
- So sah Zeche Holland (Ückendorf) um 1870 aus - Gelsenkirchener Geschichten
Die Zeche Holland entstand 1856 auf der heutigen Stadtgrenze zwischen Gelsenkirchen und Wattenscheid (kein echter Wattenscheider würde je anerkennen, dass seine Heimatstadt seit 1975 zu Bochum gehört - darum erscheint dieser Text auch in der Rubrik Gelsenkirchen) und heißt so, weil Kaufleute aus den Niederlanden den Löwenanteil des nötigen Kapitals bereitstellten. An der heutigen Ückendorfer Straße, damals ein Feldweg von Gelsenkirchen ins Amt Wattenscheid, wurden zwei Malakow-Türme errichtet mit einem Maschinenhaus dazwischen – das Ganze sah von Ferne wie eine Ritterburg aus.
Ückendorf: Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde, vom Amtssitz zum Vorort
Um diese Festung aus Backstein entstanden mit den Jahren immer mehr Betriebsanlagen – und der Süden des heutigen Stadtteils Ückendorf von Gelsenkirchen (der Norden war um die Zechen „Rheinelbe“ und „Alma“ gruppiert). Das wilde Wachstum der Ortschaften in der Gründerzeit trieb seltsame Blüten: Über die eigene Schule und den eigenen Friedhof waren die Ückendorfer sicher froh, weil sie nicht mehr die drei Kilometer nach Wattenscheid laufen mussten – aber als Ückendorf zwischendurch ein eigenes Amt formierte, musste neben der Zeche ein eigener Schlachthof gebaut werden – und das, obwohl der Wattenscheider Schlachthof nur hundert Meter weiter die Straße runter angesiedelt war. Als Ückendorf 1928 zum Vorort von Gelsenkirchen degradiert wurde, war die kurze Zeit des Schlachthofs wieder vorbei. Das Gebäude steht heute noch gegenüber den neuen Läden am Dördelmannshof.
Auch die Schachtanlage selbst wandelte über die Jahrzehnte ihr Gesicht: Nachdem sich eiserne Gerüste als leistungsfähiger erwiesen hatten als die Ziegeltürme, wurden die Malakows auf Zeche „Holland“ mit solchen Fördertürmen versehen oder, wie der Bergmann sagt, sie wurden den Türmen „eingezogen“. Sie verschwanden nach Stilllegung der Anlage in den späten 1960er Jahren. Die zwei Malakows aber blieben als Industriedenkmal erhalten (es ist die einzige Schachtanlage mit zwei solchen Türmen, die im Ruhrgebiet erhalten geblieben ist) und wurden zu Wohnungen der gehobenen Preisklasse umgebaut.
Zeche Holland in Wattenscheid: Des einen Freund, des anderen Leithe
In der Gründerzeit, nach dem vom Deutschen Bund gewonnenen Krieg gegen Frankreich 1870/71, beschloss die Direktion auf Zeche Holland, ebenfalls vom Industrieboom zu profitieren: Wenige hundert Meter südlich von Holland I/II, in der sumpfigen „Lohrheide“ zwischen Wattenscheid und der Bauernschaft Leithe, wurde ein dritter Schacht abgeteuft, um das „Südfeld“ zu erschließen. Die neue Schachtanlage wuchs so rasch wie die Mutter in Ückendorf, ihre Belegschaft wurde in einer Kolonie weitab der Stadt Wattenscheid untergebracht, das ist der heutige Vorort Leithe.
Dem Schacht 3 gesellten sich mit den Jahren drei weitere hinzu: 1898 wurde Schacht 4 gebohrt, 1907 entstand Schacht 5, und 1921 machte Schacht 6 das halbe Dutzend voll. Die Schachtanlage von Wattenscheid war größer, moderner und leistungsfähiger als die in Ückendorf, so dass jene mit der Zeit zur Nebenanlage avancierte.
Doch auch Großzechen blieben von den Wirren des 20. Jahrhunderts nicht verschont: Immer wieder waren einzelne Betriebsanlagen von der Stilllegung bedroht, anno 1935 wurde Schacht 5 endgültig wieder aufgegeben (er war nur 28 Jahre lang im Dienst).
Schacht 6: Hochzeitsgabe von Zeche Zollverein
Die Kohlekrise nach 1958 bedeutete auch den allmählichen Abgesang für Zeche Holland: Bereits 1958 stellte Schacht 2 (in Ückendorf) den Betrieb ein. 1964 wurde Schacht 4 (in Wattenscheid) nicht länger benötigt, und vier Jahre später stellte Schacht 1 die Förderung ein – der Standort in Ückendorf diente in den Folgejahren „nur noch“ diversen Sozialeinrichtungen der RAG.
Übrig geblieben waren drei Schächte in Wattenscheid. Diese schöpften in den frühen 1970er Jahren noch einmal Hoffnung, als die Ölkrise den Hauptfeind der Ruhrkohle desavouierte. „Holland“ ging in einem Verbundbergwerk auf, unter Federführung der Essener Zeche „Zollverein“, und bekam von dieser, quasi als Morgengabe, einen kompletten Förderturm: Dieser wurde in Essen abmontiert und über Schacht 6 wieder zusammengebaut. Diese Maßnahme schob das Ende der Zeche (und die Arbeitslosigkeit hunderter Bergleute) um vierzehn wertvolle Jahre hinaus: Erst 1988 schlossen sich die Tore auf Zeche Holland für immer.
Fernsehkarriere dank der Fußball-Bundesliga
Inzwischen hatte sich die einstige Stadt Wattenscheid auf anderem Feld einen Namen gemacht: Das direkt neben der Zeche gelegene Lohrheide-Stadion war die Heimat von Weltklasse-Leichtathleten (TV Wattenscheid) und Bundesliga-Fußballern (SG Wattenscheid 09) geworden. Nach 1988 wurden die Tagesanlagen der Zeche abgerissen, Schacht 6 aber, mit der Leuchtschrift „Holland“, blieb als Denkmal erhalten. Und da kaum eine Fußballübertragung aus Wattenscheid ohne den Schwenk zum benachbarten Gerüst auskam, flimmerte der letzte Zeuge von 130 Jahren Bergbaugeschichte direkt in die Wohnstuben ganz Deutschlands.
Inzwischen hat sich auf der Wattenscheider Schachtanlage ein Gewerbegebiet etabliert.
Literatur: W. & G. Hermann: „Die alten Zechen an der Ruhr“, Königstein/Taunus 1991
Internet: Gelsenkirchener Geschichten über die Zeche Holland
Foto: Gelsenkirchener Geschichten
