Zeche Waltrop: Kohle für Kaisers Kriegsschiffe

Die Schlosserei der Zeche Waltrop - Dirk Buschmann
Die Schlosserei der Zeche Waltrop - Dirk Buschmann
Das Bergwerk in Waltrop wurde vom Preußischen Staat angelegt, um die Flotte des Kaiserreichs zu befeuern. Heute steht das Ensemble unter Denkmalschutz.

Im Südosten der Stadt Waltrop steht im Schatten einer bepflanzten Bergehalde ein Gewerbe-Areal der besonderen Art: Über zwei Dutzend mittelständische Betriebe aus Handwerk, Technik und Dienstleistung residieren in etwa zwölf Hallen und Gebäuden, die sich allesamt frappierend ähnlich sehen.

Diese sind alle mit roten Backstein- und hellen Putzfassaden verkleidet und haben hohe, aus Dutzenden Scheiben bestehende Fenster, die an eine Kathedrale erinnern. Auf dem Rasenplatz in der Mitte des Ensembles verrät eine riesige aufgebockte Seilscheibe den Grund: hier förderte einst eine Kohlengrube.

Kohle für die Kriegsflotte

Um die Jahrhundertwende begann der Preußische Staat, zu dem das Ruhrgebiet damals gehörte, Bergwerke anzulegen, um eigene Kohlevorräte anlegen zu können – unabhängig von den Preisforderungen des Kohlensyndikats. Die rasch wachsende Kriegsflotte des Deutschen Reiches, insbesondere die neuartigen Dreadnoughts, verschlangen bislang ungekannte Mengen Kohle. Die Marine pochte daher auf „eigene“ Bergwerke, um nicht der Macht irgendwelcher Industriellen ausgeliefert zu sein.

So entstanden die Zechen „Möller“ in Gladbeck und „Rheinbaben“ in Bottrop, „Bergmannsglück“ in Buer – und ab 1903 die Zeche Waltrop in der gleichnamigen Kleinstadt zwischen Lünen und Recklinghausen. Sie war der Königlich Preußischen Berginspektion in Recklinghausen unterstellt.

Tagesanlagen aus einem Entwurf

Zwei Bauernhöfe gaben Land und Gebäude (Bauhof, Pferdestall), und der Architekt van de Sand entwarf die kompletten Tagesanlagen „aus einem Guss“ – so wie sie heute noch zu bewundern sind: Direktion, Waschkaue, Maschinenhallen, Lampenstube, Schlosserei und Schmiede, Feuerwehr, Sanitätshaus und alles, was auf einer Zeche jener Zeit sonst noch benötigt wurde.

1905 wurde die Förderung aufgenommen, 1909 eine Kokerei errichtet, und auch die benachbarte Siedlung für die Bergleute zwischen Zeche, Lehm- und Berliner Straße (angelehnt an die Gartenstadt-Idee) wurde in diesen Jahren fertiggestellt. Doch von da an ging (fast) alles schief.

Neue Kundschaft: Die Deutsche Reichsbahn

Im Jahre 1909 kam es zu einem Wassereinbruch, der nicht zu stoppen war und die gesamte Grube flutete. Unversehens fand sich die gesamte Belegschaft, bis auf 300 Mann, auf der Straße wieder. Erst nach Aufstellung einer riesigen Pumpanlage konnte die Grube „gesümpft“ und wieder in Betrieb genommen werden. 1914 hatte die Zeche wieder 1200 Bergleute unter Vertrag.

Der Erste Weltkrieg ging bekanntlich verloren. Die Hochseeflotte versenkte sich in Scapa Flow, und eine neue Flotte hatte der Vertrag von Versailles verboten. Zeche Waltrop musste sich also neue Kundschaft suchen und irgendwie sehen, wie sie die wirren Zeitläufe (Kapp-Putsch, französische Ruhrbesetzung, Inflation und Weltwirtschaftskrise) überlebte. Ein ums andere Mal drohte ihr die Schließung. Dass es nicht dazu kam, war der neu gegründeten Reichsbahn zu verdanken: Das neue Staatsunternehmen kaufte seine Kohle mit Vorliebe bei staatlichen Zechen.

Fusion mit der „Hibernia AG“: Koks für Kraftwerke

Zu diesen gehörten, seit ihrer Verstaatlichung im Kriegsjahr 1917, auch die Gruben der „Hibernia AG“. 1935, unter den Nationalsozialisten, wurden die „Hibernia AG“ und die „Berginspektion“ zur staatlichen „Bergwerks-AG Recklinghausen“ fusioniert. Dies passte organisatorisch insoweit gut zusammen, da sich die Gruben beider Firmen im Norden des Reviers konzentrierten. Im Zeichen der Kriegswirtschaft blühte Zeche Waltrop wieder auf – der Preis dafür ist allgemein bekannt.

Es folgten der Zweite Weltkrieg, der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder: 1957 arbeiteten 2.700 Menschen für den Pütt. Doch sieben Jahre später verhinderten nur wütende Proteste der Waltroper Bevölkerung, dass die Zeche stillgelegt wurde. Stattdessen ging die Hibernia AG, samt Bergwerks-AG Recklinghausen, 1969 in Besitz der Ruhrkohle über (ihre Kraftwerke lebten in der VEBA weiter, heute ist das E.ON). Die Schonfrist dauerte noch zehn Jahre: 1979 war endgültig „hängen am Schacht“.

Gewerbegebiet unter Denkmalschutz

1984 erwarb die Landesentwicklungsgesellschaft NRW (als „LEG“ auch für ihren früheren Wohnungsbesitz bekannt) das Areal. Gleisanlagen, Fördertürme und Schornsteine verschwanden, die elf noch vorhandenen Hallen wurden restauriert und das umliegende Areal in einen Park verwandelt. Seit 1999 haben hier diverse Firmen und Unternehmen neue Unterkunft bezogen. Die (nach der Zeche Zollverein) größte erhalten gebliebene Tagesanlage des Ruhrbergbaus ist also Arbeitsplatz, Museum und Erholungsgebiet in einem.

Literatur: W. & G. Hermann: „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4. Auflage Königstein im Taunus 1991;

Foto: © Dirk Buschmann

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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