Zeche Neu-Iserlohn in Lütgendortmund: eine Grenzgängerin

Maschinenhaus Neu-Iserlohn II am Hellweg - Ruhr-Bauten.de
Maschinenhaus Neu-Iserlohn II am Hellweg - Ruhr-Bauten.de
Die Anlagen dieser Grube liegen seit 1928 in zwei Städten, Bochum und Dortmund. 1868 geschah hier das erste große Grubenunglück im Ruhrgebiet.

Am Lütgendortmunder Hellweg, der Ost-West-Hauptverkehrsachse der früheren Kleinstadt an der Stadtgrenze von Dortmund nach Bochum, erheben sich heute noch einige wuchtige, fast klobige Industriebauten mit schmucklosen Fassaden, die meisten zeigen gar unverputzten Ziegelstein. Eine dieser Hallen gehört heute zur Justizvollzugsanstalt Somborn, die anderen werden gewerblich genutzt, unter anderem von einer KFZ-Werkstatt. Diese Hallen sind der Rest der Zeche Neu-Iserlohn.

Ein Bergwerk namens Münsterland

Im Jahre 1856 errichtete die „Gewerkschaft Münsterland“ im (heute zu Bochum gehörenden) Westen der Bauernschaft Somborn eine Schachtanlage, die drei Jahre später erstmals Kohle zutage förderte. Dieser Pütt stand an der heutigen Ecke Beverstraße/Everstalstraße, ihr Areal ist heute bewaldet und dient den umliegenden Wohnstraßen als Lärmschutz zum Ruhrschnellweg. – Als 1866 die Kohlenwäsche ihren Betrieb aufnahm, hatte die Grube bereits ihren Namen und vermutlich auch die entsprechenden Geldgeber gewechselt, aus „Münsterland“ war „Neu-Iserlohn“ geworden: Die gleichnamige Stadt im Sauerland war eine Eisenwaren-Hochburg.

Nur achthundert Meter weiter nördlich, am Hellweg, entstand ab 1865 Schacht II mit den oben erwähnten Tagesanlagen, darunter eine Kokerei. Die Kohle auf Neu-Iserlohn eignete sich nämlich hervorragend zur Umwandlung in Koks. Doch der hohe Gasgehalt des „Schwarzen Goldes“ zeigte gerade auf dieser Zeche sein hässliches Gesicht...

Schlagwetter-Katastrophe in Somborn

Am 15. Januar 1868 erschütterte eine gewaltige Explosion nicht nur Lütgendortmund und seine Umgebung, sondern das ganze, noch blutjunge Ruhrgebiet. Dass Grubenarbeit gefährlich ist, wusste jeder Bergmann. Dass das Gas der Kohle nicht nur den Atem rauben, sondern auch explodieren und brennen kann, war allgemein bekannt – England, Belgien und Frankreich waren bereits wiederholt von Schlagwetter-Katastrophen heimgesucht worden.

Doch zum ersten Mal erlebte der Ruhr-Bergbau, wie eine Zeche durch eine gigantische Explosion verwüstet wurde. Erstmals mussten Bergleute und Angehörige zuschauen, wie immer mehr Leichen geborgen wurden. Am Ende dieses grauenhaften Tages wurden 81 Tote gezählt. Allein 27 von ihnen, jeder dritte, wurden auf dem Alten Friedhof Langendreer begraben – darunter 15-jährige Kinder und, laut Kirchenbuch, ein Bräutigam, der vier Tage später hatte heiraten wollen...

Eine solche Tragödie gab es zum Glück in den nächsten fünfzehn Jahren nicht mehr. Erst 1882 wurde die Zeche „Pluto“ in Wanne von Schlagenden Wettern heimgesucht.

Kohleveredlung in der Kaiserzeit

Einmal zutage gehoben, machte sich die „Fette“, das heißt mit Gas gesättigte Kohle ausgesprochen nützlich: 1874 nahm die Kokerei auf Schacht I ihren Betrieb auf und wurde 1895 sowie 1907 modernisiert. Aus ihren „Abfällen“ – jenen Gasen und Wasserstoffen, die dem Koks entzogen worden waren – wurden Ammoniak, Teer und Benzol hergestellt, die ihrerseits Grundstoff waren für Seife, Schmieröl, Farben und sogar Medizin. 1886 entstand auf Schacht II eine Brikettfabrik, wo aus zwei Abfällen (Pech und Kohlenklein) ein ganz neuer Brennstoff gebacken wurde.

Die Fundamente der Kokerei stehen heute noch im Waldstück an der Beverstraße; sie stehen seit 1959 unter Denkmalschutz – obwohl längst eine Ruine, dürfen sie nicht abgerissen werden, da sie die ältesten noch vorhandenen Überreste einer Kokerei im Ruhrgebiet darstellen. Gerade Kokereien wurden immer wieder modernisiert oder ganz aufgegeben, weshalb es sonst nirgends mehr auch nur Überreste alter Koksöfen gibt.

Unterm Dach der „Harpener Bergbau AG“

Der Krieg gegen Frankreich hatte Milliardensummen, die Reichsgründung großes Selbstvertrauen in die Montanindustrie gespült. In der Folgezeit formierten sich große Konzerne, die nach und nach auf „Einkaufstour“ gingen und kleinere Unternehmen aufkauften.

So trat 1889 die „Harpener Bergbau AG“, einer der ältesten echten Bergbau-Konzerne, an die Gewerkschaft Neu-Iserlohn heran. „Harpen“ besaß ein halbes Dutzend Kohlegruben im Bochumer Osten (Harpen, Werne, Langendreer) und gliederte diesem Konglomerat nun auch die Schächte in Somborn und Lütgendortmund an. Zur selben Zeit baute sich Harpen ein zweites Imperium im Dortmunder Osten auf.

Ein Bergwerk - zwei Städte

Doch diese Übernahme bedeutete für „Neu-Iserlohn“, im Schatten der verfehlten Machtpolitik des Kaiserreichs (Verlorener 1. Weltkrieg, Versailles, Ruhrbesetzung, Wirtschaftskrisen) den Anfang vom Ende. Bereits 1915 schloss die Brikettfabrik ihre Tore. 1928 wurde die Kokerei geschlossen, und ein Jahr später stellte Schacht II die Förderung ein und diente nur mehr als Wetterschacht der Doppelschachtanlage I/III.

In eben diesen Jahren wurden die letzten Industriedörfer in die umliegenden Großstädte eingemeindet. Lütgendortmund fiel mit dem Osten Somborns an Dortmund, Langendreer mit dem Westen Somborns an Bochum. Seither führt die Stadtgrenze mitten durch die Schachtanlage II und knapp an der Schachtanlage I/III vorbei.

Zur gleichen Zeit war in Bochum-Werne die Zeche „Heinrich Gustav“ zur Zentralschachtanlage „Robert Müser“ ausgebaut und viele umliegende Gruben dichtgemacht worden. Bis 1955 blieb „Neu-Iserlohn“ eigenständiges Bergwerk, wurde dann aber zur bloßen Müser-Außenstelle herabgestuft. Als „Robert Müser“ 1968 stillgelegt wurde, kam auch in Somborn und Lütgendortmund „der Deckel drauf“. Schacht I/II verschwanden vollständig bis auf die Ruinen der Kokerei, von Schacht II sind immerhin die eingangs erwähnten Hallen übrig geblieben.

Internet-Quellen:

Ruhr-bauten.de – Zeche Neu-Iserlohn

Der Förderturm – Zeche Neu-Iserlohn

Sagenhaftes Ruhrgebiet: Das große Grubenunglück 1868

Foto: © Ruhr-Bauten.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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