
- Zeche Hibernia um 1900 - IG Bergbau-Chemie-Energie
Im Jahre 1855 war Gelsenkirchen ein Dorf von vielleicht 500 Seelen im Norden des Amtes Wattenscheid, gelegen am Südrand des sumpfigen, bewaldeten Tals der Emscher. Bedeutung hatte es eigentlich nur als Standort einer Bahnstation an der „Cöln Mindener Eisenbahn“, welche am Nordrand des jungen Bergbau- und Industriegebiets an der Ruhr entlang lief. Von einer „Stadt der tausend Feuer“ konnte noch keine Rede sein.
Hier also erschien im Jahre 1855 eine Gruppe Gentlemen, die Englisch mit teils irischem Akzent sprach und sich sehr genau umsah. Sie waren von britisch-irischen Investoren an den Nordrand des preußischen Kohlereviers geschickt worden, um die Chance zum Aufbau eigener Bergwerke zu erkunden. Doch ihr Wortführer William Thomas Mulvany konstatierte „wenige befestigte Straßen, keine Kanäle, nur eine einzige Eisenbahn abseits der großen Städte (...). Diese Leute wissen nicht, was sie hier haben!“
Ingenieure aus Irland gründen Hibernia
Wenige Jahre zuvor hatten Geschäftsleute aus Mülheim/Ruhr im „Wiehagen“ westlich des Dorfes Gelsenkirchen ein paar Grubenfelder erworben und damit auch das Recht, ein Bergwerk zu errichten. Doch daraus war mangels Finanzen (die Kohle lag über hundert Meter tief und war nach preußischen Maßstäben unerreichbar) nichts geworden. Flugs kaufte Mulvany die Besitzrechte auf und begann eine Kohlegrube namens "Hibernia" (lat. für "Grüne Insel" = Irland) einzurichten, wie sie in Großbritannien üblich war. Den preußischen Grubenbesitzern muss die neue Zeche wie eine Offenbarung erschienen sein.
Zum ersten Mal wurde im Ruhrgebiet ein Schacht mit „Tübbings“ – gusseisernen Ringen – ausgekleidet. Auch die Bergleute brauchten fortan keine Leitern mehr zu klettern, sondern wurden im Förderkorb gefahren: Die „Seilfahrt“ eroberte das Ruhrgebiet. Möglich machte dies ein hölzernes Gitter-Gerüst über dem Schacht, das die Seilscheibe zehn Meter über dem Boden trug und mit schrägen Stützen gegen den Zug der Dampfmaschine abgestützt war: Nach diesem Prinzip entstanden aus Eisen und Stahl die meisten Fördertürme an Rhein und Ruhr und lösten die „Malakowtürme“ ab. – Auch der Standort direkt neben der „Cöln Mindener Eisenbahn“ war kein Zufall. Der Kohlen- und Materialtransport lief dadurch nahezu reibungslos.
In den Folgejahren errichtete Mulvany für seine Geldgeber zwei weitere Bergwerke: Die Zechen „Shamrock“ (Kleeblatt) in Wanne und „Erin“ (Irland) in Castrop. Für den Ruhrbergbau hatte eine neue Ära begonnen, ebenso für die Ortschaften an der Emscher.
Banken gründen Montankonzern
Doch so bahnbrechend die „britischen Zechen“ für den Ruhrbergbau waren, so enttäuschend war ihre Entwicklung für ihre irischen Besitzer. Die anstehende Kohle war für die Koks-Erzeugung heiß begehrt, aber wortwörtlich „brandgefährlich“ (sie konnte sich jederzeit entzünden) und war außerdem in „gebrochenen“ Flözen gelagert, was die Förderung immens verteuerte. Außerdem war das Grubenfeld eher begrenzt und „Hibernia“ binnen weniger Jahre bereits veraltet – neue Bergwerke verbesserten die von Mulvany eingeführten Techniken immer mehr.
Als im Jahre 1873, nach Gründung des Deutschen Reiches, die „Disconto Gesellschaft“ aus Berlin sich erbot, „Hibernia“ und „Shamrock“ aufzukaufen, willigten die Iren ein – gegen entsprechende Pfründe, versteht sich. Mulvany wurde Generaldirektor der „Hibernia AG“, die fortan andere Zechen (besonders im Raum Recklinghausen) aufkaufte und dadurch einen Bergbau-, Energie- und Chemiekonzern formierte, der hundert Jahre bestehen sollte.
„Chemie“ heißt in diesem Falle „Kohlechemie“. Denn gerade um 1870 kam heraus, dass die unappetitliche Brühe, die nach der Umwandlung von Steinkohle in Koks übrig zu bleiben pflegte, eine Goldgrube zu sein schien. Aus Ammoniak, Teer und Kohlenwasserstoffen entstanden Seife, Farben und Fette: Ein ganz neuer Industriezweig wurde geboren.
Im Jahre 1929 formierte der preußische Staat aus den ihm gehörenden Industrie-Beteiligungen die „Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG“ auf, kurz VEBA. Auch die Hibernia AG war Anteilseigner. Anno 1969 wurde die „Ruhrkohle AG“ formiert, die Hibernia AG hörte auf zu existieren und wurde zwischen Ruhrkohle und VEBA aufgeteilt. 1999 entsteht aus VEBA und VIAG der Konzern E.ON.
Zeche Hibernia: Als Schlagwetter-Pütt gefürchtet
Während der Hibernia-Konzern aufblühte, erwarb sich die namensgebende Zeche einen weit weniger geachteten Ruf: Zwar waren „schlagende Wetter“ (ein hochexplosives Gemisch aus 15 Prozent Methan und 85 Prozent Sauerstoff) die Geißel des gesamten Ruhrbergbaus und forderten von Duisburg bis Hamm Tausende Todesopfer, doch keine andere Zeche wurde so oft von Explosionen erschüttert wie die Pionier-Zeche „Hibernia“.
Bereits 1872 verwüstete ein Grubenbrand die Stollen und Gänge der Zeche, so dass diese geflutet und danach aufwändig „gesümpft“ (leergepumpt) werden mussten. Schon hierbei soll es Tote und viele Verletzte gegeben haben.
Am 8. Juni 1887, um ein Uhr in der Nacht, explodierte das gefürchtete Luft-Gas-Gemisch auf der achten Sohle in 440 Metern Tiefe. 52 Bergleute kamen um (die meisten erstickten an Gas-Schwaden) und hinterließen 96 Kinder. Ursache soll eine genehmigte Sprengung mit Dynamit gewesen sein. Kurz zuvor waren noch keine schlagenden Wetter angezeigt gewesen – Beweis dafür, wie tückisch diese Mischung sein konnte.
Am 23. Januar 1891 kamen bei einer ähnlichen Katastrophe noch einmal 57 Bergleute um. Diesmal hatte sich zusätzlich zur Schlagwetter-Entladung auch noch Kohlenstaub entzündet. Die Denkmäler für beide Desaster sind heute noch auf diversen Gelsenkirchener Friedhöfen zu besichtigen.
Und am 4. Januar 1891 schlugen die Wetter noch einmal, diesmal kamen „nur“ drei Menschen ums Leben, doch wieder gab es viele Verletzte – manche blieben verkrüppelt, so dass sie nicht mehr arbeiten und auch ihre Familien nicht mehr ernähren konnten.
Versuchsgrube und Filmschauplatz
Unterdessen konnte die Jahres-Höchstförderung von 1884 (fast 500.000 Tonnen) nie mehr erreicht werden, weil die Lagerung immer schlechter wurde. 1925, während der ersten echten Kohlekrise an der Ruhr, wurde Hibernia stillgelegt und zur „Versuchsgrube“ umgebaut: Hier wurden Unfallszenarien durchgespielt, um die Grubensicherheit zu verbessern. 1931 diente die Zeche als Filmkulisse: Der Bergarbeiterfilm „Kameradschaft“ über Grubenunfälle im deutsch-französischen Grenzgebiet war 1931 ein politisch brandheißes Eisen!
1942, im Zweiten Weltkrieg, wurde die Versuchsgrube nach Dortmund auf Zeche „Tremonia“ verlegt. Hibernia ging als Nebenanlage von Zeche Dahlbusch wieder in Betrieb und blieb dies bis zur endgültigen Stilllegung anno 1966. Auf dem einstigen Zechengelände zwischen Hibernia- und Dickampstraße stehen heute große Verwaltungsgebäude der Post und des Hygiene-Instituts.
Literatur: Hermann: „Die Alten Zechen an der Ruhr“, 4. Aufl. Königstein/Taunus 1995;
Internet: Der Förderturm zur Zeche Hibernia
Internet: Gelsenkirchener Geschichte zur Zeche Hibernia & zum Grubenunglück von 1887
Foto: © Gewerkschaft IG BCE, Bezirk Gelsenkirchen
