Wutanfälle für ein stabiles Selbstwertgefühl

Wut - Wutanfälle für die seelische Entlastung  - Fotokünstler Gerd Altmann - by pixelio.de
Wut - Wutanfälle für die seelische Entlastung - Fotokünstler Gerd Altmann - by pixelio.de
Entwertende Kritik, Projektion und Wut werden von aggressiven Menschen oft effektiv genutzt, um sich auf Kosten anderer seelisch zu entlasten.

Aggressionsformen dienen aus Sicht der Psychologin Dr. Claudia Szczesny-Friedmann überwiegend der sozialen Regulierung. Einerseits dienen sie der Abwehr, um jemanden fernzuhalten, auszuschalten oder zu beseitigen. Andererseits werden sie eingesetzt, um Bindungen zu festigen, jemanden zu beherrschen oder zu kontrollieren. Neben diesen Motiven existieren Beweggründe, die allein um die Person des Täters selbst kreisen.

Seelische Entlastung durch aggressives Verhalten

Wird jemand einer anderen Person gegenüber aggressiv, kann es sich dabei auch einfach um den Abbau seelischer Spannungen handeln. Dann geht es um Stabilisierung des seelischen Gleichgewichts auf Kosten anderer. Dies entsteht aus fehlender Bereitschaft aggressiver Menschen, sich mit persönlicher Frustration selbst konstruktiv zu beschäftigen. Es wird nur ein Ventil für negativen Gefühle gesucht und die Wut herausgelassen. Dieses Verhalten wird sogar psychologisch oft positiv als seelische Hygiene interpretiert, soll es doch der inneren Befreiung dienen. Aggressive Spannungsabfuhren werden jedoch bevorzugt unterlegenen Menschen gegenüber eingesetzt, von denen keine Gegenwehr befürchtet wird. Nur in Machtpositionen wirken Wutausbrüche befreiend.

Verlust der Selbstbeherrschung als Privileg

Menschen nutzen durchaus die Möglichkeit, ihre Selbstbeherrschung zu verlieren, wenn ausreichende Voraussetzungen vorhanden sind. Nach Ansicht von Dr. Claudia Szczesny-Friedmann geschieht es überwiegend im Kreis der Familie, da dort die wenigsten Einschränkungen zu erwarten sind. Im Schutz der Privatsphäre lassen viele hemmungslos ihre unterdrückte Wut heraus, wenn sie das Privileg der Machtposition besitzen. So gestatten es sich manche Eltern, Zuhause hemmungslos ihre Aggression auszuleben, während sie gleichzeitig jede Form der Aggressionsäußerung bei ihrem Kind verbieten. Die Psychologin erklärt, dass Mütter oder Väter nicht etwa nur deshalb ausrasten, weil sie überfordert oder übermüdet die Selbstkontrolle verlieren. Sondern schlicht aus der Tatsache heraus, weil die äußere Kontrolle im Privatbereich entfällt. Kann allgemein ein Stärkerer seinen Ärger am Schwächeren auslassen, löst er seine innere Anspannung auf. Im Ergebnis fühlt er sich deutlich besser und wird die Methode, seine Selbstbeherrschung gegenüber einem geeigneten “Prellbock” zu verlieren, bei nächster Gelegenheit wiederholen.

Entlastung führt zur Belastung des Opfers

Wird man zur Zielscheibe solcher “Wuthygiene”, wird man sich anschließend nicht gut fühlen. Für den Wüterich ein doppelter Effekt. Er fühlt sich nicht nur wesentlich besser. Im Ergebnis kann er auch noch seine Machtposition genießen. Da sich der Betroffene so schlecht fühlt, wie er vor seinem Ausraster. Dieser Gefühlsaustausch bedient sich nicht nur lärmender Wutattacken. Auch unauffälligere Methoden finden Verwendung, um seelisches Wohlbefinden anderer zu beeinträchtigen. Als Mittel zum Zweck dient Reizbarkeit und sogenannte schlechte Laune. Es besteht “Ansteckungsgefahr” für einfühlsame Menschen, die sensibel auf Befindlichkeiten reagieren. Auch in untergeordneter oder abhängiger Position ist man davon gefährdet. Nach Mechanismen sozialer Mimikry übernehmen Schwächere unwillkürlich Ausdrucksverhalten und Körpersprache der anderen, dominanteren Person. Indem Gestik und Mimik unbewusst übernommen werden, entstehen Opfern ähnliche Gefühle emotionaler Belastung. Wie in einem Energieaustausch übernehmen sie schlechte Gefühle der Überlegenen. Forschungen erbrachten den Nachweis, dass seelische Anspannungen und negative Gefühle nicht nur ansteckend sind, sondern tatsächlich von einer Person auf eine andere verschoben werden können.

Stabilisierung des Selbstwertes durch Aggression

Um das Selbstwertgefühl zu stabilisieren, geben aggressive Personen Gefühle der Wertlosigkeit einfach an ein geeignetes Opfer weiter. Umgangssprachlich nennt man diesen Vorgang “niedermachen”. Je kleiner der andere wird, um so größer erscheint man selbst. Fühlt sich der andere dadurch wertlos, bietet das dem Verursacher Erleichterung und stärkt auf unfaire Art sein Selbstwertempfinden. Weiterhin bietet sich dem Täter so die Gelegenheit, Machtgefühle zu erleben, da er die Gefühle des Opfers manipulieren konnte. Beispielsweise fühlt sich eine Person beschämt. Schamgefühle sind deutliches Anzeichen für einen verletzten Selbstwert. Sie könnte sich nun zurückziehen und versuchen, selbst damit fertig zu werden. Ist diese Person jedoch ausreichend aggressiv und dominant, wird sie sich einer anderen Person zuwenden, die sie nun beschämen kann. Besteht ein Vertrauensverhältnis, sind mögliche Angriffsflächen schnell gefunden. Fragen, wie beispielsweise “Hast Du etwa zugenommen?” oder “Hast Du immer noch keine Arbeit?” klingen eher harmlos, können jedoch Schamgefühle auslösen.

Selbstwerterhalt durch Entwertung und Manipulation

Attacken aufgrund starker Neidgefühle gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang. Das durch Neid gefährdete Selbstwertgefühl wird gestärkt, indem der Täter die beneidete Person heruntermacht. Da offener Neid durchaus als Kompliment empfunden wird, wird die aggressive Entwertung unauffällig und beiläufig vollzogen. So wird beispielsweise die Strategie verfolgt, ständig auf vermeintliche Mängel zu verweisen und somit die beneidete Person zu verunsichern. Oft genügt es Personen mit aggressiven Neigungen jedoch nicht, ihr positives Selbstbild zu erhalten, indem sie andere abwerten, kritisieren oder beschämen. Selbstwertgefühle sind oft von Bestätigung und Anerkennung anderer abhängig. Somit manipulieren viele selbstbewusste Täter Menschen mit niedrigerem Selbstwertgefühl geschickt, um ihre hohe Meinung von sich selbst zu teilen. Aggressoren stabilisieren ihr Selbstgefühl, indem sie ihr eigenes Selbstbild und das Selbstbild des Angegriffenen verfälschen. Sie verwirren ihre Opfer, werfen ihnen etwa Heuchelei vor, wenn sie ehrlich sind oder nennen sie Egoisten, obwohl sie mit ihren Wünschen übereinstimmen. In verschärfter Form projektiert der Aggressor seine schlechten Eigenschaften auf andere. Er bedient sich der Zuschreibung, um Opfern seine eigenen Charakterzüge oder Verhaltensweisen zu unterstellen, die ihn selbst ängstigen oder anwidern.

Literaturquelle: Du machst mich verrückt, Psychoterror in Beziehungen, Claudia Szczesny-Friedmann, 1999, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 207 Seiten, ISBN 3 499 60646 1

Astrid Treumann, Astrid Treumann

Astrid Treumann - 1967 in Berlin geboren, habe ich dort als berufliche Grundlage Kunst und Germanistik studiert (Hochschulabschluss 1991). Meine berufliche ...

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