
- Millefiori:tausend Blüten - privat
Wunderbar. Herrliche Blumen, faszinierende Arrangements aus zahllosen Blüten – eine Pracht, der sich niemand verschließen kann. Auch kleine Tiere gibt es, Ameisen, Libellen, Schmetterlinge. Alle leuchten in den schönsten Farben, funkeln und glitzern wie Diamanten. Manche von ihnen sind auch ebenso teuer: Briefbeschwerer, Paperweights, presse-papier, fermacarte heißen sie in den jeweiligen Sprachen. Sie bestehen aus Glas und kosten von einigen zig Euro bis hin zu mehreren hunderttausend.
Zwei führende Experten für Paperweights
Monika Flemming und Peter Pommerencke aus Starnberg beschäftigen sich seit über dreißig Jahren mit den kleinen Kostbarkeiten und sind deutschlandweit führende Experten und Händler.
„Bis das Internet auftauchte, waren wir in Deutschland die einzigen, die mit Paperweights gehandelt haben“, erzählt Peter Pommerencke. Er benutzt das englische Wort bewusst, es handelt sich dabei nicht um einen der vielen Anglizismen, die viele oft unbedacht verwenden. „Ein Franzose hat in den USA vor etwa vierzig Jahren die Renaissance dieser Kunstwerke begründet und somit ist der Begriff international gültig. Das Wort Briefbeschwerer beschreibt diese Gegenstände nicht richtig; im Englischen gab es früher den „letterweight“, aber den Ausdruck kennt heute kein Mensch mehr.“
Früher: Hubschraubenbau bei Dornier
Monika Flemming und Peter Pommerencke sind ausgewiesene Experten mit Kontakten in die ganze Welt. Entstanden ist ihre Leidenschaft aus der Not, einen Arbeitsplatz zu finden. Beide haben bei Dornier gearbeitet, in der Produktion von Hubschraubern. Als das Unternehmen rote Zahlen schrieb, wurde ihnen gekündigt. „Eines Abends gingen wir in München spazieren und betrachteten die Schaufenster der eleganten Geschäfte“, erinnert sich Monika Flemming. „Da sahen wir in einem Möbelhaus diese Kunstwerke. Wir waren sofort davon begeistert.“
Nur wenige Glasbläser beherrschen diese Kunst
Da beide sich ohnehin selbständig machen wollten, war der Weg nicht mehr weit, sich in diese Branche einzuarbeiten. „Peter zog am Anfang mit Musterkoffern durchs Land. Oft wurde ihm der ganze Inhalt aus der Hand gerissen, so verrückt waren die Leute danach“, sagt Monika Fleming. Bald war auch ein Name für das Unternehmen gefunden: Farfalla, Schmetterling.
Betrachtet jemand die Paperweights nur oberflächlich, glaubt er, es handle sich um echte Pflanzen oder Tierchen, die im Glas eingeschlossen sind. Weit gefehlt. Alles besteht aus Glas, jedes kleinste Detail. Deswegen gibt es weltweit nur einige Glasbläser, die diese hohe Kunst beherrschen. Mühlselig fertigen sie aus farbigem Fadenglas ihre Gegenstände, dann lassen sie flüssiges Weißglas darüber gleiten und modellieren danach die endgültige Form eines meist elliptischen Körpers.
Blumenmotive: Millefiori
Warum schmilzt der Inhalt nicht, wenn er mit heißer Glaspampe in Berührung kommt? „Das ist der schwierigste Teil der Arbeit“, erklärt Peter Pommerencke, „und die Methode ist nur wegen der besonderen physikalischen Beschaffenheit des Glases möglich. Während Metalle oder andere Werkstoffe sich beim Erhitzen allmählich verflüssigen, passiert das bei Glas sofort. Ist Glas noch fest, können nur fünf bis zehn Grad zusätzlich zum Verflüssigen reichen.“
Eine Vorstufe dieser Technik ist seit dem Altertum bekannt. Venezianische Glasbläser haben sie im frühen 16. Jahrhundert perfektioniert. Aufgrund der vielen, vielen Glasfäden, die dabei verarbeitet werden und wegen der häufigen Blumenmotive heißen die Kunstwerke auch „Millefiori“ (tausend Blumen).
Boom in Frankreich
Richtig bekannt wurden die Kleinodien, als der Venezianer Pietro Bigaglia 1845 auf der Weltausstellung in Wien seine Schätze zeigte. Vor allem Fürsten und reiche Bürger kauften die Briefbeschwerer, eine regelrechte Industrie entstand. Jedoch nicht in Italien, sondern in Frankreich gab’s einen richtigen Boom. Firmen wie Baccarat, Clichy oder Saint-Louis waren führend auf dem Weltmarkt. Wenige kamen aus England (Bacchus, Whitefriars) oder den USA (Sandwich, New England). Viele der Firmen existieren nicht mehr, wie etwa Clichy, oder haben die Produktion von Paperweights eingestellt, wie Baccarat im Jahr 2002.
Wiederentdeckung in den USA
Vor guten vierzig Jahren haben die Amerikaner diese Kunst wieder entdeckt. Deshalb leben die meisten Künstler in den USA (Melissa und Rick Ayotte, Bob und Ray Banford, Cathy Richardson oder Paul Stankard), wenige findet man noch in Schottland (Peter McDougall, Caithness Glass).
„Das Herstellen von Paperweights ist ein Knochenjob“, weiß Peter Pommerencke. „Deshalb gibt es kaum Nachwuchs, denn erst ab etwa dreißig Jahren intensiven Arbeitens gelangt ein Künstler zu seiner Reife. Auch Kopien oder Fälschungen sind unsinnig, denn ein Kenner sieht sofort, ob ein Meister ein Stück gefertigt hat oder Dilettant.
