Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse steigt in der BRD

Arm trotz Arbeit - Gerd Altmann, Pixelio
Arm trotz Arbeit - Gerd Altmann, Pixelio
In den letzten sechs Jahren ist zu beobachten, dass die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland kontinuierlich ansteigt.

Unter einem prekären Arbeitsverhältnis sind neben untertariflicher Bezahlung auch Aspekte wie Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigung, Befristung von Arbeitsverhältnissen und auch Zeitarbeitsverhältnisse zu verstehen. Von der vielgepriesenen Dynamisierung des deutschen Arbeitsmarktes unter der Regierung Schröder ist in der Praxis nichts zu spüren, stattdessen hat die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse überproportional zugenommen. Ob man in diesem Fall wirklich von einer Dynamik im positiven Sinne sprechen kann, ist fraglich.

Zeitarbeit als Mittel zur subtilen Aufweichung des Kündigungsschutzes

Im Jahr 2004 hatte die FDP bereits gefordert, dass der gesetzliche Kündigungsschutz für Arbeitnehmer aufgeweicht wird, zum Beispiel durch kürzere Kündigungsfristen. Offiziell ist dieser Vorschlag nicht durchgegangen, aber inoffiziell wird es bereits über die Zeitarbeit praktiziert. Ein Leiharbeiter ist schneller entlassen, wenn er nicht mehr benötigt wird, als ein Festangestellter, der je nach Betriebszugehörigkeit eine Kündigungsfrist von bis zu zwölf Monaten haben kann. Auch Festübernahmen durch die Entleihbetriebe, die bis vor etwa zehn Jahren noch gang und gäbe waren, sind mittlerweile eher die Ausnahme geworden; meist werben die Zeitarbeitsfirmen in ihren Ausschreibungen lediglich damit, dass eine Option auf Festübernahme besteht – damit sich überhaupt jemand auf die ausgeschriebenen Stellen bewirbt.

Abweichung vom Gleichstellungsgrundsatz in der Leiharbeit

Auch wenn seit 2004 die Regelung gilt, dass Zeitarbeiter festangestellten Arbeitnehmern lohnmäßig gleichzustellen sind, so gibt es hierbei immer noch die berühmt-berüchtigte Lücke, die besagt, dass von dieser Regelung nur durch einen Tarifvertrag abgewichen werden kann. Die meisten Zeitarbeitsfirmen haben einen Tarifvertrag (BZA, iGZ), der die üblichen Löhne und Gehälter deutlich unterschreitet. Manche Zeitarbeitsfirmen versuchen sogar trotz Bestehen eines Tarifvertrages, sittenwidrige Stundenlöhne von weniger als fünf Euro zu zahlen. Dies erfolgt unabhängig von der Qualifikation - Hilfs- und Anlernkräfte sind vom Lohndumping ebenso betroffen wie Menschen mit akademischem Grad.

In anderen europäischen Ländern ist es bereits üblich, dass Leiharbeiter genauso entlohnt werden wie Festangestellte. Lediglich in der deutschen Bundespolitik wird seit Jahren über Fragen wie Mindestlohn und den Gleichstellungsgrundsatz ergebnislos diskutiert. Leidtragende sind in jedem Fall die Leiharbeiter.

Prekäre Arbeitsverhältnisse und Verlust des Arbeitsplatzes

Durch Unternehmensaufkäufe, Fusionen und Zerschlagungen verlieren viele fest angestellte Arbeitnehmer, die zum Teil Jahrzehnte in ein und derselben Firma beschäftigt waren, häufig erst mit Ende 40 bis Mitte 50 ihren Arbeitsplatz – leider ein Alter, bei dem man auf dem deutschen Arbeitsmarkt praktisch nicht mehr existent zu sein scheint. Manche Arbeitgeber und Zeitarbeitsfirmen spielen häufig mit der Existenzangst von Menschen, die unverschuldet von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind, sodass diese, um nicht auf Arbeitslosengeld oder sogar Hartz IV angewiesen zu sein, lieber einen sittenwidrig bezahlten Job annehmen, bei dem auch die übrigen Rahmenkonditionen mehr als fragwürdig sind.

Konsequenzen aus der steigenden Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse

Dass Existenzangst auch der psychischen Gesundheit abträglich ist sowie auch der Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers, dürfte einleuchten. Jemand, der sich bereits am 3. des Monats Sorgen macht, wie er seinen finanziellen Verpflichtungen bis zur nächsten Gehaltszahlung am 1. des Folgemonats nachkommen soll, ist sicherlich nicht in der Lage, seine volle Arbeitsleistung zu erbringen. Gleichzeitig machen große finanzielle Sorgen auf Dauer krank.

Aufgrund der steigenden Zahl befristeter Arbeits- und Zeitarbeitsverhältnisse und Teilzeitstellen ist zudem eine gesicherte Berufs-, Finanz- und Existenzplanung nicht mehr möglich. Welches Paar schafft sich guten Gewissens Kinder an, wenn beide noch nicht einmal von ihrem derzeitigen Verdienst leben können und/oder sie gar nicht wissen, ob sie ihren Arbeitsplatz in den nächsten Monaten noch inne haben.

Das Phänomen, dass Minijobs und Teilzeitstellen zunehmen, ist in einigen Bereichen wie etwa Sozialwesen, Reinigungsgewerbe und insbesondere bei Jugendlichen und jungen Arbeitnehmern vermehrt festzustellen. Von einem 400-Euro-Job kann niemand eine Familie ernähren oder notwendige Anschaffungen planen. Nicht alle Menschen, die hoch verschuldet sind, sind es, weil sie nicht mit Geld umgehen können, über ihre Verhältnisse gelebt haben und/oder an Kaufsucht leiden – manche Dinge sind für den täglichen Bedarf zwingend notwendig und wenn diese noch mit einem geringen Einkommen repariert oder neu angeschafft werden müssen, ist klar, dass die Verschuldung des Einzelnen schnell zunehmen kann.

Fachkräftemangel in Deutschland?

Der Fachkräftemangel, der von der Politik beklagt wird, besteht als solcher eigentlich nicht – hoch qualifizierte Fachkräfte wandern jedoch häufig ins Ausland ab, da auch sie in der Bundesrepublik trotz entsprechender Qualifikation von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sein können. Fachkräfte, die nicht ins Ausland gehen können oder möchten, werden jedoch häufig mit zu geringer Entlohnung und/oder Teilzeitstellen abgestraft. In manchen Bereichen werden hauptamtliche Kräfte durch Ehrenamtliche ersetzt. Das Ehrenamt an sich ist eine lobenswerte Ergänzung zu den Hauptamtlichen, zunehmend werden ehrenamtliche Mitarbeiter jedoch gerade im Sozialwesen als Ersatz für hauptberufliche Fachkräfte eingestellt, weil ehrenamtliche Kollegen entweder nichts oder nur ein Taschengeld kosten – im Gegensatz zu jemandem, der den Beruf hauptamtlich ausübt.

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Bildnachweis:

  • Silhouette vor Grafik: (c) Gerd Altmann, Pixelio
  • Logo Arbeitsmarkt: (c) Dieter Schütz, Pixelio
  • Verzweifelter Senior: (c) Rainer Sturm, Pixelio
Alexandra Döll, Autorin, Marina Hong, Düsseldorf

Alexandra Döll - Persönliche Daten: geboren 1974 in Essen, wohnhaft ebendaFamilienstand: ledig, keine KinderAbitur 1993, anschließend ...

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