Zeche Marianne in Wattenscheid-Höntrop: Pyramide übte Kopfstand

Die Pyramide auf einer alten Postkarte - www.der-foerderturm.de
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Die Grube im Vorort Höntrop förderte fast zweihundert Jahre. Sie belieferte das Stahlwerk "Bochumer Verein" und verursachte anno 2000 das „Höntroper Loch"

Die Zeche „Vereinigte Maria Anna und Steinbank“, um sie einmal in den Genuss des vollständigen Namens kommen zu lassen (die Überschrift war dafür zu kurz), war über 170 Jahre lang in Betrieb und belieferte das Stahlwerk „Bochumer Verein“. In Erinnerung blieb sie freilich nur durch das „Höntroper Loch“, das durch den Einsturz von Schacht 4 ausgelöst wurde.

Zeche Marianne und der „wandernde Tiefbau“

Die 1732 erstmals erwähnte Grube ging anno 1850 zum Tiefbau über: Zwei schräge Schächte wurden an den heutigen Straßen „Spelbergs Busch“ und „Eichsweg“ in die Erde getrieben; sie förderten bis 1871 bzw. 1878. Nachdem ihre umliegenden Vorräte ausgeraubt waren, wurden sie wieder aufgegeben und verfüllt – ein Vorgehen, das im „Wanderbergbau“ jener Übergangszeit Gang und Gäbe war.

Das Zuschütten dieser Schächte war (noch) kein Problem: Der 1858 im Nachbarort Eppendorf am Reiterweg abgeteufte Schacht 3 etwa stieß bereits in 10 (in Worten zehn) Metern Tiefe auf Kohle. Sehr viel tiefer werden die Ingenieure zu jener Zeit noch nicht gegangen sein, sonst wäre auf den ersten beiden Schächten nicht schon nach zwanzig Jahren „Schicht am Schacht“ gewesen.

Koks für den „Bochumer Verein“

Mit Schacht 3 in Eppendorf begann ein neues Kapitel: Die Grube wurde in den 1860er Jahren vom „Bochumer Verein“ übernommen, dem wachsenden Stahlwerk in Bochum. Die Stahlindustrie des Ruhrgebiets begann in jenen Jahren, sich „eigene“ Schachtanlagen zu kaufen, um vom Preisdiktat der Grubengesellschaften nicht allzu abhängig zu sein.

Mit „Wanderbergbau“ ließ sich auf Dauer kein Kohlevorrat anzulegen. Also ließ auch „Marianne“ das Zigeunerleben sein und wurde sesshaft: Schacht 3 wurde auf 300 Meter Tiefe gebracht und auf mehreren Sohlen Abbau betrieben. Diese Anlage sollte bis 1904 in Betrieb bleiben. - 1876 entstand zwischen Schacht 3 und dem Bochumer Verein eine direkte Eisenbahnstrecke zum Transport von Kohle und Koks. Diese Trasse ist heute noch in Resten zu besichtigen.

Da Schacht 3 allein den stetig wachsenden Appetit des Stahlwerks allein nicht stillen konnte, wurde 1871 ein weiterer Schacht in Angriff genommen: Schacht 4 entstand 600 Meter weiter westlich an der heutigen Emilstraße, die Zeche kehrte sozusagen nach Höntrop zurück. In den Folgejahren stieg die Förderung der Zeche Marianne auf sechsstellige Tonnage.

Schacht 4: Hugo Stinnes und das Kohlen-Syndikat stürzten Pyramide um

Über Schacht vier entstand, auf einem Fundament auf Mauerwerk, eine rundum verkleidete Pyramide aus Stahlgerüst, auf deren Dach wiederum thronte die Fördermaschine. Diese Konstruktion sparte viel Platz, es wurde kein Maschinenhaus gebraucht. Dieser Entwurf stellte einen Übergang zwischen Malakowturm und Fördergerüst dar, konnte sich im Ruhrgebiet aber nicht durchsetzen. Erst die „Hammerköpfe“ des 20.Jahrhunderts griffen ihn wieder auf.

Um die Jahrhundertwende gehörte Zeche Marianne zu den größten Kohlegruben im damaligen Landkreis Bochum. Doch ihr Ertrag befriedigte den Bochumer Verein längst nicht mehr. Die Gussstahlfabrik von einst hatte sich zu einem Montankonzern erster Güte entwickelt, der bereits ein halbes Dutzend großer „Hüttenzechen“ unter Vertrag hatte. Zeche Marianne war in der neuen Zeit einfach zu klein, zu unergiebig und zu unrentabel geworden – der Verein musste für ihren Betrieb noch draufzahlen. Also suchten die Stahlindustriellen einen Käufer und fanden ihn: Hugo Stinnes.

Der Generaldirektor der „Deutsch-Luxemburger Bergwerks- und Hütten-AG“ und Strom-Pionier war zu jener Zeit im gesamten Ruhrgebiet auf Einkaufstour – und bei den Bergleuten so verhasst wie kaum ein anderer „Schlotbaron“ seiner Zeit. Stinnes kaufte viele alte Gruben, um sie umgehend stillzulegen. Allein der Besitztitel war für ihn interessant, da hierdurch die Verkaufsquote seines Konzerns innerhalb des „Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats“ hochgetrieben wurde. Große Stinnes-Zechen im Norden des Reviers durften mehr Kohle fördern und verkaufen, weil kleine Zechen im Süden nicht mehr existierten. Tausende Bergleute zwischen Ruhr und Hellweg verloren ihre Arbeit, für die Gemeinden war dies eine Katastrophe – was mit ein Grund für die großen Eingemeindungen der 1920er Jahre werden sollte.

Auch Zeche Marianne mit ihren zuletzt fast 1200 Mann wurde kurzerhand dichtgemacht. Noch im gleichen Jahr begann der Abriss der Tagesanlagen. Hierbei stürzte die Pyramide eines Tages um, weil sie durch das Gewicht der Fördermaschine stark kopflastig war, und fiel kopfüber in den Schacht hinunter, wo sie sich auf einer Tiefe von 40 Metern verkeilte. Da sie sich ohnehin nicht vom Fleck bewegen ließen, wurden die Trümmer als Verschluss genutzt und der gesamte obere Bereich zugeschüttet.

Das „Höntroper Loch“: Zeche Steinbank kehrt zurück

Schacht 4 geriet in Vergessenheit, und nach dem 2.Weltkrieg entstand auf seinem Areal eine Wohnsiedlung, genannt Emilstraße. - Am 2.Januar 2000 brach plötzlich ein Krater auf, der zwei Garagen und mehrere Autos in die Tiefe riss und sich weiter vergrößerte. Mehrere Häuser wurden geräumt wegen Einsturzgefahr. Ein zweiter Krater brach auf, die Straße sackte ein – sogar der S-Bahn-Verkehr zwischen Bochum und Essen musste unterbrochen werden.

Nach und nach wurden die Krater mit Beton aufgefüllt, und in detaillierten Untersuchungen kam die Ursache für den größten Tagesbruch der Reviergeschichte ans Licht: Die Reste des 1904 im Schacht verkeilten Gerüsts waren restlos durchgerostet, gaben dem Druck der Erdmassen nach und der Schacht stürzte ein. Da aber die Schachtöffnung 1991 mit einem Betonpfropfen gesichert worden war, suchte sich die Schwerkraft ihren Weg durch benachbarte Grubenbauten. Diese stürzten beiderseits des Schachtes ein und rissen allein schon durch die Schrägbewegung der Erde die riesigen Krater. - Heute ist vom „Höntroper Loch“, mit Zement verfüllt und bepflanzt, nichts mehr zu sehen.

Literatur: HERMANN, W. & G, „Die alten Zechen an der Ruhr“, Königstein/Taunus 1991;

Internet: Bergbaupfad Wattenscheid: Schacht 4 in der Emilstraße

Welt.de: „Höntroper Loch“ von 2000;

Foto: © www.der-foerderturm.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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