
- Wolfdietrich Schnurre: Funke im Reisig (1965) - Berlin Verlag
"Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Klopfts. Steig ich runter, leg den Hammer weg und den Nagel; mach auf: Nacht; Regen." 23 Wörter in verknapptem Aussagestil genügen Wolfdietrich Schnurre, um den Leser in Bann zu ziehen, ihm (und ihr) eine plastische Vorstellung der Szene zu vermitteln, man fröstelt geradezu, Düsternis steigt aus den kurzen Sätzen auf und wird sogleich bekräftigt: Jemand ist gestorben, Gott.
Die Geburt der "Gruppe 47" am Allgäuer Bannwaldsee
Wolfdietrich Schnurre verfasste die surreal anmutende Erzählung "Das Begräbnis" vermutlich 1947, jedenfalls las er sie im September dieses Jahres bei einem Autorentreffen in einem Privathaus am Allgäuer Bannwaldsee nahe Hohenschwangau bei Füssen vor. Diese Zusammenkunft von 16 Nachkriegsschriftstellern – darunter Alfred Andersch, Hans Werner Richter, Heinz Friedrich, Walter Kolbenhoff, Nicolaus Sombart, um nur die bekannteren Namen zu nennen –, gilt als Geburtsstunde der legendären literarischen "Gruppe 47". Die sogenannten "Kahlschläger" - die von Wolfgang Weyrauch so bezeichneten jüngeren Nachkriegsautoren, von denen viele gerade aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrt waren, wollten stilistisch-sprachlich, thematisch und politisch von vorn anfangen, sie misstrauten jeglichen Organisationen, Parteien, Vereinen, dogmatische Weltanschauungen und eben auch stilistischem Formalismus.
Der deutsche Hemingway heißt Schnurre
Wolfdietrich Schnurre (1920-1989) gilt für die deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts als erster und bester Meister der nach amerikanischen Vorbild geschriebenen Short Story im Geiste von Ernest Hemingway und William Faulkner. Wenn Schüler heutiger Zeit im Deutschunterricht lernen, woran eine Kurzgeschichte zu erkennen ist und was ihr Wesen ausmacht, nehmen Lehrer in den oberen Klassen gern die Definition und die Erklärung Schnurres "Zur Problematik der Kurzgeschichte" (1960) als Grundlage. Sie ist bis heute aktuell. Schnurre veröffentlichte sie als Teil seiner dritten Sammlung von Erzählungen: "Funke im Reisig".
Berlin Verlag publiziert Bücher von Wolfdietrich Schnurre neu
Anlässlich des 90. Geburtstags von Wolfdietrich Schnurre publizierte der Berlin Verlag in einem sehr anerkennswerten Wurf in wunderbarer Aufmachung die wichtigsten und schönsten Bücher dieses Schriftstellers, der in der aktuellen Literaturbetrachtung hinter den Ikonen der Nachkriegsliteratur und der ehemaligen "Gruppe 47" Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Martin Walser, Alfred Andersch etwas zurücksteht. Schnurre bekam auch nie den von 1950 bis 1962 achtmal vergebenen Literaturpreis der "Gruppe 47". Neben den Kurzgeschichten gilt das in 14 Kapiteln 1978 erschienene Tagebuch-Spätwerk "Der Schattenfotograf" als Schnurres wichtigstes Buch.
"Funke im Reisig" von Wolfdietrich Schnurre
Der neue Band "Funke im Reisig" versammelt Wolfdietrich Schnurres Erzählungen seit 1945 bis 1965. Die Anthologie schließt auf zwei Seiten mit der unbedingt lesenswerten autobiografischen Charakteristik "Wer ich bin", worin Schnurre seine ganze Existenz, den Verlauf seines Lebens über die sinnliche Wahrnehmung seiner Umgebung definiert. Noch politischer kann Literatur kaum sein:
Wer war Wolfdietrich Schnurre?
"Ich bin Jahrgang zwanzig. Mit sechs habe ich in den österreichischen Alpen zum ersten Mals das Lied Hakenkreuz am Stahlhelm gehört. Zwei Männer in Wickelgamaschen und Lodenmänteln haben es donnernd in den Bergen gesungen, und das Echo donnerte mit. ... Im Frühling darauf habe ich in einer Strafkompanie Minen geräumt. Wir hatten keine Suchgeräte. Wir fingen uns Hühner und Hunde, die scheuchten wir vor uns her. Und im März 45, als ich an einem tauigen Morgen in gestohlenen Zivilkleidern westlich Küstrin behutsam von Bauernhof zu Bauernhof schlich, da habe ich zum ersten Mal auch begriffen, wasd Frieden sein könnte."
Wolfdietrich Schnurre: Funke im Reisig. Erzählungen 1945 bis 1965. Berlin Verlag 2010. Gebunden. 26 Euro.
Wolfdietrich Schnurre: Der Schattenfotograf. Berlin Verlag 2010. Gebunden. 28 Euro.
Wolfdietrich Schnurre: Es ist wie mit dem Glück. 19 heitere Erzählungen. Berliner Taschenbuch 2010. 10,95 Euro
