"Die Zimtläden" kunstvoll neu übersetzt

Doreen Daume lässt die Sprache der Erzählungen bei dtv aufscheinen

Wie Wortblüten, die sich zur Sonne strecken: Bruno Schulz beschreibt die Tragik des Lebens vor dem Ersten Weltkrieg auf leichte und einprägsame Weise

So düster und deprimierend diese Kindheit in der polnischen Kleinstadt Drohobycz gewesen ist, so voller Wunder und Phantasie wirft sie Bruno Schulz in seinem Erzählungsband „Die Zimtläden“ auf. Das beginnt mit der Geschichte „August“, die einen satten, glühenden Sommer festhält, und doch vom nahenden, unaufhaltsamen Ende einer Familiengeschichte kündet. Der Vater ist Tuchhändler, versucht sich seinem Scheitern mit skurrilen Ausbrüchen in eine Phantasiewelt zu entziehen. Stundenlang versteckt er sich in einem Schrank, kommt staubig hervor, um sich schließlich unter Aufbietung aller Kräfte auf die Gardinenstange zu schwingen. Dort kräht er nach ewigem Ausharren wie ein Hahn und schlägt mit den Flügeln.

Blinde Vögel aus Papier

Das Übermenschliche wird er suchen, dieser offensichtlich wirre, jedoch körperlich erstaunlich vitale Mann, oder auch etwas Nichtmenschliches, das Ruhe, Frieden und Gewaltlosigkeit innehat. In einem grauen und langweiligen Winter beginnt er damit, befruchtete Vogeleier aus aller Herren Länder von unheimlichen Hennen ausbrüten zu lassen. Das ganze Haus ist schließlich voll von Vögeln jeglicher Größe und Art. Menschen haben hier keinen Platz mehr, bis das Zimmermädchen Adela dem Vogelspektakel ein Ende macht und die ganze Schar aus dem Fenster in die ungewisse Freiheit entlässt.

Am Schluss seiner dichten, wortstarken Erzählungen nimmt Bruno Schulz das ornithologische Leitmotiv wieder auf. In der „Nacht der großen Saison“ kehren blinde Papiervögel zu ihrem Meister zurück, erkennen ihn jedoch nicht mehr. Denn unter größten Qualen für alle, die mit ihm zu leben wussten, hat sich der Vater in eine bedrohliche schwarze Schabe verwandelt. Das Inferno kreist mit Stürmen und Regenfluten die Familie ein, bis es sie dann ganz mit sich fort reißt.

Als ob die Schneiderpuppen tanzten

Bruno Schulz beschreibt diese Dramatik in reicher Sprache, wie mit Wortblüten, die sich der Sonne entgegenstrecken. Es kommen tanzende Schneiderpuppen vor, über die der Vater gleichwohl philosophisch-verrückte Traktate hält. Auf der Suche nach den „Zimtläden“, die es am Ende gar nicht wirklich gibt, entdeckt und spürt der Junge das Glück seiner Kindheit. Sein kleiner Hund Nimrod gehört dazu, frei aller menschlichen Verirrungen. Erheitert hat ihn auch der Strohwitwer Onkel Karol, dessen Schlafen und Erwachen eines Morgens Schulz auf tief liebevolle Weise darstellt.

Der polnische Jude wurde 1892 in seinem galizischen Dorf, das er später kaum einmal verlassen hat, geboren, und ist 1942 im Ghetto von Drohobycz mutmaßlich von einem Gestapomann auf offener Straße erschossen worden. Sein Leben verlief äußerlich überaus glücklos; umso eindringlicher hat er seine Glücksträume in seinem einzigen Erzählbuch „Die Zimtläden“ ausgemalt. Es ist mit zehn kleinen Illustrationen aus der Hand des Verfassers versehen.

Die Übersetzerin Doreen Daume lässt Schulz‘ Sprachkunst auf feine und einfühlsame Weise aufscheinen. David Grossman hat dem Buch einen Essay nachgestellt, der diesen sehr ungewöhnlichen Autor neben, vielleicht sogar über Kafka und Proust stellt.

(Bruno Schulz, Die Zimtläden, Deutscher Taschenbuch-Verlag 2009, 204 Seiten, ISBN 978-3-423-13838-3, Preis 9,90 €)

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

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