
- RWE-Werk und Zeche Viktoria Mathias von Südosten - Gemeinfrei (Wikipedia)
Wo heute das Universitätsviertel die Essener Innenstadt nach Norden abschließt, erstreckte sich bis zu seiner Verwüstung im 2. Weltkrieg der Stadtteil „Segeroth“. Es war ein Industrie- und Arbeiterwohnviertel, Wohnstraßen und Gewerbeanlagen wild durcheinander vermengt, eine stinkende, überfüllte Arme-Leute-Gegend. Über diesem „Idyll“ erhebt sich ein regelrechter Wald aus Schornsteinen, der ein hohes, schlankes Fördergerüst umringte. Dies war das RWE-Kraftwerk neben der Zeche „Victoria Mathias“.
Zeche Victoria Mathias: Benannt nach Mathias Stinnes
Als der Reeder, Handelsherr und Industrielle Mathias Stinnes (1790-1845) beschloss, im Norden der Stadt Essen eine neue Schachtanlage anzulegen, galt Stinnes als größter Bergbau-Pionier seiner Zeit (er hatte die Anlage senkrechter Schächte im Ruhrbergbau eingeführt) und „Victoria Mathias“ als seine größte Herausforderung: Fast sechshundert Meter mussten die Schächte „Victoria“ und „Gustav“ hinab getrieben werden, ehe sie auf die begehrte Kohle stießen.
Diese Kohle befand sich direkt unter der Essener Altstadt (Schacht „Mathias“) sowie unter der früheren Viehweide nördlich der Stadt Essen (Schacht „Gustav“). Letzterer entstand an der einzigen befestigten Straße der Umgegend: Dem Weg nach Altenessen namens „Viehofer Straße“ (heute Altenessener Straße). Mathias Stinnes, gestorben 1845, erlebte die Erfolgsgeschichte der nach ihm benannten Zeche nicht mehr: Zwar wurde Schacht „Mathias“ schon 1875 aufgegeben und die Förderung unter der Innenstadt eingestellt, Schacht „Gustav“ aber avancierte binnen weniger Jahre zum zweitgrößten Arbeitgeber der Stadt nach den Krupp-Werken. Aus der Ackerbürgerstadt wurde ein Industrierevier.
1898: Hugo Stinnes gründet das RWE-Kraftwerk
Um die Jahrhundertwende war die Familie Stinnes durch den Enkel des alten Mathias im Gruben-Vorstand vertreten: Hugo Stinnes (1870-1924) wurde berühmt durch die Gründung der Rheinisch Westfälischen Elektrizitätsgesellschaft „RWE“ im Jahre 1898, deren Geschäftsaufgabe es zunächst war, die Stadt Essen mit dieser neuartigen Energie zu versorgen.
Zu diesem Zweck wurde direkt neben „Victoria Mathias“ das erste Elektrizitätswerk im gesamten Ruhrgebiet errichtet: Ein Kohlekraftwerk mit einem halben Dutzend mächtiger Kamine. Fortan befeuerte die Kohle aus „Victoria Mathias“ die Dampfkessel der Stromerzeugung - es war der Beginn eines Imperiums, das bis heute die Energiewirtschaft in Deutschland beherrscht.
Um 1900: Die Zeche verändert ihr Gesicht
Zur gleichen Zeit hatte sich die Grube entschlossen, einen neuen Tiefbauschacht anzulegen, der „Victoria Mathias 2“ heißen sollte. Doch noch vor dessen Fertigstellung stürzte Schacht „Gustav“ ein, und die Zeche war monatelang außer Betrieb.
Nachdem beide Schächte fertiggestellt waren, bot sich dem Betrachter ein unverwechselbares Bild: Das Fördergerüst über Schacht 2 war doppelt so hoch wie das über „Gustav“, welches sich hinter dem hohen, schlanken Gerüst regelrecht zusammen duckte. Diese unausgewogene Diskrepanz erklärt sich aus den verschiedenen Aufgaben der Schächte. In den folgenden sechs Jahrzehnten prägten Gerüste und Kamine das Panorama im Essener Norden.
Darunter und ringsumher wucherte mit der Zeit ein unentwirrbares Labyrinth aus Werkshallen: War das Grundstück der Zeche anno 1840 ungewöhnlich groß vermessen gewesen, war es inzwischen viel zu klein geworden: Kokerei, Benzol- und Teerfabrik benötigten entsprechende Fabrikationsanlagen und diese brauchten Platz. Auf einem Foto aus den 30er Jahren sahen die Übertage-Anlagen wie aufeinander gestapelt aus.
Weltkrieg, Wirtschaftswunder, Kohlekrise
Diese Zusammenballung aus Gebäuden wurde im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges fast völlig zerstört. Der Wiederaufbau ging unerwartet schnell vonstatten und bald gehörte „Victoria Mathias“ wieder zu den verlässlichsten Kohle-Lieferanten der Wiederaufbau-Ära.
Doch die Vorräte des kleinen Grubenfeldes gingen allmählich zur Neige. Die hundert Jahre alten, eng bemessenen Schachtanlagen rings um Essen gehörten durch die Bank zu den ersten Opfern der großen Kohlekrise ab 1958. Sieben Jahre später war auch für „Victoria Mathias“ die Uhr abgelaufen. Alle Tagesanlagen wurden abgerissen. Eines der bekanntesten Fördergerüste des Reviers verschwand in einer Sprengwolke.
Wer das Gelände der ehemaligen Zeche aufsuchen will, der begebe sich zur Einmündung der Beisingstraße in die Altenessener Straße. Die komplette Grube wurde mit Wohnhäusern und neuen Betrieben überbaut. Das alte RWE-Kraftwerk wurde durch das „Fernwärme-Kraftwerk Essen Nord“ ersetzt.
Literatur: Hermann, "Die alten Zechen an der Ruhr", Königstein (Taunus) 1995;
Internet: Fördergerüste im Ruhrbergbau: Zeche Victoria Mathias
Foto: © Unbekannt (Gemeinfrei)
