
- Kodices sind abenteuerliche Fundstellen von Sprachdenkmälern - Wilhelmine Wulff / pixelio.de
Während andere Völker Texte besitzen, die tausend(e) Jahre in die Vergangenheit zurückführen, ist dies bei den uralischen Sprachen nicht der Fall. Auf Grund der Lebensweise und der Herkunft der einzelnen Völker sind Sprachdenkmäler in schriftlicher Form selten. Gerade deshalb sind sie aber besonders wertvoll. Innerhalb der uralischen Sprachen (Ungarisch, Finnisch, Estnisch, Saamisch etc.) stammt das erste schriftliche Denkmal aus dem Ungarischen. Diese Texte sind auch heute noch mit Mysterien umrankt.
Die ungarische Sprache und ihre ersten Sprachdenkmäler
Die ungarische Sprache gehört zu der uralischen Sprachfamilie und innerhalb dieser zu den finno-ugrischen, noch näher definiert, zu den obugrischen Sprachen. Dass heißt: Ungarisch ist am nächsten mit Chantisch und Mansisch (kleine indigene Volksgruppen in Sibirien am Ob-Fluss) und etwas weiter entfernt mit Finnisch und Estnisch verwandt. Die Grammatik innerhalb der finno-ugrischen Sprachfamilie zeigt wesentliche Übereinstimmungen. Gemeinsame Wörter sind hingegen selten (zumindest auf den ersten Blick, wenn die sogenannte Lautverschiebung außer acht gelassen wird). In Mitteleuropa ist die ungarische Sprache isoliert. Im Laufe der letzten Jahre orientierte sich die Staats- und Hofsprache des ungarischen Königreiches am Französischen, Deutschen und vor allem Lateinischen. Latein war hunderte Jahre lang die Staatssprache des Landes. Auch insofern sind ungarische Sprachdenkmäler (also Schriften in ungarischer Sprache) verhältnismäßig selten,vor allem jene aus dem 12. bis 14. Jahrhundert. In diese Zeit fallen also die ersten schriftlichen Texte der ungarischen Sprache.
Der erste ungarische Text - gleichzeitig der erste aller uralischen Sprachen
Abgesehen von einzelnen Wörtern und Namen (diese bilden die ältesten Sprachdenkmäler) ist der erste zusammenhängende Text die „Halotti beszéd és könyörgés“ (~Leichenrede und Fürbitte; in lateinischer Schrift, nicht in ungarischer Runenschrift). Diese Rede ist nicht direkt an die liturgische Zeremonie geknüpft, sondern erscheint mehr als Beweinen der menschlichen Vergänglichkeit. Die Sprache ist archaisch und wirkt mythisch. Die Zeichensetzung und Orthografie ist ein starker Gegensatz zum heutigen Ungarisch. Ein durchschnittlich gebildeter ungarischer Muttersprachler ist wohl nicht in der Lage, den Text zu lesen oder gar zu verstehen. Die Leichenrede aus der Zeit um das Jahr 1195 ist das erste ungarische Textdenkmal in der ungarischen Geschichte. Gleichzeitig stellt sie aber auch das älteste Textdenkmal der finno-ugrischen und der uralischen Sprachfamilie dar.
Die ersten Verse: Abenteuerliche Reise eines lateinischen Kodexes
Das erste Gedicht, die ersten Verse innerhalb des Ungarischen sind schon etwas später entstanden. Die „Ómagyar Mária-siralom“ (~Altungarische Marienbeweinung) wird auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Der Fundort des Textes ist ein leeres Blatt im Leuven-Kodex, das durch einen unbekannten Übersetzer angefügt wurde. So wurde der ungarische Text inmitten eines lateinischen Kodexes gefunden. Das Original, um dessen Übersetzung es sich bei der „Máriasiralom“ handelt, wurde noch nicht gefunden. Alleine schon die Geschichte des Kodexes ist abenteuerlich. Erst im 20. Jahrhundert ist sein Weg belegt. Ein deutscher Antiquar erstand das lateinische Buch. Von ihm, nach dem ersten Weltkrieg, kaufte eine Kommission das Werk, um die Bibliothek der Universität von Leuven (Belgien) zu bestücken. Im zweiten Weltkrieg brannte die Universitätsbibliothek ab. Der Kodex aber überstand die Ereignisse in einem Panzerschrank. Nachdem Herkunft und Verfasser des ungarischen Textes unbekannt sind, bildet auch die „Altungarische Marienbeweinung“ eines der großen Rätsel der ungarischen Sprache und Literatur.
Wort und Namensmagie
Mehrere der ersten Wortdenkmäler (diese sind teilweise bedeutend vor den ersten Textdenkmälern entstanden), sind Eigen- bzw. Schutznamen. Diese sind noch übrig gebliebene magische Elemente der alten, untergegangenen mythischen Schamanen-Welt der Urmagyaren. Die Schutznamen sind Bestandteile der Wortmagie und sollten das neugeborene Kind vor den bösen Geistern und Dämonen beschützen (wohl auch Säuglingssterblichkeit). Durch das Benennen des Kindes mit einer Art Deckname, durch die verbale Herabstufung des Kindes, sollte nicht die Neugierde der Geister geweckt, das Kind als wertlos gezeigt werden. Als Beispiel seien „Féreg“ „Szemét“ „Patkány“ (~ „Ungeziefer“ „Dreck“ „Ratte“) angeführt. Durch das Vortäuschen eines Kindestodes sollte dem Dämon vermittelt werden, dass das Geborene nicht mehr geraubt werden müsse. Als grausam klingende Beispiele: „Halálocska“ „Nemél“ „Nevetlen“ ( ~ „KleinerTod“ „Lebtnicht“ „Namenlos“) - das letztere deutete an, dass jemand ohne Namen eigentlich nicht existiert. Wie lange Schutznamen unter dem mittelalterlichen Volk verwendet wurden, ist unbekannt. Manche uralische Volksgruppen, die archaische Sitten in die heutige Welt hinüber retten konnten, verwenden noch heute Ähnliches, um ihre Neugeborenen zu schützen.
Quelle: Dömötör, Adrienne: Régi magyar nyelvemlékek (Alte ungarische Sprachdenkmäler), Akademia Verlag, Budapest 2006.
Laakso, Johanna: Uralische Landeskunde, Skriptum zur Vorlesung. Universität Wien, 2003.
Bildquellennachweis: Wilhelmine Wulff / pixelio.de
