Zeche Schleswig in Dortmund-Brackel: Projekt Hüttenzeche

Hüttenzeche Schleswig: Der Pferdestall - Zechensuche.de
Hüttenzeche Schleswig: Der Pferdestall - Zechensuche.de
Das Bergwerk im Dortmunder Osten war eines der ersten echten Hüttenzechen im Ruhrgebiet: Seine Kohle war ausschließlich für die Hochöfen in Hörde bestimmt.

Am südlichen Rand des Dortmunder Vororts Brackel – genauer gesagt an jener Straße, die im Dorf vom Hellweg in Richtung Holzwickede abzweigt – erhebt sich eine gewaltige Schlackenhalde und in ihrem Schatten eine alte Zechensiedlung, die gemeinhin als „Neuasseln“ bekannt ist. Hier und dort stößt der Besucher noch auf Reste der Zeche Schleswig, die als Teil des so genannten „Vereinigten Dortmund Hörder Kohlenwerks“ die Hochöfen in Hörde mit Kohle zu versorgen hatte.

Kohle für die Hermannshütte

Rückblende: Im Jahre 1840 hatte ein Weißblech-Fabrikant aus Iserlohn, Dietrich Hermann Piepenstock, auf einem Areal unweit der Burg Hörde ein Hüttenwerk errichtet, um „nach dem englischen Rezept“ Roheisen zu erzeugen. Unter der Leitung des englischen Ingenieurs Dobbs produzierte „Hermanns Hütte“ das damals hochmoderne Puddeleisen (die Eisenschmelze wurde stetig umgerührt), das vor allem im Eisenbahnbau reißenden Absatz fand, da hieraus die besten Schienen gewalzt werden konnten.

Die „Hermannshütte“ wuchs schneller als geplant, produzierte und verkaufte ungeahnte Mengen an Eisen und benötigte daher auch ungeahnte Mengen Kohle. Doch weil der junge Ruhrbergbau kaum in der Lage war, den Appetit der Metallindustrie zu stillen (die Zechen waren gerade erst dabei, sich tiefere Lagerstätten zu erschließen), war der begehrte Brennstoff teuer, und der Tagespreis „sprang“ wie heutzutage bei Benzin. Kohle kaufen war für Eisenfabrikanten ein Vabanque-Spiel.

Also beschlossen Piepenstock und Dobbs, ein eigenes Bergwerk aufzubauen und dies der Hütte anzugliedern. Zu diesem Zweck gründeten sie 1852 den „Hörder Bergwerks- und Hüttenverein“ und erwarben Ländereien südlich des Dorfes Brackel, wo sich die Chausseen von Brackel nach Holzwickede und von Aplerbeck nach Asseln kreuzten, um dort eine Kohlengrube anzulegen: Eine der ersten "Hüttenzechen" im Ruhrgebiet war geboren.

Ein Bergwerk für Brackel

Noch im selben Jahr meldete der Bohrtrupp, er habe ein „36 Zoll tiefes“ Flöz angebohrt, das noch dazu die begehrte Esskohle führte. Daraufhin wurde die Zeche „Schleswig“ (seinerzeit ein zum Königreich Dänemark tendierendes Fürstentum, das erst 1864 zu Preußen kam) verliehen. Am Neuhammer Weg entstand ein Bergwerk mit zwei Schächten, einem oberirdischen Pferdestall, einer Verbandsstation und sogar einem Solebad für medizinische Zwecke. An der Straße Richtung Aplerbeck begann die Eisenbahnstrecke für den Kohletransport nach Hörde. In Gegenrichtung, nach Asseln hin, entstand die Zechenkolonie, die deshalb bald Neu-Asseln genannt wurde.

Schon vorher war Zeche Schleswig mit der in Dortmund-Asseln geplanten Zeche „Holstein“ zum Dortmund-Hörder Kohlenwerk vereinigt worden. Zeche Holstein bestand freilich zuerst nur auf dem Papier und sollte erst 1874 in Betrieb gehen. Auf „Schleswig“ dagegen wurde die erste Kohle bereits 1859 zutage gehoben.

Gewehrkugeln für Streikende

In den Folgejahren erwies sich die Grube, oder vielmehr ihre Kohlevorräte, als trickreich: Die Flöze waren so oft gebrochen und verworfen, dass die Förderung stark schwankte. Auch der Bau einer eigenen Kokerei anno 1872 erwies sich als Reinfall, da die anstehende Kohle keinen guten Koks hervorbrachte: Zwei Jahre später wurden die Koksöfen wieder „kaltgestellt“, also stillgelegt.

Im Jahre 1889 wurde der Ruhrbergbau vom bis dahin größten Bergarbeiterstreik überhaupt auf Monate lahmgelegt. Die Atmosphäre zwischen Bergleuten, Industriellen und Staatsgewalt war angespannt und mancherorts sogar vergiftet. Die Demonstrationen der hungernden Streikenden wurden immer bitterer und schlugen auch schon mal in Ausschreitungen gegen „Streikbrecher“ um. Die Betriebsleitung auf Schleswig gehörte zu jenen Gruben, die Militär zur Bewachung anforderten.

Dies kam bei den Streikenden und ihren Angehörigen gar nicht gut an. Der befehlshabende Offizier befahl der wütenden Menge, sich zu zerstreuen, worauf die nicht reagierte – dann fielen Schüsse. Als der Qualm sich verzog, lagen neben einigen Verletzten auch Tote auf dem Platz. Die Angaben schwanken zwischen drei und sieben (darunter soll auch eine Mutter mit ihrem Kind gewesen sein). Im Sommer gleichen Jahres wurden Bergleute aus Brackel zu 4 bis 5 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Eine Siedlung für drei Jahre

Im Jahre 1895 ging der aus Holz gebaute Förderturm Schleswig 1 in Flammen auf und wurde durch ein Eisengerüst ersetzt. 1903 verkehrten unter Tage die ersten Elektro-Lokomotiven. Von 1910 bis 1912 wurde außer Kohle auch Eisenstein gefördert, dies wurde jedoch kein Geschäft.

Anno 1906 fusionierte der Hörder Bergwerks- und Hüttenverein mit der „Phönix AG“, weshalb die einstige Hermannshütte seither nur noch als „Phönix“ bekannt ist. Der neue Konzern erlebte vor und im Ersten Weltkrieg den branchenüblichen Boom und machte nach 1919 die einschlägigen Krisen durch. In der Zwischenzeit wurde die Kohleförderung der werkseigenen Gruben immer unwirtschaftlicher.

Noch im Jahre 1922 errichtete Zeche Schleswig in der Straße „Am Knie“ eine neue Siedlung für ihre Grubenbeamten, direkt neben der Zecheneinfahrt. Diese Beamtenhäuser stehen heute noch – aber sie dienten nur drei Jahre lang ihrem angedachten Zweck: Bereits 1925 wurde „Schleswig“ stillgelegt. Zunächst wurden die Tagesanlagen unberührt gelassen, weil man eine Neueröffnung noch für möglich hielt. Doch 1928 hieß es auch auf Zeche Holstein „Schicht am Schacht“. Der Phönix bezog seine Kohlen fortan woanders.

Spurensuche in Neuasseln

Am Neuhammer Weg, der Zecheneinfahrt, stehen noch der Pferdestall, die Markenstube, die Schmiede und das Solebad. Alle diese Gebäude werden als Wohnhäuser oder gewerblich genutzt. Nebenan stehen noch die Beamtenhäuser „Am Knie“, auf der Ostseite der Zeche gruppiert sich die Kolonie „Neu-Asseln“ um die Straßen „An der Eiche“ und „Quartlenbeckstraße“. Parallel zur „Buddinkstraße“ wächst mitten im freien Feld ein steiler und hoher, mit Gras und Gestrüpp dicht bewachsener Damm empor: Dies war die Kohlenbahn von Zeche Schleswig zur Zeche Holstein in Asseln.

All dies steht am Fuß einer riesigen Deponie, die zuerst als Bergehalde, später für Hüttenschlacke und zuletzt für allerlei Industrieabfälle genutzt wurde und die in diesen Tagen zum Erholungsgebiet umgebaut wird. Benötigt wird sie nämlich nicht mehr: Das Areal der alten Hermannshütte, alias „Phönix Ost“ nordöstlich von Hörde, ist in den Fluten des Phönixsees verschwunden.

Internet: „Unser Schulbezirk Neuasseln (1991)“

Literatur: W. & G. Hermann: „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4. Aufl. Königsstein/T., 1995;

Foto: © Zechensuche.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

rss