Der ehemalige Verteidungsminister hat die Lage falsch eingeschätzt. Es war nicht das erste Mal in seiner Amtszeit, aber bei der Plagiatsaffäre konnte er nicht mehr andere entlassen oder freistellen, sondern nur selbst den Hut nehmen. Nach zwei Wochen medialem Dauerfeuer war er nach eigener Aussage an die Grenzen seiner Kräfte gekommen. Diese Entwicklung war zwangsläufig und für erfahrene politische Beobachter absehbar. Warum?
Die Rolle des Internet
Ohne das Netz, soviel ist eindeutig, wäre niemals in so kurzer Zeit herausgekommen, welche Passagen seiner Doktorarbeit aus welchen Quellen stammen. Noch vor einem Jahrzehnt hätte die Schwarmintelligenz keine Chance für eine Aufklärung gehabt. Auch die Aufrufe und massenhaften Proteste aus Kreisen der Wissenschaftler wären ungehört verhallt. Das Internet ist nur eine Technik und es kommt entscheidend auf die Inhalte an. Aber es hat sich in diesem Fall exemplarisch gezeigt, dass diese ebenso wenig repräsentativen Abstimmungen im Netz wie in Boulevardzeitungen enorm unterschiedliche Ergebnisse hatten. Es wird ganz offensichtlich in Zukunft wesentlich schwerer sein, in der Politik und in der Wissenschaft durch Fehlinformationen Images zu gestalten, die nicht eingermaßen kongruent zur Identität sind.
Die Rolle der Parteifreunde
Karl-Theodor zu Guttenberg war der beliebteste Politker der Republik, weil er dem Bild eines Politikers so gar nicht entsprach. Er zog die Massen, also die Wähler an und war deshalb für die Union unentbehrlich. Aus diesem Grund wurde er auch von seinen Parteifreunden vehement verteidigt. Selbst die Kanzlerin, immerhin promovierte Physikerin, ließ alle Vorsicht außer acht und bemühte das Argument, sie hätte keinen wissenschaftlichen Assistenten oder Doktoranden berufen, sondern einen fähigen Politiker. Diese künstliche Zweiteilung von Wissenschaft und Politik, nur zu dem Zweck, den Kopierjob zu bagatellisieren, brachte namhafte Professoren dazu, wirklich in der Öffentlichkeit Klartext zu reden. Und sogar ehemalige CDU-Ministerpräsidenten zeigten Unverständnis. In der CSU blieben die Reihen zumindest nach außen fest geschlossen. Man hatte sich darauf geeinigt, den wichtigsten Hoffnungsträger der Partei zu halten, koste es was es wolle, die eigene Glaubwürdigkeit inklusive. Schließlich hatte er seine Fehler eingestanden und sich entschuldigt. Jeder Mensch mache Fehler, hieß es immer wieder, und habe schon einmal in der Schule abgeschrieben. Außerdem würden die Medien und die Opposition Kampagnen fahren, die in dieser Dimension unangemessen wären. War es ein Bärendienst, den ihm seine Unterstützer erwiesen?
Die Rolle des Selbst
Zu Guttenbergs Krisenmanagement als suboptimal zu bezeichnen, wäre nach Expertenmeinung stark untertrieben. Als die Sache aufkam, hat er den Vorwurf des Plagiats als abstrus zurückgewiesen. Dann wollte er seinen Titel ruhen lassen, bis die Uni Bayreuth die Angelegenheit untersucht hat, dann hat er ganz auf ihn verzichtet. Aber im Amt bleiben wollte er schon. Schließlich hat er doch erkannt, dass weiteres Ungemach drohen kann, wenn nicht nur sein Doktorvater und dessen Nachfolger an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, sondern auch die eingesetzte Kommission zu dem Schluss käme, es wäre vorsätzliche Täuschung gewesen. Als Jurist war ihm nur zu bewusst, was diese Entwicklung nach sich ziehen könnte. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft sollen sich schon die Strafanzeigen stapeln. Die Neue Zürcher Zeitung, aus der zu Guttenberg die Einleitung für seine Dissertation übernommen hat, attestierte ihm einen "fast absoluten Realitätsverlust" bei der Selbstverteidigung. Es ist ihm durchaus abzunehmen, dass er seinen Rücktritt als schmerzlichste Entscheidung seines bisherigen Lebens empfunden hat, auf dieses wichtige Ministeramt zu verzichten. Doch sie war, objektiv gesehen, unausweichlich. Auch wenn die Entscheidung viel zu spät kam und ihm die Behauptung, er hätte nur unbewusst handwerkliche Fehler begangen, keiner wirklich abnahm, kann er jetzt endlich nach einer Phase der Besinnung mit der Wiedergewinnung seiner Glaubwürdigkeit beginnen. Mit Thomas de Maizière, dem bisherigen Innenminister, einem promovierten Juristen und Sohn des ehemaligen Generalinspekteurs der Bundeswehr, Hugenotte aus altem Landadel, wurde sehr schnell ein solider Nachfolger gefunden.
