
- Der Sohn hilft dem Vater - © Conny Klein/ZDF
Es ist ein Tabu. Über die Themen Alter und Tod decken viele Menschen den Mantel des Schweigens. Gerade in unserer auf jugendlich getrimmten Leistungsgesellschaft wird das Thema verdrängt, obwohl es drängend ist.
Eine authentische Geschichte: ZDF-Film „Wohin mit Vater?“
In dem ZDF-Film „Wohin mit Vater?“ gerät eine Familie in Not, weil Krankheit und Alter sich nicht mehr verdrängen lassen, sondern Konsequenzen erfordern. Es ist ein typischer Fall: Eine Familie in Ostdeutschland. Der Vater, Anfang 70, kann nicht mehr laufen. Die Ehefrau ist überfordert mit der Pflege ihres Mannes. Deshalb hilft die Tochter so oft und gut es geht. Sie ist aber eine allein erziehende Mutter einer pubertierenden Tochter und hat eigentlich genug damit zu tun, ihr eigenes Leben zu regeln.
Ihr Bruder lebt viele hundert Kilometer entfernt in Frankfurt am Main, wo er Fertighäuser verkauft. Als die Mutter plötzlich an einem Herzinfarkt stirbt, kehrt der Sohn heim. Doch nun haben er und seine Schwester ein Problem: „Wohin mit Vater?“ So lautet der gleichnamige Titel des Films, den das ZDF am 29. März 2010 ausstrahlt.
Einsatz illegaler Pflegekräfte als letzter Ausweg
Die Geschichte hat Drehbuchautorin Laila Stieler nicht erfunden. Als Vorlage diente das Sachbuch „Wohin mit Vater? Ein Sohn verzweifelt am Pflegesystem“. Der Autor ist anonym, weil er sich für eine illegale Lösung seines Problems entschieden hat: Er verpflichtete eine Pflegekraft aus Osteuropa.
Wird das aufgedeckt, kann es teuer werden. Nicht nur das die Betroffenen ihre Pflegekraft verlieren, ihnen drohen auch Steuernachzahlungen, Nachforderungen von Sozialabgaben sowie mögliche hohe Bußgelder.
Der Film zeigt, dass der Mann auf legalem Wege nicht unversucht gelassen hat. Er besucht Pflegeheime und und nimmt Kontakt zu Pflegediensten auf. Doch entweder ist die Hilfe nicht bezahlbar oder die Umstände sind unwürdig für seinen Vater, der zwar körperliche Gebrechen hat, aber bei klarem Verstand ist. Der Sohn mag ihm die „Abschiebung“ in ein Heim nicht zumuten.
Wir leben in einer Gesellschaft von Individuen
Aber wir leben in einer Gesellschaft der Individuen. Die Familiengemeinschaft, die sich um jedes einzelne Mitglied kümmert, wird immer seltener. Familien haben weniger Kinder, die sich aufgrund der Jobkrise in anderen Regionen nach Arbeit umsehen und wegziehen. Die Töchter sind berufstätig, haben wenig Zeit.
Und heute lassen sich auch Rentner noch scheiden, wenn die Ehe nicht mehr funktioniert. Single – na und? Auch im Alter wollen wir was erleben. Warum auch nicht? Nur was, wenn die Gebrechen kommen? Auf der Suche nach dem vermeintlichen Glück und der Freiheit vereinsamen immer mehr Menschen.
100.000 illegale Pflegekräfte in Deutschland
Auch der Sohn im ZDF-Film „Wohin mit Vater?“kann sich nicht um seinen Vater kümmern. Wie auch? Er kann seinen Job nicht aufgeben, um den Vater zu pflegen. So kommt er in seiner Verzweiflung auf die Idee, eine Pflegekraft aus Bosnien zu verpflichten.
Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) schätzt, dass 70.000 bis 100.000 illegale Pflegekräfte aus osteuropäischen Ländern ohne Arbeitserlaubnis in Deutschland tätig sind. Wer das verurteilt, sollte bedenken, dass ein deutscher Pflegedienst, der rund um die Uhr im Einsatz ist, bis zu 10.000 Euro im Monat kosten kann.
Drehbuchautorin Laila Stieler interessierte „die Unlösbarkeit eines Konfliktes. Wenn zum Beispiel ein Sohn sein eigenes, erwachsenes Leben lebt, nun aber vor der Aufgabe steht, seinen alten Vater pflegen zu müssen, der hunderte Kilometer entfernt wohnt. Da gibt es nur Annäherungen, keine Lösungen.“
Von Alter und Krankheit wollen wir nichts wissen
Damit kommen viele Menschen nicht gut zurecht. Die Angst vor Alter und Krankheit ist allgegenwärtig. Regisseur Tim Trageser erlebte, wie seine Eltern sich gegen den Stoff sperrten, als sie von dem Film hörten: „Dreh doch lieber mal etwas Heiteres.“
Auch Schauspielerin Anna Loos, sie spielt die Tochter der Familie, hat das Thema bislang eher verdrängt, obwohl ihre Mutter Krankenschwester war und ihre Schwester im Altenheim arbeitet: „Ich hasse den Gedanken an den Tod. In unserem Kulturkreis ist der ja auch nicht gerade populär, und ich war bis zu diesem Projekt ein begeisterter Verdränger der Tatsache, dass auch meine Eltern jedes Jahr ein Stück altern.“
Zuschauer, die den Film bei Festivals sahen, haben geweint
Eine typische Reaktion. ZDF-Fernsehspielchef Reinhold Elschot ist trotzdem optimistisch, dass der Film beim Fernsehpublikum Anklang findet. „Wohin mit Vater?“ lief bereits auf mehreren Festivals. Die Reaktion des Publikums war beeindruckend: Laut Elschot diskutierten die Zuschauer anschließend über Erfahrungen aus ihrem eigenen Umfeld. „Viele Menschen, die den Film gesehen haben, haben geweint. Der Film berührt, weil er viel mit uns zu tun hat.“
Jahrelang traute sich die Filmindustrie nicht an das Thema Alter heran. Zum Glück denken die Verantwortlichen gerade um, weil man die Lebenswirklichkeit nicht ständig ausklammern kann, wenn man Ernst zunehmende Filme drehen will. Unsere Gesellschaft wird immer älter. ARD und ZDF haben das mehrfach zu Programmschwerpunkten gemacht. Im Januar lief in der ARD die Altenheim-Komödie „Die Spätzünder“ - und erreichte sagenhafte 8,11 Millionen Zuschauer.
„Das Beste kommt zum Schluss“: Auch Hollywood entdeckt die Alten
Und sogar das spaßsüchtige Hollywood schreckt nicht mehr vor dem Thema Alter zurück wie der Film „Das Beste kommt zum Schluss“ mit Jack Nicholson und Morgan Freeman zeigt. Es ist auch höchste Zeit. Denn wir alle kommen nicht um den humanen Umgang mit alten Menschen herum.
Der Film „Wohin mit Vater?“ ist übrigens auch erstklassig besetzt. Anna Loos als Tochter, Hans-Jochen Wagner als Sohn und Dieter Mann als Vater agieren höchst glaubwürdig in den Hauptrollen.
Bei der ersten Ausstrahlung am 29. März 2010 im ZDF erreichte der Film 4,86 Millionen Zuschauer. Dem ZDF bescherte das eine sehr gute Quote von 14,9 Prozent Marktanteil. Auch 7,1 Prozent in der jüngeren Zielgruppe lagen über dem üblichen Senderschnitt.
