Wu tsê-tien – Lieblingskonkubine und erste Kaiserin von China

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Mit Wu tsê-tien hält zum ersten Mal in der Geschichte des kaiserlichen China eine Frau die uneingeschränkte Macht in Händen.

Nach dem Tode des großen Kaisers Tai-Tsong wurde seine Lieblingskonkubine Wu tsê-tien (624-705 n. Chr.) nach alter Tradition in einem konfuzianischen Tempel hoch oben in den Bergen gefangen gehalten. Ein Greis mit geschwollenen Lippen eröffnete ihr dort, dass es für sie mit dem glanzvollen Leben bei Hofe nun vorbei sei und sie den Rest ihrer Tage darauf zu verwenden habe, ihr eigenes Wesen zu veredeln. Mit verdrossener Miene betrachtete die einstige Favoritin die Landschaft. Die ehemalige Lieblingskonkubine muss sich gedacht haben: Wenn Konfuzius daran schuld ist, dass ich hier eingeschlossen bin und man mir den Kopf geschoren hat, wird Buddha gewiss mehr Milde walten lassen. Wu tsê-tien war nicht daran gewöhnt, ihr Geschick allzu sehr in die Hände der Götter zu legen.

Die Weichen zur Flucht sind bereits gestellt

Und in der Tat, die Weichen zu ihrer Flucht waren bereits gestellt: Wenige Tage später traf eine Karawane ein, und mit dieser Karawane reiste Kao-Tsong, der neue Kaiser und Sohn des großen Tai-Tsong. Er besuchte das Kloster, um die ehemalige Favoritin seines Vaters zu holen, denn er gedachte sie zu seiner eigenen Konkubine zu machen. Im dämmerigen Licht der Zelle mied sie den begierigen Blick des Kaisers. Sie wusste, dass ihre Hände und Lippen für ihn mit zahlreichen Erinnerungen behaftet waren. Nicht umsonst hatte sie ihm, dem Sohn des Drachen, oft Trost gespendet, wenn sie ihn des Nachts Alpträume heimsuchten. Sie begriff, dass ihre verstohlenen Liebkosungen auf seinen bartlosen Wangen erblüht waren und dass ihr nichts mehr die Tore des Palastes würde verschließen können. Lächelnd bestieg sie die Kutsche aus Sandelholz.

Wu tsê-tien wird abermals die mächtigste der kaiserlichen Konkubinen

Schon bald war Wu tsê-tien abermals die mächtigste der kaiserlichen Konkubinen. Wollte sie vom süßen Fruchtfleisch der Lychees kosten, wurden die Reiter mit den schnellsten Pferden ausfindig gemacht, die ihr die frische Frucht noch vor Tagesbeginn aus Kanton brachten. Kao-Tsong ließ für sie ein marmornes Wasserbecken erbauen, umgeben von Vogelskulpturen, die ihr ein langes Leben verhießen. Und selbst die gutmütige Kaiserin Wang, wegen ihrer Unfruchtbarkeit in einer misslichen Lage, hegte keinen Groll gegen sie. Wu tsê-tien sah sie in den Gärten spazieren gehen und fragte sich, wie Buddha so viel Ungerechtigkeit dulden konnte. Sie befragte dazu einen Mönch, Mitglied einer kontemplativen Sekte, der zwei Jahre zuvor in den Palast gekommen war und seither mit dem Gesicht zur Wand stand und meditierte. Er hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt. Von seltsam wachem Geist, soll er zu ihr gesagt haben, die Wahrheit ruhe weniger in den Taten der Menschen, sondern in der Reinheit des Herzens. Gebete, gute Werke und eine asketische Lebensweise seinen eitel und müßig. Allein durch das völlige Fehlen von Wünschen könne man zur höchsten Erkenntnis gelangen, und diese sei wie eine plötzliche Erleuchtung, vergleichbar mit einem Sprung über den Abgrund. „Dies kann man weder lehren noch erlernen“, soll Wu tsê-tien geistesabwesend bemerkt haben.

Wu tsê-tien wird schwanger

Wu tsê-tien trug mit offenkundiger Demut ihren vom Kaiser befruchteten Leib zur Schau. Monate verstrichen, und Wu tsê-tien gab sich einer Schwermut voller Verheißungen hin. Sie wusste, dass die Kaiserin, deren Bauch einem Stück rissigen, trockenen Leders glich, sie von den kaiserlichen Gemächern aus beobachtete. Doch Wu tsê-tien gebar ein Mädchen. Sie eilte zum Mönch, der noch immer mit dem Gesicht zur Wand stand, warf sich ihm zu Füßen und weinte lange. „Buddha ist launisch“, soll sie dem Mönch zugeflüstert haben, „dabei bin ich doch seine beste Schülerin“. Vergeblich ermahnte der Mönch sie, ihr Herz solle wie ein Teich voll Lotusblüten sein und nicht wie Sturmwellen, die sich an den Felsen brechen. Wu tsê-tien ahnte damals bereits, dass der Frieden des Herzens von jedem Menschen einen anderen Preis fordert und dass ein völliges Fehlen von Wünschen sich nur dann einstellen kann, nachdem man diesen entrichtet hat.

Wu tsê-tien und ihr hinterhältiger Plan

Also heckte Wu tsê-tien einen hinterhältigen Plan aus. Sie wartete, bis die Kaiserin sie in ihren Gemächern aufsuchte, was schon nach wenigen Tagen geschah, und ließ zu, dass sie das Mädchen auf den Schoß nahm. Kaum war Wang gegangen, erstickte die Konkubine die Kleine in ihrer Wiege und verließ das Zimmer durch eine andere Tür, um Kao-Tsong zu suchen. Zwar ging der Kaiser gerade seinen Regierungsgeschäften nach, doch willigte er ein, seine Favoritin auf einen Spaziergang durch die Gärten zu begleiten. Anschließend gingen sie nachsehen, ob ihre Tochter schlief. Als sie das tote Kind entdeckten, täuschte Wu tsê-tien so großen Schmerz vor, dass alle glaubten, sie würde vor Kummer sterben. Mehrere Zofen bezeugten, sie hätten die Kaiserin das Zimmer verlassen sehen, und so wurde Wang beschuldigt, die Tochter der Lieblingskonkubine getötet zu haben. Man sperrte sie in ein unterirdisches Verlies mit nur einem Loch, durch das man ihr das Essen hinabwarf. Später befahl sie, der angeblichen Kindsmörderin die Hände und Füße abzuhacken und sie in ein Weinfass zu werfen. Somit wurde Wu tsê-tien die neue Kaiserin. Zwei Jahre später gebar sie den Sohn des Drachen.

Wu tsê-tien ist die erste Frau im kaiserlichen China, die die uneingeschränkte Macht in den Händen hält.

Wenige Wochen später erblindete der Kaiser, und es dauerte nicht lange, bis er verschied. Zufall? Zum ersten Mal in der Geschichte des kaiserlichen China hielt eine Frau die uneingeschränkte Macht in Händen. Wu tsê-tien regierte das Reich gut, wenn auch mit allzu unerbittlicher Hand. Bei Hofe rollte so mancher Kopf. Als Greisin wurde sie von Verschwörern entmachtet und wieder in das Kloster verbannt, aus dem Kao-Tsong sie vor so langer Zeit befreit hatte

Bildnachweis: © by /pixelio.de

Quellen:

  • Cawthorne, Nigel: Daughter of Heaven - The True Story of the Only Woman to become Emperor of China. Oxford 2007.
  • Wu Zhao: China's Only Woman Emperor, written by N. Harry Rothschild and published 2008 by Pearson Education.
Ingo Noczynski, Ingo Noczynski

Ingo Noczynski - Ingo Noczynski, in Wiesbaden geboren. Buchhändler und Magister (ev. Theologie, Geschichte, Physik) in Mainz. Derzeit für den ...

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