
- Cover: Zahnarztlügen - Brandt/Hendrickson
Dass sie die „Zahnarztzunft“ nicht zu ihren Freunden zählen, zeigen die Medizinjournalistin Dorothea Brandt und der skandinavische Zahnarzt Dr. Lars Hendrickson bereits mit dem streitbaren Titel ihres Buches „Zahnarztlügen. Wie Sie Ihr Zahnarzt krank behandelt“. Das Buch, das die ablehnende Haltung der beiden Autoren gegenüber Zahnärzten von der ersten Seite an verdeutlicht, ist höchst umstritten: Als polemisch wird es von der einen Seite, vor allem aus Reihen der Zahnärzte, bezeichnet, als ,überaus hilfreich‘ von vielen Patienten. Tatsächlich haben beide Seiten recht: das Buch ist polemisch und es ist hilfreich.
In zwölf Kapiteln gehen die Autoren den Fragen nach, „Warum hält uns die Zahnmedizin krank?“ und welche Maßnahmen helfen, die Zahngesundheit zu erhalten?
Kritik an den Zahnärzten: Profitgier und „heillose Behandlungen“
Die Antwort auf die erste Frage ist aus Sicht der Autoren einfach: Profitgier, so der übereinstimmende Tenor, der sich durch das gesamte Werk zieht. Denn das zahnärztliche Gesundheitswesen profitiert nur von kranken Patienten. Die Zahnärzte und die Industrie verdienen immerhin Milliarden daran, wenn die Patienten Karies, Parodontose oder Ähnliches haben.
Die Kritik ist scharf und zugespitzt: so wird die moderne Zahnheilkunde als „heillose Flickerei“ bezeichnet, die Zahnärzte als „bohrende Zunft“, die „ihren Willen zum Heilen währenddessen längst zusammen mit Millionen von gezogenen Zähnen in die Tonne geworfen“ habe. Die Maxime der Zahnmedizin sei „drill, fill, bill“, „was übersetzt so viel bedeutet wie ,bohren, füllen, berechnen‘“. Statt den Auslöser einer Erkrankung zu suchen und zu beheben, bestehe die Therapie lediglich darin, sie zu behandeln.
Als Gründe dafür, dass trotz verbesserter Zahnpflege 95 Prozent der Europäer an Karies oder Parodontose leiden, nennen Brandt und Hendrickson „schlechte Aufklärung, die Überversorgung und die schlechte Behandlungsmentalität“.
Brandt und Hendrickson werfen den Zahnärzten vor, „jeden Tag prophylaktisch tausende beschwerdefreie und gesunde Weisheitszähne“ zu ziehen - und das, obwohl das Argument der Zahnärzte, dass die Weisheitszähne die Frontzähne verschieben könnten, wissenschaftlich nicht belegt werden sei. Über die möglichen Komplikationen würden sich die Ärzte keine Gedanken machen. Das Resümee der Autoren: „Einmal mehr zeigt sich, dass Zahnärzte unbarmherzige Zahnmörder sind, die einem Zahn nach dem anderen das Leben aushauchen.“
250 zitierte Stellen unter anderem aus Studien und Fachzeitschriften sowie statistische Angaben zeigen durchaus, dass die Autoren intensiv recherchiert haben. Dennoch zeichnen sie ein äußerst einseitiges Bild von den „bösen Zahnmedizinern“. Inwiefern dies der Wahrheit entspricht, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Doch ein wenig mehr Zurückhaltung hätte dem Buch gutgetan, um nicht den berechtigten Vorwurf der absichtlichen Hetze gegen Zahnärzte zu unterliegen.
Prävention: Tipps für gesunde Zähne
Müssen professionelle Zahnreinigungen (PZR) tatsächlich sein? Nach Meinung der Autoren können die Patienten darauf verzichten, da es sich bei einer PZR um eine rein kosmetische Behandlung handelt, die den Patienten bis zu 100 Euro kosten kann. Außerdem benennen sie Gefahren, die durch eine falsche Behandlung entstehen können: Zahnfleischverletzungen oder auch irreparable Schäden am Zahnschmelz. Statt also Geld für eine PZR auszugeben, sollen die Patienten zu Interdentalbürsten und Chorhexidinlacken bzw. -Gels greifen. Diese schützten die Zähne bei regelmäßiger Anwendung ebenfalls vor Karies und Plaque. Zur Prophylaxe empfehlen Brandt und Hendrickson außerdem antibakterielle Mundspülungen, Remineralisierungsprodukte und Fluoridgels.
Dem überaus wichtigen Thema Ernährung ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Zentrale Aussage: Kristallzucker schädigt unseren Zähnen. Nichts Neues, eigentlich, doch die Autoren zeigen in diesem Abschnitt eine Alternative auf: Xylit, die „süße Rettung“. Xylit ist ein weißes, kristallines Naturprodukt, das ähnlich schmeckt wie der zahnschädigende Zucker. Bereits seit Jahren wird der aus Früchten und Gemüsesorten gewonnene Zuckerersatz bei der Herstellung von zuckerfreien Kaugummis verwendet. Die Autoren fordern deshalb: Da Xylit keinen Karies verursacht, es langfristig sogar hemmt, sollte Xylit auf dem Speiseplan stehen.
Zu empfehlen, aber mit Vorsicht
Das Buch hinterlässt, trotz seiner oft auch nachvollziehbaren Annahmen und Tipps einen bitteren Nachgeschmack. Die lebendige, bildhafte Sprache sorgt dafür, dass der Leser nach der Lektüre einen Zahnarzt vor Augen hat, der als geldgieriges Monster den Schmerz des Patienten hinnimmt und die Zähne „flickt“ statt heilt. Deshalb gilt: differenziert lesen und sich keineswegs verunsichern lassen! Nicht jeder Zahnarzt ist daran interessiert, seine Patienten „auszunehmen“ und sich an ihnen zu bereichern. Mit dem Wissen aus dem Buch ist es einem Patienten zumindest möglich, das Vorgehen seines Arztes zu reflektieren und gegebenenfalls auf eine Zweitmeinung zu bestehen. Ganz auf einen Zahnarzt zu verzichten, ist jedoch der falsche Weg. Die Tipps zur Vermeidung von Karies und Schmerzen sind dagegen hilfreich und können zumindest dazu beitragen, dass der Weg zum Zahnarzt so selten wie möglich eingeschlagen werden muss.
Wer noch mehr darüber erfahren möchte, wie Zähne gesund bleiben, findet im zweiten Buch des Autorenteams „Zahngesund: Wie Sie ohne Zahnarzt gesund bleiben“ weitere Tipps, um Munderkrankungen zu vermeiden“.
Dorothea Brandt, Lars Hendrickson: Zahnarztlügen. Wie Sie Ihr Zahnarzt krank behandelt. BoD-Verlag, ISBN: 978-3-8391-5648-3, 19,80 Euro.
