Zarah Leander: Wollt ihr einen Star sehn ...?

Zarah Leander - Wikipedia
Zarah Leander - Wikipedia
Vor 30 Jahren ist die schwedische Schauspielerin und Sängerin gestorben. Ihre Karriere hat sie vor allem in Nazi-Deutschland gemacht.

Joseph Goebbels war gar nicht begeistert vom neuen Schwedenimport der Ufa. Musste es ausgerechnet eine Ausländerin sein, die zur Ikone des reichsdeutschen Films aufgebaut werden sollte? Dazu noch eine Dunkelhaarige mit einer alles anderen als femininen Stimme? Gab es in den Reihen der blonden Stars und blauäugigen Starlets in Babelsberg keine, die man zur deutschen Garbo – und am besten noch zum Dietrich-Ersatz in einer Person – hätte aufbauen können?

Doch die Deutschen pfiffen auf Garbo und die amerikaflüchtige Marlene und nahmen die aparte Frau aus dem Norden mit offenen Armen auf. Kaum hatte Zarah Leander drei Filme für die "Universum Film AG" gedreht – 1937 "Zu neuen Ufern" und "La Habanera" unter der Regie von Detlef Sierck, der den Grundstein für den "Zarah"-Mythos legte, sowie ein Jahr später "Heimat", den Carl Froehlich inszenierte –, war sie der erklärte Liebling der Filmfans zwischen Aachen und Königsberg.

Herr Goebbels, warum werden Sie nicht Schwede?

Höchste Zeit also für den Propagandaminister, den ungeliebten Ufa-Star anzuerkennen. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes versprach er ihr sogar einen staatlichen Besitz, eine lebenslange Leibrente und den Titel "Staatsschauspielerin" – wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft annähme. Darauf entgegnete Frau Leander: "Herr Minister, warum werden Sie nicht schwedischer Staatsbürger?" Womit das Gespräch ein abruptes Ende fand. 1943, das Tausendjährige Reich näherte sich nach nur zehn Jahren rapide seinem Ende, kehrte Zarah Leander der Ufa den Rücken und zog sich auf ihr Landgut Lönö zurück. Ab sofort war sie im NS-Staat persona non grata.

Verkörperung von Exotik und Erotik

Eine beispiellose Karriere hatte sie bis dahin hinter sich, die sie, darüber war sie sich stets im Klaren, nur im "Deutschen Reich" hatte machen können. "Meine Stellung in der deutschen Filmindustrie war einzigartig; ich selber stand fassungslos davor", staunte sie noch dreißig Jahre später in ihrer Autobiographie.

Dabei sind die Gründe für ihren Erfolg durchaus erklärbar. Die Grenzen des Reiches wurden immer undurchlässiger; Ausländisches, Fremdländisches, Exotisches konnten die meisten Deutschen nur noch im Kino erleben – eben in den Charakteren der Leander, die, zwischen Australien und Südamerika pendelnd, tragisch umflort und geheimnisumwittert sündige Erotik verhießen ebenso wie überbordende Mütterlichkeit, dazu Sehnsucht und Melancholie verströmten. Nicht zuletzt konnte sie zum Spitzenstar (aufgebaut) werden, weil die Besten ihres Faches längst emigriert beziehungsweise geflohen waren oder Arbeitsverbot hatten.

"Eine Schauspielerin bin ich nie gewesen"

Was sie von ihren eigenen Talenten hielt – auch darüber sprach Zarah Leander in ihrer Autobiographie entwaffnend ehrlich und freimütig. "Eine Schauspielerin bin ich nie gewesen, und ich habe nie vorgegeben, eine zu sein. Entsprach die Rolle in irgendeiner Weise einem Teil meines Ichs, spielte ich sie passabel, versuchte ich aber, den Rahmen meines eigenen Ichs zu sprengen, fühlte ich mich auf verlorenem Posten." Mit anderen Worten: Sie wusste sehr wohl, dass sie eine Mimin von begrenzter Wandlungsfähigkeit war. Gleichgültig, ob sie Maria Stuart, Tschaikowskis Geliebte, eine Opernsängerin oder eine Mutter spielt: die Leander ist die Leander ist die Leander...

Doch genau die wollten die Kinogänger sehen - und vor allem singen hören. Schließlich war die Stimme das Bemerkenswerteste an ihr. Ein dunkler, kraftvoller Kontra-Alt, die rollenden Rs und die unendlich lang gezogenen Nasal-Laute machten den einzigartigen "Leander-Sound" aus, für den die besten Komponisten in die Tasten griffen: Theo Mackeben ("Eine Frau wird erst schön durch die Liebe", "Nur nicht aus Liebe weinen"), Ralph Benatzky ("Yes, Sir!") und Michael Jary, der ihr mit "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" und "Davon geht die Welt nicht unter" die berühmtesten Durchhalteschlager des "Dritten Reichs" geschrieben hat.

Eleganz und Erotik, Verruchtheit und Verzicht, Pathos und Pandora: Das alles machte das Charisma der Frau aus, die als Sara Stina Hedberg am 15. März 1907 in Karlstadt geboren, aber von Anfang an nur Zarah genannt wurde. Den Nachnamen Leander behielt sie nach einer fünfjährigen Ehe mit dem Schauspieler Nils Leander bei. Er brachte sie beim Theater unter, wo sie Schwedens erste "Lustige Witwe" wurde, für die man Lehárs Ohrwürmer in Kontra-Alt-Lage hinuntertransponierte. Der Ruhm sprach sich herum bis Österreich, wo sie 1936 in einer Benatzky-Operette ("Axel an der Himmelstür") die Wiener bezauberte. Und von Wien war es nicht mehr weit bis Berlin, dem Filmzentrum Europas.

"Warst du Nazi? - Nein!"

Wie viele Künstler des "Dritten Reiches" glaubte auch Zarah Leander, naiv, blauäugig oder einfach nur in gefährlicher Verkennung der Realitäten, sich von der herrschenden Klasse fernhalten zu können. Doch wer mit dem Teufel Kirschen isst, wird irgendwann mit den Kernen beworfen, die er ausspuckt: "Warst du Nazi?" wurde sie, Jahre nach Kriegsende, in einer schwedischen Talkshow gefragt, und natürlich antwortete sie: "Nein." So recht glaubte man ihr das in Schweden jedoch nicht; jedenfalls konnte sie dort erst einmal nicht mehr an die Erfolge ihrer frühen Jahre anknüpfen. Zu lange war sie fort gewesen, war zu Ruhm und Reichtum in einer mörderischen Diktatur gekommen, mit der sie sich ja irgendwie hatte arrangieren müssen, um dort arbeiten und (über)leben zu können.

Wenigstens im Nachkriegsdeutschland hielt man ihr die Treue. Die Liebe eines nostalgieseligen Publikums schlug ihr immer noch entgegen in München, Berlin und Hamburg, wenn sie in heute längst vergessenen Musicals wie "Madame Scandaleuse" (1958) oder "Wodka für die Königin" (1968) auftrat. Auch in ihrer Heimat Schweden nahm man sie schließlich wieder in den Arm – so viele ungewöhnliche Künstler hat schließlich keine Nation, dass sie es sich leisten könnte, sie zu ignorieren – und gönnte ihr ein paar letzte beifallumkränzte Bühnenjahre.

"Wollt ihr einen Star sehen? Seht mich an!"

Selbst nach ihrem Tod am 23. Juni 1981 lebt sie weiter: als Blaupause für Travestiestars, die die letzten Reste eines vergilbten Ruhmes für ihre bizarren Shows ausschlachten und unverdrossen das (schwedische) Leander-Chanson nachträllern, mit dem sie, gerade 22 Jahre alt, nach den Noten des Franz-Doelle-Evergreens vom weißen Flieder selbstbewusst das Fundament für ihre Popularität gemauert hat: "Wollt ihr einen Star seh'n? Schaut mich an..."

Quellen: Curt Riess: Das gab's nur einmal. Gütersloh 1956; Zarah Leander: Es war so wunderbar! Mein Leben, Berlin 1983; Wolfgang Jaobsen u. a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Films, Stuttgart 1993.