Yvan Goll, ein europäischer Schriftsteller

Deutscher oder französischer Dichter? Beides. Yvan Goll war ein von Anfang an bilingualer Autor, der dazu noch auch auf Englisch schrieb.

Im Elsass geboren, aufgewachsen zwischen französischer Sprache zu Hause und deutscher in der Schule, war er einer der Wenigen, die in zwei Sprachen denken und schreiben konnten. Die englische Sprache erlernte er dazu während seines USA-Aufenthaltes, als er wie viele andere während der Nazizeit dorthin emigrierte, und in kurzer Zeit schrieb er auch Gedichte in dieser neuen Sprache.

Heimat nur in der Sprache

Goll fühlte sich sein Leben lang heimatlos. Er starb " mit französischem Herzen, deutschem Geist, jüdischem Blut und einem amerikanischen Pass". Seine Identifikationsfiguren Hiob, Johann Ohneland und Ahasver hat er in seiner Lyrik thematisiert und verewigt. Schon die Tatsache, dass er nicht nur verschiedene Schreibweisen seines Namens benutzte, sondern auch verschiedene Pseudonyme, sagt etwas über seine lebenslange Identitätsproblematik. Er hinterliess Romane, z.B. die "Eurokokke", die sich mit der Dekadenz Europas beschäftigen, und theoretische Schriften, in denen er sich mit der Kunst der Zeit, besonders der Poetik, auseinandersetzt. Er betrachtete sich aber selbst als "Dichter", und zweifellos nimmt sein lyrisches Werk den höchsten Stellenwert ein, obschon er auch auf dem Gebiet der Dramatik Wegweisendes leistete.

Vom Expressionismus zum Surrealismus

Goll hat teilgehabt an allen zeitgenössischen Strömungen der Avantgarde, den verschiedenen "...Ismen", wie er selbst sagte (Expressionismus, Kubismus, Surrealismus), sich aber niemals von einer vereinnahmen lassen. In seinem "Zenitismus" und am Ende seines Lebens im "Reismus" versuchte er eine Zusammenführung. Die ersten Gedichte zeigen das expressionistische Pathos und den Glauben an eine Verbrüderung der Menschheit. Das verfüchtigte sich aufgrund der Ereignisse des ersten Weltkrieges. Das Leben in Paris brachte ihn in Kontakt mit allen grossen bildenden Künstlern der Zeit, seine Bücher tragen Illustrationen von Malern wie Chagall und Picasso. Er vertrat einen internationalen Surrealismus, wobei er sich auf den französischen Dichter Apollinaire berief. Sein "Manifest des Surrealismus" erschien sogar noch früher als das bekannte von A.Breton, wurde aber nicht so wirkungsmächtig. Teilweise ist das darauf zurückzuführen, dass A. Breton eine Gruppe um sich scharte und mit Strenge zusammenhielt, während Goll sich Gruppenaktivitäten lieber entzog. Jedenfalls war er ein "Avantgardist" im Sinne des Wortes, einer, der in vorderster Front steht und nach vorn stösst. Sein Drama "Methusalem" zeigt bereits Züge des absurden Theaters.

Der "Mann von Claire Goll"

Einem grossen Publikum bekannt geworden ist Yvan Goll auch durch die Aktivitäten seiner Frau Claire. Diese hatte einerseits versucht, ihre private Beziehung in mythischen Höhen anzusiedeln, in der Gesellschaft der ewigen Liebespaare wie Tristan und Isolde, andererseits diesen Mythos selbst durchbrochen mit ihren geschwätzigen Memoiren, die die jeweiligen beidseitigen Liebesaffären ausbreiteten. Selbst dies kann aber nicht den Wert der Liebeslyrik mindern, die in Zusammenarbeit der Dichter Yvan und Claire entstanden war. ("Poemes d'Amour"). Eine andere Sammlung von Liebesgedichten, die zu den schönsten jemals geschriebenen gehören, richtetet sich allerdings an eine andere Frau: die Dichterin Paula Ludwig ( "Malaiische Lieder")

Zu früh beendetes Lebenswerk

Die letzten zwei Jahre seines Lebens verbrachte Goll, an Leukämie erkrankt, wieder in Paris. Er fand zurück zur deutschen Sprache, die er in den Jahren der Naziherrschaft abgelehnt hatte und schrieb seine letzten Gedichte ( "Traumkraut") auf Deutsch. "Surrealismus ist durch mich hindurchgegangen und hat seine Salze hinterlassen", sagte er. In seine späten Gedichten ist eingegangen auch die Jahre vorher zunehmende Beschäftigung des Dichters mit Mystik und Kabbala. Goll selbst hielt diese seine letzte Lyrik für das Wesentlichste. Kurz vor seinem Tode 1950 soll er den Wunsch geäussert haben, von seinem Werk nur sie für die Zukunft aufzuheben. Seine Frau Claire ist diesem Wunsch nicht gefolgt. Sie hat vielmehr als ihr Lebenswerk angesehen, sich um das Gesamtwerk des Dichters auf ihre Weise zu kümmern. Das war verdienstvoll, allerdings hat es zu grossen Schwierigkeiten bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Werkes geführt, da Claire Goll nicht nur sammelte und übersetzte, sondern auch nach ihrem Geschmack Änderungen vornahm. Seit nach dem Tod Claires nun der Nachlass vorliegt, haben Bemühungen begonnen, erstmalig textkritische Ausgaben des Werks von Yvan Goll zu erstellen.

Ein moderner Europäer

Spätestens mit dem Vorliegen einer solchen Gesamtausgabe wird Yvan Goll hoffentlich endlich den Platz in der europäischen Literatur einnehmen, der ihm zukommt. Die Lektüre seines Werkes war ja von Anfang an schwierig gewesen wegen der verschiedenen Sprachen. Dann kam es zu der "Celan-Goll-Affäre" nach der Anschuldigung Claire Golls, Paul Celans habe von ihrem Mann abgeschrieben. Der Vorwurf des Plagiats liess sich nicht halten, die ganze langanhaltende Diskussion wurde aber leider auf mehr moralischer als ästhetischer Ebene geführt und führte zu einer "Verniemandung" Yvan Golls ( so sagte Hilde Domin). Es ist an der Zeit, diese endgültig rückgängig zu machen und diesen frühen, schon in der Hälfte des 20. Jahrhunderts im Sinne des Wortes "interkulturellen" wahrhaft europäischen Dichter mehr wahrzunehmen

Dr.U.Altanis-Protzer, Dr. U.Altanis-Protzer

Dr. Ute Altanis-Protzer - Ich bin promovierte Ärztin und habe ausserdem Literaturwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft studiert . Meine besonderen ...

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