
- Labyrint - Bernhard Schlögl
Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Trümmerhaufen. Der Wiederaufbau schritt rasch voran und die Produktivität der Wirtschaft schnellte nach oben. Schon in den 1950er Jahren überholte die Produktivität der wieder errichteten deutschen Industriebetriebe die der meisten anderen europäischen Länder. Das war nicht zuletzt auf die Hilfe der westlichen Siegermächte zurückzuführen, welche bestrebt waren, Deutschland als ein starkes Bollwerk gegen den Kommunismus aufzubauen. Dank der sozialen Marktwirtschaft hatten die deutschen unselbständig Erwerbstätigen im europäischen Vergleich gute Löhne, eine gute Kaufkraft und somit auch einen relativen Wohlstand.
Die 1960er und 1970er Jahre
In diesen beiden Jahrzehnten festigte sich der Wohlstand der deutschen Arbeitnehmer. Deutschland stieg zum „Exportweltmeister“ auf. Die boomende Exportwirtschaft musste wegen Arbeitskräftemangel ausländische Arbeitskräfte anwerben, die primär aus Südeuropa und aus der Türkei nach Deutschland kamen. Sie sind als Gastarbeiter gekommen, um vorübergehend den heimischen Mangel an Arbeitskräften auszugleichen. Ein dauerhafter Verbleib in der BRD als „Neudeutsche mit Migrationhintergrund“ war ursprünglich nicht vorgesehen. Ihre Bezahlung war im Vergleich zu einheimischen Arbeitskräften schlecht und sie wurden hauptsächlich für Hilfsarbeiten eingesetzt.
Die 1980er und 1990er Jahre
Mit den Leitfiguren Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA waren die 1980er Jahre die Abkehr von einer kurzen sozialen Periode, in der auch in diesen traditionell konservativen Ländern der Zeitgeist „arbeiterfreundlich“ war. Nachdem am 17. September 1982 die sozial-liberale Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt an den Meinungsverschiedenheiten über die zukünftige Wirtschaftspolitik zerbrochen war, folgte auch in Deutschland die Wende zu neoliberalen Positionen in der Wirtschaftspolitik. Als Person steht dafür Kanzler Helmut Kohl von der CDU. Das entsprechende Positionspapier stammt allerdings von Otto Graf Lambsdorff von der FDP. Die Vorbildwirkung dieser drei großen Volkswirtschaften hat den Rest der Welt in seinen Sog gerissen. Seitdem beherrscht der Neoliberalismus die Wirtschaft und schlägt sich auf die sozialen Verhältnisse nieder. Die Umverteilung von arm zu reich wurde damals ideologisch wieder hoffähig gemacht und beherrscht seither die Wirtschafts- und Sozialpolitik weltweit.
Das neue Jahrtausend
Der Beginn des dritten Jahrtausends war geprägt von skandalösen Vorgängen in Wirtschaft und Politik. Gerhard Schröder, nicht ohne Grund mit dem Beinamen „Genosse der Bosse“ bedacht, hat als Bundeskanzler und Chef der SPD Politik gegen seine Wähler und für die Interessen des Kapitals, der Banken und der Börsenzocker gemacht. Er hat die deutschen Lohnabhängigen zum doofen Wahlpöbel degradiert und ihnen mit skandalöser Sozialgesetzgebung schweren und dauerhaften Schaden zugefügt. Diverse Vertreter der Gewerkschaften haben sich von den Führungsetagen verschiedener Konzerne zum Nachteil der Belegschaft mit Luxusreisen und Begleitdamen kaufen lassen und so das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaften in Deutschland schwer beschädigt. Der daraus folgende Schwund an Wählerstimmen und Mitgliederzahlen hat die Gestaltungskraft der SPD und der Gewerkschaft massiv geschwächt.
Auf der Gegenseite haben Josef Ackermann als Chef der Deutschen Bank und gleichgesinnte Wirtschaftsbosse erfolgreich die Kapitalinteressen als Interessen aller Staatsbürger darzustellen versucht und damit kräftig gepunktet. Der von Josef Ackermann im Jahr 2003 ausgegebene Leitsatz, dass ein Unternehmen mindestens 25 Prozent Eigenkapitalrendite erzielen muss, andernfalls sei es ein Übernahmekandidat, wurde seitdem als standardisierte Rechtfertigung für „Raubtierkapitalismus“ hergenommen. Der Anteil am BIP, der den Arbeitnehmern zugute kommt, wurde schon seit der „Wende“ in der Wirtschaftspolitik Anfang der 1980er Jahre immer kleiner. Im neuen Jahrtausend hat sich dieser Umverteilungsprozess von den Arbeitenden zu den Besitzenden beschleunigt.
Tag der Arbeit 2011
Norbert Blüm hat in der Sendung von Anne Will zum „Tag der Arbeit“ (1. Mai) Zahlen genannt, denen von den anderen Studiogästen (Gesine Schwan, Christian Rickens) niemand widersprochen hat. Danach sind die Löhne und Gehälter in Deutschland in den zwanzig Jahren von 1990 bis 2010 um weniger als acht Prozent gestiegen, während Kapital im selben Zeitraum einen Wertzuwachs von mehr als 250 Prozent verzeichnet hat. Diese Umverteilung des BIP von arm zu reich, genauer gesagt von arbeitend zu besitzend, ist schwindelerregend. Die Zahl der Menschen in Deutschland die in Armut leben, ist von Jahr zu Jahr gestiegen und betrifft auch immer mehr Menschen, die trotz Vollzeitbeschäftigung arm im Sinne des Gesetzes (der amtlichen Definition) sind.
Quellen:
- Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung
- Armutsbericht: „Deutschland droht auseinanderzubrechen“, von Torben Waleczek
