifen können, ohne unnötig viel Kraft einzusetzen. Doch bei diesem Ausgreifen sinkt der Rumpf ab und muss immer wieder aufs Neue gehoben werden, wodurch ein zusätzlicher, erheblicher Kraftaufwand und eine daraus folgende schnellere Ermüdung entsteht. Letztlich erreicht man durch diese "Deformierung“ das genaue Gegenteil dessen, was man angestrebt hatte. Man kann heute folgerichtig annehmen, dass viele Gelenkkrankheiten aus jüngerer Zeit (zum Beispiel Spina bifida, Cauda equina) mit dieser Entwicklung zusammenhängen.

Aber nicht nur das Knochengebäude war oftmals Grund für gerechtfertigte Streitigkeiten inmitten Liebhabern und auch vereinzelten Züchtern. Ebenfalls die zunehmende Größe und Schwere des Hundes stellte ein immer größeres Problem dar. Die in seiner Anfangszeit so hochgelobte Wendigkeit und athletischen Leistungen werden immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Dr. Hellmuth Wachtel behauptet in der oben angeführten Zeitschrift: "Anatomisch wurde also so gut wie alles getan, um die körperliche Leistungsfähigkeit und Skelettgesundheit der Rasse herab zu setzen“.

Degeneration und Untauglichkeit des Deutschen Schäferhundes

Die beschriebene Entwicklung wirkte sich nicht nur auf den körperlichen Aspekt der Hunde aus. Auch seine Aufgabengebiete wurden immer weiter in Mitleidenschaft gezogen. So sind viele Vertreter dieser Rasse für ihre angestammte Arbeit als Polizei- oder bloße Sporthunde ungeeignet. Die Gebrauchsfähigkeit des Deutschen Schäferhundes rückt immer mehr in den Hintergrund und macht Platz für die Vorlieben der Richter und Züchter. Diese sind es auch letztlich, die für die sogenannte "Verbesserung“ der Rasse zuständig sind. Bis jetzt sind jegliche Ansätze, den Standard zugunsten des Hundes zu verbessern, jedoch im Sand verlaufen.

Es ist nicht gerechtfertigt zu behaupten, Zuchtverbände hätten im Allgemeinen nichts in der Hundezucht bewirkt. Man denke nur an das Kupierverbot von Ohren und Ruten. Der Deutsche Schäferhund jedoch bleibt der gleiche Hund wie vor vielen Jahren: ein oftmals arbeitsuntauglicher Hund, der schon in jungen Jahren mit Krankheiten zu kämpfen hat.

Ein neuer Verein des Deutschen Schäferhundes

Insbesondere in den letzten Jahren fand jedoch glücklicherweise eine große Gegenbewegung statt, mit dem Ziel, den Deutschen Schäferhund wieder zu dem zu machen, was er einst war: ein eifriger Arbeitshund ohne körperliche Defekte und gesundheitliche Makel. Anfang des Jahres 2005 erfolgte die Gründung eines neuen Vereins für Deutsche Schäferhunde (DsaS – Verein für Deutsche Schäferhunde alten Schlages), der sich gerade diesen Idealen verschrieben hat. Und obwohl der Verein noch relativ jung ist und es lange dauern wird, die begangenen Fehler an dem Deutschen Schäferhund wieder zu bereinigen, hat er Pläne bezüglich des Deutschen Schäferhundes. Seine Verbesserung und Gesunderhaltung stehen dabei an erster Stelle.

Quelle: „WUFF – Das Hundemagazin“: Der neue alte Deutsche Schäferhund, Juni 2005