
- Die Zeche Providence lag direkt am Herner Bahnhof - Stadt Herne
Wer heute den Bahnhof von Herne per Haupteingang verlässt und der Hauptstraße linksherum in Richtung Wanne/Eickel folgt, der erblickt nach ca. 100 Metern auf der rechten, der den Gleisen abgewandten Straßenseite einen Baublock aus mehrstöckigen Betongebäuden. Im uninspirierten funktionalen Stil der 1970er Jahre ist hier ein Schulzentrum hochgezogen worden. Dieses Projekt steht symbolisch für den Strukturwandel im Ruhrgebiet: Bessere Schulbildung sollte Ersatz für die Tausende Jobs schaffen, die an dieser Stelle weggefallen waren, als die Zeche „Providence / von der Heydt“ ihre Tore schloss.
Um Gottes Willen – der Bergbau krempelte alles um
Im Jahre 1847 hatte die Eisenbahn, in Gestalt der „Cöln Mindener Eisenbahngesellschaft“, das Dorf Herne erreicht und den Bergbau in die Emscherzone gelockt. Im Jahre 1844 hatte der Bochumer Kohlenhändler Wilhelm Endemann bei den preußischen Behörden einen Schürfschein für das Grubenfeld beantragt und dieses nach dem langjährigen preußischen Handels- und Finazminister „Von der Heydt“ getauft. Nun wartete er auf einen finanzkräftigen Investor, dem er den Schein für gutes Geld verkaufen konnte.
Dieser erschien 1864 in Gestalt der „Société civile des Charbonnages de Herne – Bochum“. Dieser „Bürgerliche Bergwerks-Gesellschaft Herne und Bochum“ war ein Konsortium französischer und belgischer Industrieller unter Führung von Joseph Pierre Monin, die ihre heimischen Hütten und Fabriken mit erstklassiger Kohle beliefern wollten. So entstand in Hochlarmark die Zeche „Clerget“ (später Recklinghausen II) und in Crange die Zeche „Barillon“ (später Julia).
Auf halben Wege, neben dem Bahnhof Herne an der Straße nach Crange, errichteten die Franzosen einen Schacht namens „Providence“. Das Bergwerk als solches sollte zuerst nur „Herne“ heißen, aber der französische Name setzte sich immer mehr durch. 1866 wurde die erste Kohle zutage gehoben. „Providence“ ist übrigens das französische Wort für die Vorsehung – die Bergleute sollen ihren Pütt spöttisch auch „Um Gottes Willen“ genannt haben, weil es bis 1894 einige Schlagwetter-Explosionen gab.
Die „Franzosen-Zechen“ werden deutsch
Dabei hatten bereits anno 1867, die Belegschaft war von 60 auf 660 Mann gestiegen und die Bahnhofs-Vorstadt Baukau zum Industrieviertel mutiert, die Arbeiten für Schacht 2 begonnen. Doch die fertigstellung zog sich aufgrund technischer und finanzieller Schwierigkeiten fast dreißig Jahre hin!
Als Schacht 1894 fertig wurde, hieß die Zeche nicht mehr so: Die Franzosen hatten 1889 ihre Gesellschaft mit allen drei Zechen an die aufstrebende Harpener Bergbau AG verkauft, welche zu jener Zeit im ganzen Ruhrgebiet von Lünen bis Oberhausen auf "Einkaufstour" war. Die neuen Besitzer gaben der „Franzosen-Zeche“ als erstes jenen Namen zurück, den sie ganz zuerst hatte tragen sollen, „Von der Heydt“. Als zweites wurde Schacht 2 endlich fertiggestellt.
Providence und Julia: Höchste Eisenbahn für Rationalisierung
„Von der Heydt“ und „Julia“ waren nicht umsonst in direkter Nachbarschaft angelegt worden (ihre Areale lieben beiderseits der heutigen Autobahn), sie waren von Beginn an auf eine spätere Union ausgelegt worden. Dies erwies sich Jahrzehnte später als glücklicher Umstand.
Als nämlich während des Ersten Weltkrieges der Herner Bahnhof von Grund auf modernisiert und die Gleisanlagen auf erhöhte Dämme verlegt wurden, war das zwar gut für den innerstädtischen Verkehr (die „Glückauf-Schranke“ zwischen Bahnhof und Innenstadt wich einer Brücke), aber der Bahnanschluss für „Von der Heydt“ wurde zu steil und damit zu kostenaufwändig. 1918, der erste Weltkrieg war verloren und der Ruhrbergbau sah schwere Zeiten heraufziehen, legten „Von der Heydt“ und „Julia“ Förderung und Absatz zusammen, zehn Jahre später wurden sie zu einem Betrieb vereinigt: Die „Rationalisierung“ der 1920er Jahre hatte begonnen.
Von der Heydt: Frühes Opfer der Kohlekrise
Als Seilfahrt- und Wetterschacht diente „Von der Heydt“ noch über dreißig Jahre diversen Herren: Erst der Harpener Bergbau AG, dann dem Flick-Konsortium, zwischendurch den „Reichswerken Hermann Göring“ und zuletzt der Märkischen Steinkohle-Gewerkschaft.
Selbst in alten Gruben, deren Kohlevorrat allmählich zuende ging, wurde im Zeichen von Wieder-Aufbau und Wirtschaftswunder fleißig weiter „malocht“ - bis die große Kohlekrise über das Ruhrgebiet hereinbrach: Quasi über Nacht hatte das Erdöl den Energiemarkt überflutet, die Grubengesellschaften wurden ihre Kohle plötzlich nicht mehr los und standen unversehens vor der Pleite.
Ihr erstes Gegenmittel war, sich von jenen Zechen zu trennen, die ohnehin ausgekohlt waren und deren Betrieb mehr kostete als einbrachte. 1961 wurde „Julia / Von der Heydt“ als erste Zeche in Herne zugemacht. Bis 1977 verblieben die Bauabteilung und die „Markscheiderei“ (Büro für Vermessung) am Harpener Weg, bis auch Zeche „Recklinghausen II“ ihre Tore schloss. „Von der Heydt“ wurde komplett abgeräumt, beiderseits des Harpener Wegs stehen heute das Schulzentrum, ein Seniorenstift und Wohnbebauung.
Internet: Zechen in Herne
Literatur: W. & G. HERRMANN: „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4.Aufl. Königstein im Taunus 1994
Foto: © Stadt Herne
