Kannibalen sorgen seit jeher sowohl für Abscheu und Grusel, als auch Faszination. Kein Wunder, dass sich Hollywood nur allzu gerne dieses Themas annimmt und spätestens seit Wes Cravens Genreklassiker „The Hills Have Eyes“ einen Horrorfilm nach dem anderen mit Menschenfressern im Handlungszentrum auf den Markt wirft. Einen der erfolgreichsten Streifen dieser Art stellt bis heute „Wrong Turn“ dar.
Der mit Eliza Dushku in der Hauptrolle besetzte Slasherfilm überzeugt zwar weder mit einer originellen Prämisse, noch einem ausgefeilten Drehbuch voller überraschender Plotwendungen. Doch Horrorfans ohne jeglichen Qualitätsanspruch werden mit dem Film bestens bedient.
„Wrong Turn“: Wenn die tollen Mutanten kommen!
Der Medizinstudent Chris (Desmond Harrington) hat es eilig, um einen Vorstellungstermin wahrnehmen zu können. Ausgerechnet an diesem Tag staut es sich auf dem Highway. Doch Chris denkt nicht daran, so einfach aufzugeben: Er verlässt die Straße und macht sich auf die Suche nach einer Umfahrung. Tatsächlich findet er an einer Tankstelle eine Wegbeschreibung, die eine Abkürzung durch den Wald vorschlägt. Frohgemut fährt der Student weiter – und kracht auf Grund kurzzeitiger Ablenkung in den geparkten Wagen der Freunde Jessie (Eliza Dushku, bekannt aus „True Lies“, „Nobel Son“ und der TV-Serie „Buffy“), Carly (Emmanuelle Chriqui), Scott (Jeremy Sisto), Evan (Kevin Zegers) und Francine (Lindy Booth).
Da Chris’ Handy wie in jedem Horrorfilm üblich keinen Netzempfang findet, müssen die jungen Leute wohl oder übel zu Fuß nach Hilfe suchen. Tatsächlich stoßen sie auf eine Waldhütte, die sie ohne Bewohner vorfinden. Nichtsahnend erkunden sie das Haus nach einem Telefon, finden aber zu ihrem blanken Entsetzen stattdessen Leichenreste in einer Badewanne sowie in Einmachgläsern abgefüllte Körperteile vor. Zu allem Überfluss kommen die Bewohner ausgerechnet in diesem Augenblick von ihrem letzten Jagdausflug zurück. Ihre Beute: Jessies Freundin Francine, die sofort in handliche Stücke zerstückelt wird …
„Wrong Turn“ auf den Spuren der Legende um Sawney Bean
Nun wäre es einfach, „Wrong Turn“ lediglich als weitere Variante von Wes Cravens Genreklassiker „The Hills Have Eyes“ zu begreifen. Tatsächlich weisen die Filme zwar eine gewisse inhaltliche Ähnlichkeit auf. Doch die Wurzeln der Thematik reichen viele Jahrhunderte zurück und führen nach Schottland, wo im 15. Jahrhundert die Kannibalenfamilie des Sawney Bean gewütet haben soll. Angeblich seien viele hundert Bewohner der Umgebung sowie Reisende von der Sippe getötet und verspeist worden.
Auch wenn die Legende des Sawney Bean und seiner Familie von kaum einem Historiker als wahr erachtet wird: Ihre abscheuliche Faszination legte den Grundstein zu „The Hills Have Eyes“ und somit auch zu Filmen wie „Wrong Turn“. Das unheimlichste Element solcher Horrorstreifen bildet der Umstand, dass die Monstren nicht aus fernen Ländern stammen und in Grüften oder alten Schlössern hausen. Vielmehr befinden sich die Kannibalen in „Wrong Turn“ im Wald und überwältigen ahnungslose Passanten.
Durch Inzest erzeugte Mutanten
Wie in (fiktiven) Zeitungsartikeln zu Beginn des Filmes suggeriert wird, führten Inzest zu den grausig entstellten Mutanten mit dem unstillbaren Hunger auf Menschenfleisch. Auch Sawney Beans Sippe soll sich auf diese Weise stetig vergrößert haben. Freilich wendet Regisseur Rob Schmidt einen wenig subtilen, jedoch effizienten Trick an, um die Sympathien des Zuschauers von Anfang an einseitig den jungen, ausnahmslos attraktiven Protagonisten zu schenken: Die Mutanten sind zwar sozialer Interaktion fähig, beherrschen den Umgang mit Maschinen und Apparaten und sind ausgezeichnete Jäger.
Doch die menschliche Sprache ist ihnen fremd. Wie Tiere verständigen sie sich mit grunzenden Lauten untereinander und werden auf diese Weise ganz klar in die Ecke des buchstäblich „Unmenschlichen“ gedrängt. Mit diesen Kreaturen kann man kein Mitleid empfinden, da sie nicht nur Menschen morden und essen, sondern zudem kaum noch selbst als Menschen zu betrachten sind. Da es sich bei den Mutanten um weiße „Rednecks“ handelt, erregte diese Darstellung auch in den um politische Korrektheit bemühten USA keinen Unmut.
Stan Winston lieferte die Masken für „Wrong Turn“
Bemerkenswert an „Wrong Turn“ sind vor allem die liebevoll designten Masken der Mutanten. Angefertigt wurden diese von Stan Winston, für den dieser Horrorstreifen eine der letzten Arbeiten vor seinem Tod 2008 darstellte. Berühmt wurde der Spezialist für Masken und Spezialeffekte durch Klassiker wie „Aliens – Die Rückkehr“ oder seine entsprechende Mitarbeit an der „Terminator“-Reihe, wobei er während der Dreharbeiten zu „Terminator: Die Erlösung“ verstarb. Der vierte und bislang letzte Teil der Science-Fiction-Serie wurde deshalb Stan Winston gewidmet.
Immerhin bietet „Wrong Turn“ Gelegenheit, noch einmal die Kreativität eines Ausnahmekünstlers bewundern zu dürfen. So abscheulich die Mutanten auch aussehen mögen: Ihrer Hässlichkeit wohnt eine gewisse Ästhetik des Grauens inne.
Unspektakulär und überraschungsfrei, aber sauber inszeniert
Nicht nur auf Grund der knappen Laufzeit von rund 80 Minuten zählt „Wrong Turn“ zu jenen Genrevertretern, die rasch auf den Punkt kommen. Es dauert nicht lange, bis die attraktiven Protagonisten in der Waldhütte der Mutanten erstmals mit dem puren Horror konfrontiert werden. Ab diesem Zeitpunkt werden Eliza Dushku & Co durch den Wald gehetzt, mit Pfeilen beschossen oder ausgeräuchert. Dabei stellen die gar nicht tumben Kannibalen beachtliche Kreativität fürs Töten unter Beweis. Etwa in der wohl besten Szene des Filmes, wenn einer jungen Frau der Mund ein für alle Mal geschlossen wird. Mit einer Axt …
Es sind denn auch die Splatterszenen, welche den Streifen durchaus empfehlenswert machen. Zu verdanken ist dies einer sauberen Inszenierung, die lediglich an völliger Vorhersehbarkeit laboriert. Wer wann abserviert wird, um später erneut serviert zu werden, erfordert keine detektivische Spurnase. Jeder mit dem Genre halbwegs vertraute Zuseher kann sich an einem Finger abzählen, welches Pärchen das Gemetzel überleben und wie der Film (Abspann beachten!) enden wird.
Fazit nach nicht einmal eineinhalb Stunden: „Wrong Turn“ bereitet vor allem auf Grund der sehenswerten Splatterszenen morbiden Spaß. Wer dem Genre nichts abgewinnen kann oder auf atmosphärischen statt oberflächlichen Horror steht, dürfte mit diesem Film weniger Freude haben.
Originaltitel: „Wrong Turn“
Regie: Rob Schmidt
Produktionsland und -jahr: USA, 2004
Filmlänge: ca. 81 Minuten
Verleih: Constantin Film Verleih
Deutscher Filmstart: 28.8.2003
DVD-Veröffentlichung: 18.3.2004
