
- Russlands Flüsse sind weit: Die Moskwa in Kolomna - Public Domain Pictures
Am Sonntag, den 10. Juli 2011, warf in der russischen Stadt Bolgar (gelegen in Tatarstan, am Kuibyschew-Stausee der Wolga) das Ausflugsschiff „Bulgarija“ die Motoren an, um den Rückweg einer Zweitagestour nach Kasan anzutreten. An Bord des 80 Meter langen, weiß gestrichenen Ausflugsdampfers mit zwei Decks tummelten sich 208 amtlich registrierte Menschen – und eine bislang unbekannte Anzahl nicht verzeichneter Personen. Denn Wolga-Kreuzfahrten sind im In- und Ausland heiß begehrt.
Zwei Stunden später tobte ein Unwetter mit starkem Regen über den Stausee hinweg und wirbelte hohe Wellen auf. Binnen drei Minuten hatte die „Bulgarija“ schwere Schlagseite, lief voll und kenterte. Es passierte so schnell, dass viele Passagiere gar nicht mehr die Chance hatten, sich aus dem Schiff zu retten – namentlich die Kinder, die sich an Unterdeck im Spielzimmer des Dampfers vergnügten.
Wer mehr Glück hatte, kämpfte eine halbe Stunde lang im kalten Wasser ums Überleben, bis das Passagierschiff Arabella zu Hilfe eilte. Unterdessen, sagen Überlebende übereinstimmend aus, seien zwei Frachter ohne zu helfen an der Unglücksstelle vorbeigedampft. Außerdem hätten Schaulustige den Todeskampf der Passagiere vom zwei Kilometer entfernten Ufer, unweit der Stadt Sjukejowo, gefilmt. Insgesamt wurden 80 Menschen lebend geborgen, der Rest ist tot bzw. vermisst, denn in den zwei Tagen bisher wurden nur wenige Leichen gefunden.
Die „Bulgarija“ - ein schwimmender Haufen Schrott?
Gefunden haben die ermittelnden Behörden dagegen umso mehr Beweise für einen ungeheuerlichen Skandal: Die „Bulgarija“, anno 1955 in der Tschechoslowakei gebaut und seinerzeit als „Denkmal der unverbrüchlichen sozialistischen Völkerfreundschaft“ gefeiert, hätte seit Jahren nicht mehr auf der Wolga (Russlands und Europas größter Strom überhaupt, eher ein Meer als ein simpler Fluss mit entsprechenden Wetterkapriolen) fahren dürfen. Die letzte Generalüberholung des 56 Jahre alten Schiffes hat nämlich vor über dreißig Jahren stattgefunden.
Die Liste der jetzt zutage tretenden Schäden am Museumsstück ist ellenlang: Schon beim Ablegen in Bolgar soll die „Bulgarija“ leichte Schlagseite gehabt haben, was „schlecht verstaute Ladung“ (die „Bulgarija“ hatte über 200 Menschen an Bord, obwohl sie schon 1955 auf 80 Passagiere begrenzt gewesen war) oder aber auf Wasser im Schiff hindeutet. Auch sei der linke Motor defekt gewesen, was die nötigen Manöver im Sturm behinderte. Obendrein seien die Rettungsboote nicht rechtzeitig klargemacht gewesen, und ein SOS-Signal gab es nicht. Dass die Betreiber des Schiffes auf Ersuchen der Ermittler keine gültige Lizenz vorweisen konnten, verwunderte angesichts dieses Bulletins schon niemanden mehr.
Regierung fordert Konsequenzen – Wut der Menschen auf Korruption
Die Katastrophe auf der Wolga hat einen Aufschrei der Empörung quer durch ganz Russland ausgelöst. Die Wut der Bürger richtet sich auch auf die Regierung in Moskau, die einmal mehr „scharfe Konsequenzen“ fordert, ohne diese bisher in anderen Fällen (erinnert sei an die großen Waldbrände im letzten Jahr) durchgesetzt zu haben. „Gott ist hoch, der Kreml ist weit“, lautet ein altes russisches Sprichwort – die ewige Standard-Ausrede für Korruption und Selbstherrlichkeit in diesem riesigen Land, das von der Zentralgewalt mit harter Hand, aber ineffizient kontrolliert wird.
Nun fordert Präsident Medwedjew die „sofortige Überprüfung aller russischen Binnenschiffe“, aber an eine effiziente Umsetzung glaubt so recht niemand – allein schon, weil nach gültigem Gesetz in den nächsten Jahren allein schon aus Altersgründen über 90% der russischen Binnenschifffahrt zum Alten Eisen geworfen und kostenträchtig ersetzt werden müsste. Wohlverstanden: Neunzig Prozent der gesamten Binnenflotte quer durch ganz Russland.
Parallelen zur „General Slocum“ in New York
„Es ist die immer gleiche, altbekannte Geschichte solcher Vorfälle in diesem Land, wo Geld und Macht das Recht verlacht, welches eigentlich Leben schützen sollte – wo die trübselige, trostlose und phantasielose Liebe zum Geld das Gewissen tötet und kostspielige Sicherheit verschmäht. Denn Menschenleben sind ja billig.“
Diese harten Worte schrieb vor über hundert Jahren ein amerikanischer Journalist und Verleger, William Randolph Hearst, in seinem New York Evening Journal unter dem Eindruck des großen Brandes auf dem Ausflugsdampfer „General Slocum“ am 15. Juni 1904, der über tausend Mitglieder einer deutschen Kirchengemeinde das Leben gekostet hatte. Die Parallelen zur „Bulgarija“ sind unübersehbar: Beide Schiffe waren in ihrer Jugend Prestige- und Vorzeigeobjekte gewesen, ehe sie in die Jahre kamen, von der Technik überrundet und von ihren Eignern sträflich vernachlässigt wurden.
Der Holzdampfer „General Slocum“ (der mit zwei Decks und weißen Säulengängen der „Bulgarija“ sogar ähnlich sah) war zwar selbst nicht marode, dafür aber die Rettungsmittel: Feuerschläuche platzten, Schwimmwesten zerbröselten und sogen sich voll, Rettungsboote waren unlösbar verzurrt – alles unter wohlwollendem Blick einer „US-Kommission für Dampfer-Sicherheit“, die zur bloßen Günstlingsnische altgedienter Parteisoldaten verkommen war. Da der zuständige Inspektor nicht verurteilt wurde, kamen auch die Eigner straffrei davon – abgesehen von der öffentlichen Ächtung, versteht sich. Bleibt die vage Hoffnung, dass dieses mal die russische Staatsmacht die vollmundig angekündigten Konsequenzen auch durchzieht.
Quelle: „Ruhr Nachrichten“ & „Westfälische Rundschau“ vom 12.Juli 2011
Literatur: Edward T. O´Donnell: „Der Ausflug“, Hamburg 2006
Foto: © Public Domain Photos
