Zeche Hercules in Essen: Urheberin des "Frillendorfer Lochs"?

Die Zeche Hercules produzierte vor allem Briketts - Andreas Polmans / pixelio.de
Die Zeche Hercules produzierte vor allem Briketts - Andreas Polmans / pixelio.de
Um 1850 das größte Bergwerk der Stadt, ist die Zeche Hercules plötzlich wieder Stadtgespräch: Sie soll das „Frillendorfer Loch" verursacht haben.

Am 9. Januar 2011 barst in Frillendorf, einer Vorstadt von Essen direkt östlich der Innenstadt, die Erde auf. Ein Krater verschluckte drei Autos auf dem Hof einer Autowerkstatt an der Frillendorfer Straße und löste in der Nachbarschaft Alarmstimmung aus. Da sich die Werkstatt auf dem Gelände einer früheren Schachtanlage befindet, schien der Übeltäter schnell ermittelt: Der Bergbau mal wieder.

Doch dann ergaben erste Messungen des Bergamts, dass offensichtlich „kein Tagesbruch“ vorlag, sondern Schmelzwasser die Ursache gewesen sein soll. Während sich die Stadtwerke anschicken, ein 13 Meter tief gelegenes Kanalisationsrohr wieder in die richtige Lage zu bringen und sich ein langfristiger Streit der Gutachter anbahnt, graben findige Journalisten immer neue Details aus. So heißt es in einem Bericht der WAZ vom 11. Januar, dass dieses Zechengelände „vor siebzig Jahren mit Schotter und anderen Materialien aufgefüllt“ worden sei. Demnach muss diese Grube an der Frillendorfer Straße bereits 1940 stillgelegt gewesen sein: Die Zeche „Hercules“.

Kohleschächte waren echte Herkules-Aufgabe

Im Jahre 1855 taten sich mehrere Kaufleute aus Essen zusammen, um in den Dörfern östlich der Stadt Essen mehrere Grubenfelder zu pachten. Diese Felder reichten vom Essener Stadtrand unter Frillendorf und Kray bis nach Huttrop bei Steele. Im gleichen Jahr wurde an der Straße von Essen nach Frillendorf der Schacht „Hercules“ in die Erde getrieben – der Name sollte die Anstrengungen verdeutlichen, die zur Anlage eines Kohlebergwerks so weit im Norden (der Ruhrbergbau hatte gerade erst begonnen, das eigentliche Ruhrtal zu verlassen) nötig waren. Auf „Hercules“ musste ein richtiger Tiefbauschacht angelegt, ein sog. Malakowturm gemauert und außerdem eine der ersten Dampfmaschinen installiert werden, um sowohl Wasser abzupumpen als auch die Ein- und Ausfahrt zu bewerkstelligen.

Die Anlage des Schachtes erwies sich als Glückstreffer: Die anstehende Magerkohle war reichlich vorhanden, von hoher Qualität und konnte relativ leicht abgebaut werden. Bereits 1859 musste ein erster Wetterschacht an der Straße nach Steele abgeteuft werden, um die weiter entfernten Gänge zu belüften. Weitere Schächte kamen in Kray und Huttrop hinzu. Auf Hercules entstand eine eigene Fabrik für die Herstellung von Briketts.

Die „Essener Steinkohlebergwerke AG“

Im Jahre 1906, als im Ruhrtal südlich von Essen die erste Kohlekrise grassierte und viele alte Zechen geschlossen wurden, fusionierte die „Gewerkschaft Hercules“ mit den Zechen „Carl Funke“ (Essen-Heisingen) und „Dahlhauser Tiefbau“ (Bochum-Dahlhausen) zu einer Aktiengesellschaft der „Essener Steinkohlenbergwerke“. Ziel und Zweck der Firma war es, Anthrazit und Magerkohle zu vermarkten, denn diese Sorten fanden weniger Absatz als die Fett- und Gaskohlen im Norden des Ruhrgebiets.

Erste Amtshandlung der neuen Gesellschaft war die Abtrennung des Hercules-Ostfeldes als Zeche Katharina. Als Ausgleich wurde Zeche Hercules zur modernen Doppelschachtanlage ausgebaut und um einige Verarbeitungsbetriebe ergänzt. Doch eine grundlegende Erweiterung der Grube war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich: Die Bahngleise nach Bochum bzw. Gelsenkirchen riegelten die Anlage nach Süden und Osten, die Innenstadt nach Westen ab.

Zeche Hercules: der Rationalisierung geopfert

Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg brach der Markt für Magerkohle fast zusammen. Die Direktoren der „Essener Steinkohlenbergwerke AG“ entschieden sich, dem damals obligaten Diktat zur „Rationalisierung“ zu folgen, also bei laufendem Betrieb Kosten einzusparen. Dies war nur über eine erneute grundlegende Modernisierung von Kohle-Abbau und -Verarbeitung möglich. Dazu gehörte ein grundlegender Ausbau der Übertage-Anlagen.

Doch während die Zechen „Katharina“, „Dahlhauser Tiefbau“ und „Carl Funke“ dazu durchaus in der Lage waren (alle drei Gruben förderten noch bis um 1970!), kam die Zeche Hercules für diesen Kraftakt, des geschilderten Platzmangels wegen, nicht mehr in Frage. Die Kohle wurde fortan auf Zeche Katharina emporgehoben, die Herculesschächte dienten ab 1920 nur noch der Einfahrt und wurden 1925 stillgelegt.

Wildes KZ auf der "Herkules-Wache"

Solche Stilllegungen gab es damals überall im Ruhrgebiet. Hunderttausende verloren ihre Arbeit, Armut und Elend griffen um sich. Viele suchten ihr Heil in jener Politik, die (wie wir heute wissen) zwar „Heil!“ wünschte, aber nur Unheil stiftete. Die leeren Gebäude der Zeche Hercules dienten einer SA-Formation als Sturmlokal und, nach Hitlers Machtergreifung 1933, als wildes KZ namens „Herkules-Wache“, wo Andersdenkende gefangen gehalten und gefoltert wurden. Bald darauf wird der Abriss der meisten Gebäude und die Auffüllung des Geländes begonnen haben – wenn wir den im Zeitungsartikel zitierten Angaben des Bergamts vertrauen, muss dies um 1940 geschehen sein.

Seither ist die einst größte Zeche Essens in Vergessenheit geraten. Zwar gibt es heute noch die „Herkulesstraße“ als Teil des östlichen Innenstadtrings und gleich dahinter das „Gewerbegebiet Hercules“ an der Frillendorfer Straße, das Zechengelände selbst aber hat einem halben Dutzend neu gezogener Straßen und gemischter Bebauung Platz gemacht.

Ob sich die alte Grube mit dem "Frillendorfer Loch" selbst wieder zur Erinnerung gebracht hat oder doch das Tauwetter nach dem Rekordschnee, werden Gutachter klären müssen. Von einem neuen "Höntroper Loch" zu sprechen, wäre aber wohl übertrieben.

Literatur: W. & G. Hermann: „Die Alten Zechen an der Ruhr“, 4. Auflage Königstein/Taunus 1995

Internet: Der Westen über das „Frillendorfer Loch“ (11. Januar 2011)

Internet: Über die Gräuel der „Herkules-Wache

Foto: © Andreas polmans / pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

rss