
- Der Wolf: "Großer Bruder" des Hundes - Alfred Krawietz/pixelio
Die meisten heute bekannten hochspezialisierten Hunderassen sind noch relativ jung: Sie entstanden weitgehend im 19. Jahrhundert durch gezielte Zucht des Menschen auf bestimmte Merkmale hin. Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Hund ist dagegen schon viel älter: Seit der ausgehenden letzten Eiszeit - manche Forscher vermuten sogar noch länger - leben Hund und Mensch zusammen. Viele Verhaltensunterschiede gegenüber dem Stammvater Wolf sind daher längst genetisch fixiert und stellen eine biologisch sinnvolle Anpassung an das Leben als Haustier dar. Rein fortpflanzungsbiologisch betrachtet gehören Wolf und Chihuhua, auch wenn es schwer vorstellbar ist, theoretisch noch zur selben Art: Canis Lupus. Der bekannte Wolfs- und Hundeforscher Erik Zimen vermutete jedoch, dass durch die großen Verhaltensunterschiede bereits der erste Schritt zur Artentrennung vollzogen sei.
Die Gemeinsamkeiten
Was verbindet den Hund noch mit seinem wilden Vorfahren? Wie dieser ist er nach wie vor ein soziales, territoriales Raubtier. Weitgehend unverändert sind elementare Verhaltensweisen wie die Fortpflanzung und das Brutpflegeverhalten der Hündin. Auch ist das Verhalten von Hundewelpen in den ersten Wochen kaum von dem der Wolfswelpen zu unterscheiden.
Auswirkungen der Domestikation
Haustiere zeigen gegenüber der Wildform meist eine größere Fruchtbarkeit. Dies gilt auch für Hunde: Im Gegensatz zur Wölfin wird die Hündin früher geschlechtsreif und zwei Mal im Jahr läufig. Der Sexualtrieb des Rüden ist nicht wie bei Wölfen auf die Ranzzeit beschränkt. Typisch für die Entwicklung zum Haustier ist auch die sogenannte Fetalisation in manchen - vom Menschen erwünschten - Bereichen: Das Tier bleibt in der Entwicklung - verglichen mit der Wildformau - auf einer jugendlichen Stufe stehen. Besonders deutlich wird dies beim Jagdverhalten des Hundes: Es ist spielerischer und weniger zielgerichtet als beim Wolf und die Endhandlung, das Töten und Fressen der Beute, ist weniger ausgeprägt. Weitere Beispiele für Fetalisation beim Hund sind:
- geringere Aggressivität gegenüber Fremden
- geringere Individualdistanz
- geringere Selbständigkeit
- geringere Dominanzbestrebungen
Der Mensch als bevorzugter Sozialpartner
Die wichtigste Veränderung im Wesen des Hundes ist natürlich seine verminderte Scheu, seine leichte Sozialisierbarkeit auf Menschen und seine größere Bindungsfähigkeit an diesen. Beim Wolfswelpen ist das Zeitfenster für prägungsähliche Lernprozesse kleiner und weniger offen für fremde Arten als beim Hundewelpen.
Unterschiedliches Ausdrucksverhalten
Die Körpersprache des Hundes ähnelt immer noch sehr stark der des Wolfes, ist aber weniger differenziert als diese. Das hängt nicht zuletzt auch mit dem veränderten Aussehen vieler Hunderassen zusammen: Langhaarigkeit, verkürzte Schnauzen, Farbveränderungen und Schlappohren bedeuten für den Hund Defizite im mimischen Bereich, ganz zu schweigen von den bis vor wenigen Jahren noch kupierten Ruten. In Anpassung an den Menschen als sehr stark akustisch kommunizierendes Wesen sind dafür die Lautäußerungen des Hundes vielfältiger, allem voran das Bellen, das beim Wolf kaum eine Rolle spielt. Während der langen Zeit als Gefährte der Menschen hat der Hund auch umgekehrt gelernt, die menschliche Ausdrucksweise besser zu verstehen als der Wolf.
Wolf-Hund-Mischlinge als Haustiere?
Selbst ein von Menschen aufgezogener Wolf wird nie die Haustierqualitäten eines Hundes haben: Die beiden trennen schließlich viele tausend Jahre Domestikation. Ein bedenklicher Trend aus den USA ist die Zucht von Wolfshybriden: Sie ähneln im Verhalten wieder eher Wölfen und sind als Haustiere für Laien völlig ungeeignet.
Quelle: Erik Zimen, "Der Hund", Goldmann 1988
