
- Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf - Berlin Verlag
"Je weniger Lebenszeit zur Verfügung, um Liebe noch in die Tat umzusetzen, desto inniger lernt man (logischerweise) zu lieben. Folgerichtig dürfte man in der Stunde des Todes dann endlich der geborene Liebhaber sein - derer, die man zurücklässt, des Lebens." Es sind abgründige, ironisch-todernste Aphorismen wie diese, die das Tagebuch "Der Schattenfotograf" als großartiges literarisches Vermächtnis eines wichtigen deutschsprachigen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkennen lassen. Schnurre gehört heute zwar zum Schulbuchkanon, vor allem mit den Vater-Sohn-Geschichten des Buches "Als Vaters Bart noch rot war", wurde aber doch weitgehend von der Öffentlichkeit vergessen.
Wolfdietrich Schnurre verwandelte die Short Story in die Kurzgeschichte
"Der Schattenfotograf" von Wolfdietrich Schnurre, elf Jahre vor dem Tod des Schriftstellers und Literaten publiziert, ist zu Recht mit den Tagebüchern des Schweizer Zeitgenossen Max Frisch verglichen worden. Sie sind ebenso nachdenklich, tiefsinnig und weitsichtig geschrieben. Dieses Buch von Schnurre, dessen größtes Verdienst bis zum Erscheinen des Bandes unwidersprochen die Entwicklung der deutschsprachigen Short Story nach amerikanischen Vorbildern war, gehört in den Kanon der fünf oder sechs interessantesten Sammlungen von Selbstzeugnissen des 20. Jahrhunderts, neben den Notizen von Franz Kafka, Thomas Mann, Viktor Klemperer und einigen anderen. Es enthält Erinnerungen, verworfene Prosaversucheund, Reflexionen, Aphorismen, Sentenzen, Miniaturen, Dialoge, Gedichte, unabgeschickte Briefe und viele Zitate.
Berlin Verlag brachte Schnurre-Bücher neu heraus
Anlässlich des 90. Geburtstags von Wolfdietrich Schnurre publizierte der Berlin Verlag in einem sehr anerkennswerten Wurf in wunderbarer Aufmachung die wichtigsten und schönsten Bücher dieses Schriftstellers, der in der aktuellen Literaturbetrachtung hinter den Ikonen der Nachkriegsliteratur und der ehemaligen "Gruppe 47" Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Martin Walser, Alfred Andersch etwas zurücksteht. Schnurre bekam auch nie den von 1950 bis 1962 achtmal vergebenen Literaturpreis der "Gruppe 47". Immerhin hatte er 1947 die erste und 1962 die letzte Geschichte bei den legendären Lesungen vorgetragen. Allerdings bekam er später aber den Georg-Büchner-Preis, die höchste literarische Anerkennung Deutschlands. Neben den Kurzgeschichten gilt das in 14 Kapiteln 1978 erschienene Tagebuch-Spätwerk "Der Schattenfotograf" als Schnurres wichtigstes Buch. Der Buchumschlag zeigt den Schriftsteller mit seinem Hund.
Wertvoller Tipp für Stubenhocker: Lektüre verschafft Lebenserfahrung
Apropos Short Story: Das mehr als 500seitige Tagebuch enthält zahlreiche Überlegungen und Auseinandersetzungen mit literarischen Vorbildern, Denkrichtungen und Strömungen. Eine Sentenz über William Faulkner, neben Poe und Hemingway der erfolgreichste amerikanische Short Story-Autor, lautet folgendermaßen: "Faulkner, auf dem Campus befragt, was man als angehender Schriftsteller tun müsse, um das Leben kennenzulernen: 'Lesen, lesen, lesen.' Deprimierende Antwort. (Jedoch nur für Kolumbus, nicht für den Mönch.)"
Proust hatte die Madeleine - Schnurre nahm eine Sicherheitsnadel
Oft blitzt der Schalk hinter den ernsthaften Bemerkungen hervor, manchmal auch Sarkasmus,ebenso Bitterkeit und Mitgefühl, etwa, wenn es um den Tod geht, der eine wichtige Rolle in den Notizen einnimmt: "Die Rache der Dinge. Zwanzig Jahre hatte er den Schmerz um ihren Tod tief in sich verschlossenl. Da fiel ihm die Sicherheitsnadel in die Hände, mit der sie sich einmal den Kleidersaum festgesteckt hatte, und um seine Beherrschung war es geschehen."
Bücher schreiben als Broterwerb zu dürftig
Das alltägliche Sorgen, Bangen, die intellektuelle Aufmüpfigkeit des Schriftstellers, die alte Frage, ob Berufung oder Beruf sein Tun steuern, die "Gratwanderung zwischen Schreibtisch und Kasse", Gratwanderung des "Geldverdienens, ohne sich verkaufen zu müssen" vereinen Schnurres Tagesnotizen mit vielen Vorgängern bis ins 18. Jahrhundert zurück, als das Schriftstellern sich zur eigenständigen Profession zu entwickeln begann. "Denn wir müssen ja leben. Bücher steuern allenfalls den Brotaufstrich bei. Doch man ist nun mal aufs Büchermachen fixiert. Und für diesen Luxus muss man bezahlen." Schnurre bezieht sich hier auf seine Arbeit an Fernsehspielserien, mit der er sich eine Existenzbasis schuf.
Wolfdietrich Schnurre erinnert sich an seine Kindheit
"Der Schattenfotograf" enthält viele Passagen mit Erinnerungen an Kinder- und Jugendzeit, die der mutterlos aufgewachsene Schnurre oft in den konfessionell und weltanschaulich verschiedenartigsten Kinder- und Erholungsheimen verbrachte. "Gott mus Atheist sein. Nur so ist der ungestrafte Missbrauch seines Namens erklärbar." Zugleich hatte er es offenbar mit immer neuen Gefährtinnen des Vaters zu tun: "Er sucht seine Rippe.' Frau K., die uns, nach Ilse, den Haushalt führte, von Vaters Bestrebungen, nach einer neuen Freundin Ausschau zu halten." Kurz darauf findet der Vater eine neue "Rippe" und berichtet dem Sohn, "allerdings in Worten, die Allgäuer Kinderheimtanten auch vorlesen konnten." All dies prägte sicher auch seine Lebensskepsis, seine Jenseitszweifel, aber auch seinen Humor, seine geistige Weltoffenheit und Toleranz (obwohl der heutige Leser gelegentlich zusammenzuckt, weil zum Beispiel das Wort "Neger" noch in den 70er Jahren offenbar political correct und unverfänglich verwendet wurde).
Krebs, Asthma und die Angst um die Lieben
Dennoch scheint der Autor unter massiven Verlust-, Trennungs- und Todesängsten gelitten zu haben, allerdings wurde sein Lebensoptimismus durch die Realität, die asthmatischen Anfälle seines Sohnes, für den er übrigens ein wunderschönes Weihnachtsbilderbuch malte und textete, und die Krebserkrankung seiner Frau mit häufigen Untersuchungen und Krankenhausaufenthalten stark gedämpft. Die privaten Notizen nehmen einen breiten Raum in dem Tagebuch ein. "Aufschub oder Freispruch? Marinas Untersuchungsergebnisse liegen vor: Aufatmungserlaubnis. Wir machen tief und heftig von ihr Gebrauch." Eine ständige emotionale Achterbahnfahrt: "Dabei glücklich. Glücklich, um zwei Menschen Angst haben zu dürfen, auf denen all meine Hoffnung und wenig gefestigte Zuversicht ruht: auf Marina und Nenad. Die Literatur hat da nur Schmierölfunktion; ich laufe sonst nicht."
Das eigene Begräbnis gut planen
Zu guter Letzt erfoglt eine heiter-melancholische Planung für das eigene Begräbnis. Natürlich soll eine Geschichte vorgelesen werden (nicht seine eigene berühmte Short Story "Das Begräbnis", sondern Johann Peter Hebels "Unverhofftes Wiedersehen"). Beim Leichenschmaus soll Eisbein mit Erbsenpuüree und Sauerkraut serviert werden. Eine Hillibilly-Band soll spielen. "Ach ja, und das Begräbnis sollte am Vormittag liegen. Warum den Leuten den Abend verderben." Wie ist es wirklich gekommen? 1989 starb Schnurre, ohne den Fall der verhassten Berliner Mauer noch erlebt zu haben. Seine Frau Marina, ursprünglich Grafikerin, wurde eine bekannte Psychoonkologin und lebt heute in Berlin und Kroatien. Die müsste man mal fragen.
Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf. Berlin Verlag 2010. Gebunden. 532 Seiten. 28 Euro
Wolfdietrich Schnurre: Als Vaters Bart noch rot war. Hrsg. von Marina Schnurre. Berliner Taschenbuchverlag 2008. 317 Seiten. 9,90 Euro
