Zeche General & Erbstollen in Bochum: Das wandernde Bergwerk

Typisches Stollen-Mundloch im Ruhrtal - rambi / pixelio.de
Typisches Stollen-Mundloch im Ruhrtal - rambi / pixelio.de
Zeche General & Erbstollen begann 1777 als Stollen in Dahlhausen und endete 1928 als Schachtanlage in Weitmar - fünf Kilometer entfernt.

Wer sich heutzutage als Ortsfremder in den Bochumer Vorort Dahlhausen begibt, gelegen ganz am südwestlichen Ende der Stadt am Ufer der Ruhr und der Stadtgrenze zu Essen, will meistens ins Eisenbahnmuseum. Andere größere Sehenswürdigkeiten hat diese ausgesprochen hügelige Ecke des Ruhrgebiets nicht anzubieten – es sei denn, man interessiert sich für Industriegeschichte und deren Spurensuche.

Dahlhausen war vor 250 Jahren ein blühendes Bergbau-Revier, als von einem „Ruhrgebiet“ noch gar keine Rede sein konnte. Viele Straßennamen erinnern hier an die Gruben von einst, auch wenn dies auf den ersten Blick nur Eingeweihte verstehen. Unweit des Bahnhofs Dahlhausen etwa verläuft die Straße „Am alten General“. Ist hier mal eine Schlacht ausgetragen worden, oder hat ein Reservist hier eine Wirtschaft dieses Namens eröffnet? Keins von beidem. Der „Alte General“ war ein Bergwerk.

Die Namensgeber: ein Generalleutnant und ein Grundwasser-Abfluss

Rückblende: Anno 1777 gehört Dahlhausen wie auch die gesamte heutige Stadt Bochum zum Herzogtum Kleve. Dies liegt zwar auf dem linken Niederrhein, hat aber vor kurzem erst die lokale „Grafschaft Mark“ in Personalunion übernommen. Eine der ersten Maßnahmen des Landesherrn ist eine überarbeitete „Clevisch Märkische Bergordnung“. Die kostbaren Steinkohlen am Ufer der Ruhr sollen fortan vermehrt gefördert werden. Auch Privatpersonen soll das „Kohlegraben“ fortan vereinfacht werden. Das Kalkül geht auf: allenthalben wird nach den brennbaren Steinen gesucht.

So auch im Amt Dahlhausen. Einer der ersten Finanziers des lokalen Bergbaus ist der Gutsherr von Herbede bei Witten, Baron Friedrich Christian von Elverfeldt (1699-1784). Der siebzigjährige Pensionär hat dem Fürstbischof von Münster als Offizier gedient, bekleidete zuletzt den Rang des Generalleutnants (Stabschefs). Baron von Elverfeldt ist an diversen Stollenzechen im Ruhrtal beteiligt, die aber nur wenig Ertrag bringen: Der Zufluss an Grundwasser ist einfach zu hoch, die Bergleute kommen an die wirklich lohnenden Kohlevorräte nicht ran.

Doch die neue Bergordnung hat hierfür ein geeignetes Instrument geschaffen, den „Erbstollen“. Das ist ein möglichst tief angesetzter, leicht ansteigender und besonders gut befestigter Stollen, der so weit wie nur irgend möglich vorangetrieben werden soll. Sein einziger Zweck besteht darin, das Grundwasser der Umgebung zu schlucken, damit die höher gelegenen Kohlestollen nicht absaufen. Dafür müssen die Bergwerksbesitzer dem Erbstollen-Betreiber eine feste Gebühr bezahlen – eine zu jener Zeit weitaus besser abgesicherte Einnahmequelle als das Kohlegraben selbst. Der Erbstollen für Dahlhausen, vom Ruhrufer nach Nordosten angelegt, heißt (wie in jener Zeit üblich) nach seinem Finanzier „des Generals Erbstollen“.

Vom Erbstollen zur Zeche General

Zeitsprung: Fünfzig Jahre später, anno 1828, wird der Stollenbergbau durch die ersten „Schächte“ erweitert. Der Erbstollen ist selbst auf kostbare Kohlen gestoßen – kilometerweit vom Mundloch entfernt. Also wird von oben her ein seigerer (senkrechter) Schacht auf den Stollen hinabgegraben. Diese Methode bewährt sich so ausgezeichnet, dass "Ver. General und Erbstollen" in kommenden Jahren in Oberdahlhausen und Munscheid ein halbes Dutzend solcher Stollenschächte anlegen wird. Ist das umliegende Gebiet „ausgekohlt“, dienen sie noch eine Weile als Wetterschacht oder Einstiegsluke, ehe sie wieder aufgegeben wurden: "Wandernder Bergbau" sozusagen.

Der Verlauf des wandernden Bergwerks lässt sich heute noch verfolgen: Der Stollen verlief südlich parallel zur heutigen Kassenberg-, Karl-Arnold- und Blumenfeldstraße. Einige Fußwege verlaufen auf den Resten der damaligen Pferdebahn. - 1835 ist der Erbstollen unter der Eppendorfer Heide angelangt. Hier entsteht auch 1843 der Schacht Moor beziehungsweise Mohr (darüber sind die Quellen uneins), an den heute noch die Straße „Moorschacht“ erinnert. Mittlerweile befindet sich der Stollen schon so weit unter dem Bodenniveau, dass die Eigner ganz auf die neue Technik des Tiefbaus setzen: Neue Bergwerke beweisen, dass es auch unterhalb der alten Erbstollen große Mengen Steinkohle gibt. Dampfmaschine und Ziegelstein ermöglichen Gruben von einer bis dato unvorstellbaren Tiefe.

Und so entsteht ab 1853 in der Bauernschaft Brantrop westlich des Dorfes Weitmar, fünf Kilometer vom Mundloch des Erbstollens entfernt, eine moderne Schachtanlage mit Malakow-Turm, Kokerei und Brikettfabrik. Drei senkrechte Tiefbauschächte werden auf eine Tiefe von 200 Metern hinabgetrieben. Nach und nach werden die Stollenschächte aufgegeben. Auch der Schacht Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann1861 gehen.

Zeche General in Weitmar: der ewige Pechvogel

Soviel zur Vorgeschichte des wandernden Bergwerks. Die neue Zeche hieß noch immer „Vereinigte General und Erbstollen“, der Volksmund aber nannte sie nur noch „Zeche General“. Ab 1895 hieß das Bergwerk auch offiziell so. „Zeche Pechvogel“ wäre ein treffender Name gewesen.

Denn an der altehrwürdigen Grube klebte fortan „das Unglück am Förderseil“, wie die Ruhrbergleute sagen. Im Jahre 1896, gerade als Zeche General nur über einen Förderschacht verfügte (der andere war gerade aufgegeben worden und sein Nachfolger noch nicht fertig ausgerüstet), verwüstete ein Feuer sämtliche Tagesanlagen einschließlich des Malakow-Turms. Kaum war der Schacht nach zwei Jahren harter Arbeit wieder benutzbar, setzte 1898 ein Pumpenabsturz die Grube unter Wasser. Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu schweren Unfällen, dass der Schacht immer wieder gesperrt und repariert werden musste.

Diese Pechsträhne war auch mit ein Grund dafür, wieso die Jahresförderung von 1876 (170 000 Tonnen Kohle) später nur noch einmal erreicht werden sollte: Am Vorabend des 1. Weltkrieges 1913 mit über 200 000 Tonnen. - Nach dem verlorenen Krieg waren nicht nur für Militärs, sondern auch für Zeche General die besten Jahre vorbei. 1928, hundert Jahre nach dem ersten Stollenschacht und 150 Jahre nach ihrer Begründung als Wasserrinne, wurde Zeche General stillgelegt. Sechshundert Männer verloren ihre Arbeit.

Straßennamen und Mundlöcher: was von der Zeche übrig blieb

„Am Alten General“, wo 1777 alles begann, wurden drei Stollen-Mundlöcher restauriert und zeigen dem Betrachter ein Bild des frühen Ruhrbergbaus vor 250 Jahren. - In der Straße „Moorschacht“ wird ein Betriebsgebäude als Wohnhaus genutzt. Auf der Schachtanlage steht das Schulzentrum an der Brantropstraße. Im Westen Weitmars erinnert die „Generalstraße“ an die Werkssiedlung der Zeche.

Literatur: W. & G. Hermann: „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4.Auflage 1995;

Internet: Der frühe Bergbau an der Ruhr

Foto: © rambi / pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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