
- Yersiniose-Fälle in Deutschland (2010 und 2011) - Dr. Gerald Albach
"Man kann sagen, daß von diesem Augenblick an die Pest uns alle betraf", schrieb Albert Camus in seinem Roman "Die Pest": Man kann sagen, dass uns heute in Deutschland die Pest seit Jahrzehnten nicht mehr betrifft; allerdings sagen uns die Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 10. Oktober 2011, dass uns in diesem Augenblick vor allem die Pest-Brüder Yersinia (Y.) enterocolitica und Y. pseudotuberculosis betreffen. Die Pest-Brüder verursachen eine Magen-Darm-Infektion namens Yersiniose – das RKI meldet im Epidemiologischen Bulletin Nummer 40 für Deutschland 91 neue Yersinia-Erkrankungen für die Kalenderwoche (KW) 37. Gegenüber der KW 36 sind dies 25 Yersiniosen mehr. Im Bundesland Thüringen gibt es mit 9 Yersiniose-Fällen pro 100.000 Einwohner die meisten Neuerkrankungsfälle in Deutschland (siehe Inzidenz-Grafik).
Jetzt 2.423 registrierte Yersiniosen in Deutschland
Yersinien gehören wie EHEC, EPEC und Salmonellen zu den Enterobakterien: Das griechische Wort Enteron bedeutet so viel wie Darm oder Eingeweide, weil viele von den Enterobakterien typische kommensale Darmbewohner sind – trotzdem verursachen einige krankmachende (pathogene) Bakterienstämme als Darmerreger akute Durchfallerkrankungen (Diarrhoen). In Deutschland infizierten sich seit Beginn des Jahres 2011 nach Angaben des RKI bereits 2.423 Menschen mit Yersinia-Bakterien. Zum Vergleich gab es im gleichen Zeitraum 52.940 gemeldete Campylobacteriosen und 17.110 Salmonellosen. Die Gesundheitsbehörden der Bundesländer übermittelten dem RKI für die KW 37 folgende labordiagnostisch bestätigte Gastroenteritiden (siehe Grafiken, eine Magen-Darm-Erkrankung bezeichnen Ärzte als Gastroenteritis): In Baden-Württemberg fünf neue Yersiniose-Fälle, in Bayern neun Yersiniose-Fälle, in Berlin keinen Yersiniose-Fall, in Brandenburg sechs Yersiniose-Fälle, in Bremen keinen Yersiniose-Fall, in Hamburg einen Yersiniose-Fall, in Hessen acht Yersiniose-Fälle, in Mecklenburg-Vorpommern zwei Yersiniose-Fälle, in Niedersachsen zehn Yersiniose-Fälle, in Nordrhein-Westfalen zwölf Yersiniose-Fälle, in Rheinland-Pfalz fünf Yersiniose-Fälle, im Saarland einen Yersiniose-Fall, in Sachsen zehn Yersiniose-Fälle, in Sachsen-Anhalt sieben Yersiniose-Fälle, in Schleswig-Holstein zwei Yersiniose-Fälle und in Thüringen 13 Yersiniose-Fälle.
In Thüringen sind Yersiniosen am häufigsten
Rechnet man aus, wie viele Neuerkrankungen durch Yersinien pro 100.000 Einwohner auftreten, erhält man als epidemiologische Maßzahl die kumulative Inzidenz. Als Diagnose wird eine Yersiniose zur Zeit besonders in drei östlichen Flächenbundesländern gestellt. In Baden-Württemberg gibt es 1,2 Krankheitsfälle pro 100.000 Einwohner, in Bayern 2,1 Yersiniose-Fälle, in Berlin 1,5 Yersiniose-Fälle, in Brandenburg 3,1 Yersiniose-Fälle, in Bremen 2,6 Yersiniose-Fälle, in Hamburg 3,6 Yersiniose-Fälle, in Hessen 2,4 Yersiniose-Fälle, in Mecklenburg-Vorpommern 3 Yersiniose-Fälle, in Niedersachsen jeweils 3,2 Yersiniose-Fälle, in Nordrhein-Westfalen 2,7 Yersiniose-Fälle, in Rheinland-Pfalz 3,9 Yersiniose-Fälle, im Saarland 1,7 Yersiniose-Fälle, in Sachsen 6,9 Yersiniose-Fälle, in Sachsen-Anhalt 5,7 Yersiniose-Fälle, in Schleswig-Holstein 3,6 Yersiniose-Fälle, sowie in Thüringen 9 Yersiniosen pro 100.000 Einwohner.
Bioserotyp 4/O:3 verursacht die meisten Durchfall-Symptome
Für die Diagnose Yersiniose ist in Deutschland ist fast nur das Bakterium Yersinia enterocolitica verantwortlich, in etwa 90 Prozent aller Fälle infizierten sich Menschen im Jahr 2010 mit dem Bioserotyp 4/O:3: Nach einer Inkubationszeit von etwa 5 Tagen leiden mehr als 80 Prozent der Patienten an einem akut wässrigen Durchfall, etwa die Hälfte der Patienten klagt über krampfhafte Bauchschmerzen – die Symptome können einer Blinddarmentzündung ähneln. Fieber bekommt nur ein Drittel der Patienten, etwa 10 Prozent der Patienten müssen sich erbrechen.
Symptomatische Therapie gegen den Flüssigkeits- und Elektrolytverlust
Die Yersiniose ist im Normalfall selbstlimitierend – die Erkrankung heilt also von alleine aus. Bei gesunden Menschen halten die Symptome circa ein bis zwei Wochen an. Gegen die Symptome der Yersiniose wird bei der symptomatischen Therapie der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust ausgeglichen: Die oralen Rehydrationslösungen (ORL) enthalten dazu in physiologischen Verhältnissen Citrat, Glucose, Kalium und Natrium. Nur bei schweren Krankheitsbildern werden Antibiotika eingesetzt: Viele Yersinien sind zwar schon resistent gegenüber Ampicillin, aber Antibiotika wie Chloramphenicol und Gentamicin sind weiterhin wirksam. Als alternatives Hausmittel empfiehlt Christoph Jakob Mellin seit 1786 den Sauerdorn (Berberis vulgaris, siehe Literatur).
Weitere Informationen & Literatur
Das Epidemiologische Bulletin (Epid. Bull.) Nummer 40 vom 10. Oktober 2011 finden Sie auf der Homepage des Robert Koch-Instituts (RKI), dort ist auch die Datenbank SurvStat mit den Daten aller Kalenderwochen (http://www3.rki.de/SurvStat/).
Christoph Jakob Mellin (1786): Die Hausmittel. Ein Wörterbuch für Jedermann. Zum Besten der Armen. Kempten, 1786.
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt oder Apotheker – nicht ersetzen kann!
