
- Um Sewastopol ging es in der Alma-Schlacht - Helga Ewert / pixelio.de
Inmitten von Buschwerk erhebt sich in Gelsenkirchen-Neustadt, an der Alma-Straße östlich des Hauptbahnhofs, die leider heillos verwahrloste Ruine eines würfelförmigen Industriegebäudes ohne Verzierungen mit zwei langgezogenen Flügelbauten. Bei dieser Ruine handelt es sich um die Verwaltung der „Zentralkokerei Alma“, die an dieser Stelle von 1928 bis 1963 in Betrieb war.
Die Zentrale Kokerei (hier wurde die Kohle diverser Bergwerke aus Gelsenkirchen, Wattenscheid und Wanne-Eickel zu Koks veredelt) war nach dem Bergwerk benannt, das Ende der zwanziger Jahre stillgelegt und abgerissen worden war – eigens um für die geplante Kokerei Platz zu schaffen. Bis auf die Alma-Straße, die Verwaltungsruine und die unbebaute Brache ringsherum erinnert nichts mehr an eines der ersten Bergwerke in Gelsenkirchen.
1855: Kriegsende in Russland, Kohleschächte im Ruhrgebiet
Rückblende ins Jahr 1855: Europa atmet erleichtert auf: der „Krimkrieg“, der auf der gleichnamigen Halbinsel drei Jahre wütete und Soldaten aus vier Nationen verschlang, ist vorbei. Das Osmanische Reich, England und Frankreich haben Russland besiegt, die Überlebenden kehren heim und Kaiser Napoleon III. von Frankreich wird von seinen zuvor skeptischen Untertanen gefeiert – zumal auch der Wohlstand gedeiht.
Zur gleichen Zeit erlebt auch das deutsche Bergbaurevier an der Ruhr eine Zeitenwende: Neuste Dampfmaschinen modernster Bauart und verbesserte Schachtbau-Techniken ermöglichen ein Vordringen in bisher ungeahnte Tiefen. Der Kohlebergbau verlässt die Stollen des Ruhrtals und folgt den tiefer gelegenen Flözen nach Norden. Investoren aus dem Ausland machen es möglich: 1855 treiben irische Ingenieure im Schatten der Cöln-Mindener Eisenbahn, am Westrand des Dorfes Gelsenkirchen, einen Schacht in die Erde und stoßen tatsächlich auf die begehrte Kokskohle: Der Erfolg auf Zeche „Hibernia“ spricht sich schnell herum.
Nun werden auch östlich des Bahnhofs Grubenfelder vermessen. Den Zuschlag erhält ein neues Konsortium aus deutschen und französischen Finanziers: Die meisten Anteile besitzt die „Societé des mines et founderies du Rhin, Detilleux & Cie.“ (Detilleux & Co, Rheinische Bergbau- und Hüttengesellschaft) und tauft die erworbenen Grubenfelder auf den Namen „Alma I-V“.
Ein Bergwerk namens „Neu Uerdingen“
Die Alma, ein Fluss auf der Halbinsel Krim, hatte zwei Jahre zuvor alle Zeitungen des Kontinents beherrscht. Hier war es dem Heer der Alliierten unter schweren Verlusten gelungen, die Russen in die Festung Sewastopol zurückzutreiben. Die Alma wurde zum Sinnbild für Krieg und Sieg, Leid und Tod. Was den Zeitgenossen Napoleon I. „die Beresina“ gewesen war, was für die Überlebenden des Ersten Weltkrieges „die Somme“ sein sollte, war für Krimkrieg-Veteranen „die Alma“.
Dennoch sollte das geplante Bergwerk eigentlich den Namen „Neu Uerdingen“ erhalten. Dies war die Heimat der deutschen Investoren. Uerdingen war zu jener Zeit eine kleine, aber wohlhabende Handelsstadt, die für ihre Tucherzeugnisse und ihren „Klaren“ bekannt war (die Chemiewerke, die Waggonbau-Fabrik und den Sportverein gab es 1855 noch nicht).
Jedoch dauerte es fünfzehn Jahre der Kapitalbildung, bis der geplante Schacht endlich in Angriff genommen wurde. Gerade als die Vision der Investoren endlich Gestalt anzunehmen begann, lagen die Vaterländer der Geschäftspartner mal wieder im Krieg - aber diesmal gegeneinander. Dennoch blieb das Konsortium bestehen. Erst im Jahre 1873 ließ die Uerdinger Partei sich auszahlen, und die Franzosen nannten ihr Bergwerk fortan „Alma“.
Dieses steinerne Denkmal für den Krimkrieg war inzwischen fertiggestellt und prunkte weithin sichtbar mit einem wuchtigen Turm aus Ziegelsteinen, der das hölzerne Gerüst für die Förderräder abstützte. Solche Schachttürme aus Ziegeln entstanden bis 1875 auf vielen Ruhrzechen, ehe die Eisengerüste sie ablösten. Wahrscheinlich hat irgendein französischer Gruben-Ingenieur, der selbst auf der Krim gekämpft hatte, bei diesem Anblick festgestellt: „Das sieht aus wie damals bei Fort Malakow!“ Diese Malakoff-Türme sind heute noch im Ruhrgebiet zu besichtigen.
Die Gelsenkirchener Bergwerks Aktiengesellschaft (GBAG)
Der Krieg von 1870/71 hatte nicht nur ein „Deutsches Reich“ geschaffen, sondern auch eine reiche und selbstbewusste deutsche Montanindustrie. Gerade das Ruhrgebiet erlebte in den 1870er Jahren einen ungeheuren Aufschwung, denn von den französischen Tributzahlungen wurde viel Geld in neue Zechen, Hütten und Eisenbahnlinien gesteckt. Im patriotischen Überschwang, der allerorten zur Schau gestellt wurde, schien einfach alles möglich.
Es gab nur ein Problem: Wollte Deutschland Großmacht sein, musste es jederzeit Zugriff auf die Produkte seiner eigenen Kohlegruben und Stahlwerke haben. Deshalb wollten es diverse Politiker, Militärs und Industrielle nicht länger hinnehmen, dass auf den meisten großen Bergwerken des Ruhrgebiets, welche ja fast allesamt von Ausländern geschaffen worden waren, letztlich noch immer Franzosen, Briten oder Belgier das Sagen hatten. Doch die deutsche Wirtschaft besaß ein Mittel, um diesen Zustand in ihrem Sinne zu ändern: Geld.
Mit Unterstützung der Berliner Disconto Gesellschaft (heute Deutsche Bank) formierten zwei Großindustrielle, Friedrich Grillo und Emil Kirdorf, im Jahre 1877 ein eigenes Konsortium und begannen bei den ausländischen Grubenbesitzern anzufragen. Ihr erster Coup war die Übernahme zweier Zechen in Gelsenkirchen, „Rheinelbe“ und „Alma“, von Detilleux & Cie. (welche ihrerseits seit 1856 zum Phönix-Konzern gehörten). Auf Rheinelbe entstand die Firmenzentrale des Konzerns, der im Sog des Gründerkrachs weitere Gruben im gesamten Ruhrgebiet aufkaufte und als „Gelsenkirchener Bergwerks Aktien-Gesellschaft“ (GBAG) berühmt werden sollte.
Rationalisierung: Zeche Alma weicht Zentralkokerei
Zunächst wurde Zeche „Alma“ mit „Rheinelbe“ zu einem Großbergwerk konsolidiert und rings um die Anlage I/II kamen immer neue Schächte hinzu. Doch mit den Jahren wurde der Ertrag der beiden Gruben immer schlechter, weil die tieferen Flöze immer weniger und schlechtere Kohle hergaben.
Als im Jahre 1925 die erste große Kohlekrise das Ruhrgebiet schüttelte, formierten GBAG und andere Montankonzerne die Vereinigte Stahlwerke AG. Diese ließ die Schächte Alma 1/2 komplett abreißen, damit das Werksgelände frei würde für die geplante Zentralkokerei. Hier ließen fortan die Zechen „Pluto“ aus Wanne-Eickel und Zeche „Holland“ aus Wattenscheid ihre Kohlen zu Koks verarbeiten. Zeche „Pluto“ übernahm auch die Schächte 3, 4 und 5 von Zeche Alma, bis sie 1967 selbst geschlossen wurde.
Literatur: Hermann, "Die alten Zechen an der Ruhr", Königstein im Taunus, 4. Auflage 1995
Internet: Route der Industriekultur
Foto: © Helga Ewert / pixelio.de
