Wolfgang Herrndorfs "Tschick" ist ein Adoleszenzroman voll Witz

Als Film wäre Herrndorfs "Tschick" ein abgedrehter Roadmovie, als Roman ist es die urkomische Adoleszenzgeschichte zweier jugendlicher Außenseiter.

"Tschick" beginnt auf der Polizeistation wo der jugendliche Ich-Erzähler und Protagonist nach einem Autounfall mit einer schweren Wunde am Bein und seinem Vater sitzt. Vom Polizisten danach befragt, lässt er seine ungewöhnlichen Sommerferien Revue passieren. Der andere Junge ist erst kurz vor den Sommerferien in seine Klasse bekommen und von Beginn an anders gewesen. Er kam betrunken zum Unterricht, sprach nur selten und wenn, dann mit schwerem russischen Akzent. Weil sein Name so schwer auszusprechen ist, wird er Tschick genannt. Genau wie der Protagonist ist er ein Außenseiter. Es entsteht ejne eigenartige Anziehung zwischen den beiden, die vor allem durch Tschicks Initiative zur Freundschaft wird. Zu Beginn der Sommerferien steht er einfach vor der Haustür des Ich-Erzählers und möchte Zeit mit ihm verbringen. Dem ist das zunächst gar nicht Recht, da er sich auf Ferien allein zu hause gefreut hat, da seine alkoholabhängige Mutter wieder einmal in einer Klinik und sein Vater "auf Geschäftsreise", also bei seiner Geliebten ist.

On the Road

Tschick überredet ihn, ein Auto zu klauen, für eine Spritztour heißt es zunächst, das hätten er und seine Brüder schon oft gemacht. Einmal "on the road" beschließen sie einen Urlaub zu machen. Sie wollen Tschicks Familie in Russland besuchen. Es beginnt eine aberwitzige Fahrt quer durch Deutschland. Die beiden 16-Jährigen führen intensive Gespräche, die zwischen überspanntem Blödsinn und tiefschürfenden Ideen von Lebensentwürfen hin und her springen. Herrendorfer wählt dabei seine Worte so geschickt, dass der Leser entweder selbst in seine nicht allzu weit zurückliegende Jugend versetzt wird oder eine authentische Atmophäre dessen spürt, was Jugend heute ausmacht.

Das tragikomische Gefühlsleben der Jugend

Herrendofers Roman handelt vom Erwachsenwerden genauso wie von der Weisheit der Jugend. Dabei mischt er immer wieder gekonnt brüllend komische oder ironische Szenen in seine Geschichte, ohne die Charaktere dadurch lächerlich zu machen. Er lässt sie darüber nachdenken, was Erwachsensein ausmacht und ob es sich lohnt es zu werden. Dabei entdecken sie auch das zentrale Thema der Jugend, die Sexualität, auf überraschend unpathetische Weise. Sie unterhalten sich ebenso trocken und sachlich über Normativität und davon abweichende Orientierungen und entscheiden, dass es im Grunde keinen Unterschied macht ob jemand Frauen oder Männer liebt. Herrendorfers Charaktere geben dem Leser eine trockene Lektion zum Thema Toleranz und Akzeptanz gegenüber der Abweichung. Dabei wird niemals der pädagogische Zeigefinger erhoben. Allen, die ihre Jugend selbst noch nicht vergessen haben sei dieser außergewöhnliche Roman ans Herz gelegt. Es gibt nur selten solch erfrischende Lektüre auf dem internationalen Buchmarkt!

Herrndorf, Wolfgang: Tschick; Rowohlt 2010; 3871347108; gebundene Ausgabe; 16,95 Euro

Mareike Höckendorff, Mareike Höckendorff

Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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