Zeche Julius Philipp in Bochum: Medizin im Malakow

Das Wahrzeichen von Wiemelhausen - Guntram Walter / Route der Industriekultur
Das Wahrzeichen von Wiemelhausen - Guntram Walter / Route der Industriekultur
Die Grube im Vorort Wiemelhausen förderte nur dreißig Jahre lang. Ihr Förderturm blieb erhalten und dient einer Medizin-Ausstellung als Domizil.

Im Bochumer Vorort Wiemelhausen, südlich der Innenstadt, erhebt sich mitten zwischen modernen Wohnblocks und alten Bergmannshäusern ein wuchtiger, gemauerter Ziegelsteinturm. Es ist der Förderschacht 1 der Zeche Julius Philipp - einer von gerade mal vierzehn bis heute erhaltenen Malakow-Türmen des Ruhrgebiets. Er beherbergt heute eine medizinische Dauerausstellung der Ruhr-Universität Bochum.

Julius Philipp Heintzmann, ein Bergbau-Pionier

Julius Philipp Heintzmann (1745-1794) amtierte in den Jahren vor der Französischen Revolution als Königlich Preußischer Bergrat, das heißt, er hatte die Oberaufsicht über sämtliche Kohlegruben an der Ruhr und der oberen Emscher. Aus Clausthal im Harz gebürtig, war er gelernter Bergingenieur und war selbst an der Anlage vieler neuer Gruben im späteren Ruhrgebiet beteiligt, über sechzig Gruben zählten den Bergrat zu ihren Mitbesitzern, da er entsprechend einen Anteil Kuxe besaß. Heintzmann war quasi ein Vorgänger des Freiherrn vom Stein als oberster Bergbau-Beamter.

Zu jener Zeit war es üblich, führenden Bergbau-Funktionären quasi ein Denkmal zu setzen, indem die (zur Entwässerung der Kohleflöze unverzichtbaren) „Erbstollen“ nach ihnen benannt wurden. Der „Julius Philipp´s Erbstollen“ wurde im Lottental bei Querenburg angesetzt und nordwärts unter die Ruhrhänge getrieben. Auf diesem Weg erschürften die Bergleute drei Kohleflöze, und so wurde die Abwasserrinne „Julius Philipp“ selbst zum aktiven Bergwerk.

Als „Glücksburg“ erlosch, blieb „Julius Philipp“ ohne Fortune

Im Jahre 1863, als die Kohleflöze an der Oberfläche zur Neige gingen, suchten viele kleine Zechen im Süden des Ruhrgebiets den Zusammenschluss, um moderne Tiefbauschächte in tiefere Flöze zu treiben. „Julius Philipp“ konsolidierte mit der Zeche Glücksberg. Das neue Unternehmen behielt von Glücksburg die Anlagen (drei Schächte, darunter einen „Heintzmann“), aber von Julius Philipp den Namen.

Zwölf Jahre später war das nötige Kapital beisammen: „Julius Philipp“ errichtete an der heutigen Markstraße im Süden der Bauernschaft Wiemelhausen einen großen, stabilen Schachtturm aus Ziegelsteinen von der Art, die damals „Malakowturm“ genannt wurde. 1875 fertiggestellt, war dies einer der letzten Türme dieser Bauart – eiserne Gerüste erwiesen sich als stabiler, tragfähiger und billiger. Auch der wenig später gleich nebenan errichtete Schacht 2 wurde mit einem Strebengerüst ausgestattet. Auf der anderen Straßenseite entstand die Bergmannssiedlung, eine Handvoll dieser Häuser ist noch übrig geblieben.

Doch „Julius Philipp“ reüssierte nicht wie erhofft. Bis man auf den Dreh kam, dass feingemahlener Kohlenstaub ein hervorragender Energieträger ist, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Damals aber war „Feinkohle“, dieses trockene, leicht zu Pulver zerfallende Zeug, nur schwer zu verkoken (eine kleine Koksofen-Batterie bestand nicht lange) und noch schwerer zu verkaufen. Erst der Bau einer Brikettfabrik löste dieses Problem, doch wirklich Rendite erbrachte das Bergwerk nie.

Kohle-Syndikat: Bochumer Zeche für Bottrop geopfert

Schuld daran war auch der ruinöse Wettbewerb vieler kleiner Grubengesellschaften untereinander, der den Verkaufspreis in den Keller trieb. Deshalb gründeten die Grubenbesitzer anno 1893 das „Rheinisch westfälische Kohlensyndikat“, um Fördermengen und Verkaufsquoten untereinander abzusprechen und „reelle Preise“ einzufordern. Dieses Syndikat war im gesamten Deutschen Reich etwa so beliebt wie die OPEC während der Ölkrise, und zwar aus genau demselben Grund.

Zu jener Zeit begannen die Betreiber der großen Bergwerke im Norden des Reviers, kleine Zechen im Süden aufzukaufen. Mit dem Zukauf dieser Gruben stieg die Förder- und Verkaufsquote der eigenen Gesellschaft im Syndikat – wodurch die großen Bergwerke entsprechend mehr fördern und verkaufen durften, sobald die zugekauften kleinen Bergwerke den Betrieb einstellten.

Genau dies geschah mit „Julius Philipp“: 1904 erhielten die bisherigen Besitzer ein großzügiges Kaufangebot der Arenberg AG aus Bottrop und verkauften. Ein Jahr später wurde „Julius Philipp“ nach nur dreißig Jahren geschlossen, damit in der aufstrebenden Stadt Bottrop die Bergwerke „Prosper“ und „Arenberg Fortsetzung“ ihre Kapazitäten besser ausnutzen konnten. Hunderte Bergleute waren arbeitslos geworden. Solches geschah damals überall im Ruhrtal – und das war mit ein Auslöser für den Bergarbeiterstreik von 1905.

Ein Zechengelände verändert sich

Die Schachtanlage in Wiemelhausen wurde schließlich von Zeche „Prinz-Regent“ in Weitmar als Außenschachtanlage übernommen. Ab 1908 wurden der Malakow zum Wetterschacht umgebaut und die Tagesanlagen nicht mehr gebraucht, doch erst 1927 wurden diese abgerissen. Was blieb, war ein Mahnmal wirtschaftlichen Niedergangs: Eine ausgeräumte triste Kuhle neben einem einsamen Malakow. Im heute so idyllischen Wiemelhausen grassierten in den späten zwanziger Jahren Arbeitslosigkeit, Armut und Verfall.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente diese Kuhle als Schuttabladeplatz für die Kriegstrümmer und wurde nach und nach aufgefüllt. 1955 entstand auf diesem Gelände die Bezirkssportanlage an der Glücksburger Straße, auf der heute der Fußballklub „Concordia Wiemelhausen“ zuhause ist. Später kam die Turnhalle des TV Brenschede dazu (Brenschede war ein Gutshof samt Bauernschaft, die von Wiemelhausen geschluckt wurde, und an die heute noch die „Brenscheder Straße“ erinnert). In den 70er Jahren wurde das Areal rund um den Malakow mit modernen Wohnblocks bebaut, der Turm selbst entging nur knapp dem Abbruch. Die medizinische Fakultät der Ruhr-Universität hat hier ein Museum für Medizingeschichte eingerichtet, das mittwochs an Vormittagen zu besichtigen ist.

Spurensuche in Wiemelhausen

Obwohl vor achtzig Jahren abgerissen, lassen sich die Tagesanlagen der alten Zeche heute noch ohne Mühe lokalisieren: Wo sich an der Markstraße die modernen Wohnblocks erheben, standen die Fördermaschinen und das Kesselhaus mit vier hohen Kaminen. - Die Kohlenwäsche stand ungefähr dort, wie sich heute an der Glücksburger Straße die kleine Sporthalle des TV Brenschede erhebt. - Die Vereinsgaststätte und die Umkleidekabinen von „Concordia“ könnten glatt auf den Fundamenten der alten Brikettfabrik entstanden sein, während die Koksöfen etwa auf der rechten Aschenbahn gestanden haben dürften. - Das Fußballfeld selbst und der Trainingsplatz markieren das Grab des Zechen-Bahnhofs, und die Abraumhalde im Norden hat der Siedlung am Möllersweg Platz gemacht.

Literatur: W.&S. Hermann, „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4. Aufl. Königstein 1995;

Internet: Route der Industriekultur

Foto: © Route der Industriekultur / Guntram Walter

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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