Zeche Werne III in Rünthe: Waschkaue als Kulturzentrum

Waschkaue von Schacht III in Rünthe - Pertheswerk Kamen/Bergkamen
Waschkaue von Schacht III in Rünthe - Pertheswerk Kamen/Bergkamen
Die einstige Waschkaue von „Schacht III" wird heute als Kulturzentrum genutzt, die frühere Kohlenwäsche dient als Getreidespeicher.

Rünthe, heute landesweit durch seine „Marina“ (Yachthafen am Lippe-Seitenkanal) ein Begriff, ist seit 1966 ein Vorort der Chemiestadt Bergkamen, identifiziert sich aber historisch und im Geiste eher mit der Stadt Werne. Beide Orte liegen nur zwei Kilometer auseinander, teilen dieselbe Telefon-Vorwahl und standen sechzig Jahre lang im Schatten der Zeche „Werne“. Diese betrieb von 1912 bis 1986 in Rünthe eine Schachtanlage, welche allgemein nur als „Schacht III“ bekannt war.

Eine Schachtanlage in der Sandbochumer Heide

Die Zeche Werne wurde 1899 im Süden der gleichnamigen Marktstadt, an der Chaussee nach Kamen, zum Zweck der Kohleversorgung des Stahlwerks Georgsmarienhütte bei Osnabrück angelegt. Die Zeche war gleich zu Beginn auf derart ergiebige Kohlelager gestoßen, dass die Grubenverwaltung beschloss, im Südfeld des Grubenbesitzes eine zweite Schachtanlage zu platzieren. Anders als im Ruhrgebiet üblich, bewegte sich Zeche Werne also südwärts.

Schacht III wurde in der Bauernschaft Rünthe angesetzt, gleich auf dem anderen Ufer der Lippe inmitten der bis dahin kaum besiedelten Sandbochumer Heide. Da die neue Schachtanlage zur eigenständigen Förderung vorgesehen war und entsprechende Übertage-Anlagen (Kohlenwäsche, Kesselhaus, eigene Verwaltung etc.) benötigte, mussten hunderte Arbeiter angeworben und Wohnungen gebaut werden. Die heute noch vorhandenen Kolonie-Häuser in den Straßen rings um Schacht III sind hundert Jahre alt, denn fast alle entstanden noch vor dem Ersten Weltkrieg.

Schacht III: Vom Brötchengeber zum Getreidespeicher

In manchen Berichten heißt es, die Grube von Rünthe sei nie wirklich wie geplant fertiggestellt worden. Im Ersten Weltkrieg fehlte es an Bergleuten und Arbeitskräften sowie an Material. Dann folgten schwere Zeiten: Erst tobte der Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Freikorps (quasi nebenan wurde 1920 die Schlacht von Pelkum ausgetragen), dann die Ruhrbesetzung samt Boykott und Inflation, und der Hauptabnehmer bei Georgsmarienhütte geriet in große Schwierigkeiten. Kein guter Markt für Steinkohle. Zeche Werne balancierte wie so viele Gruben am Abgrund.

Als 1930 schließlich die Wirtschaftskrise über Deutschland hereinbrach, zog der Grubenvorstand die Notbremse: Um die Mutterzeche in Werne zu retten, wurde Schacht III stillgelegt und eingemottet. Wer aus Rünthe überhaupt noch auf der Zeche Verwendung fand, musste sich fortan nach Werne hinüber begeben.

Auch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und nach jeder Schaufel Kohle gierten, gab es für Schacht III kein Comeback: Technischer Fortschritt und Rationalisierung machten es möglich, dass unter Rünthe gewonnene Steinkohle keineswegs über Rünthe ans Tageslicht kommen musste. 1937 wurde das Kesselhaus abgerissen. Das „Deutsche Strebengerüst“ blieb noch stehen, weil der Schacht zur Bewetterung gebraucht wurde. Die Kohlenwäsche diente den Nazis fortan als Speicher für den nationalen Getreidevorrat.

Nachkriegszeit: Rückkehr der Seilfahrt

Nach dem Krieg wurde Schacht III wieder zur Seilfahrt freigegeben: In Zeiten gesprengter Lippe- und Kanalbrücken war die einzige Verbindung von Rünthe nach Werne der Zechenschacht. Dieses Provisorium etablierte sich während des „Wirtschaftswunders“, als der Ruhrbergbau boomte.

Doch die Kohlekrise nach 1958 beendete die kurze Renaissance auf Schacht III. Schon in den 60er Jahren wurde die Seilfahrt wieder eingestellt. Nach Stilllegung der Zeche Werne (1975) diente der Schacht III einige Jahre lang erst der Zeche „Königsborn“ (Bönen), dann der Zeche „Monopol“ (Kamen) als Wetterschacht – und dem Solebad Werne als Sole-Lieferant.

Das Kauengebäude: Bergkamens größtes Kulturzentrum

Als 1986 auch Zeche „Monopol“ endgültig stillgelegt wurde, war in Rünthe „Hängen am Schacht“. Das Deutsche Strebengerüst, Wahrzeichen des Bergbaudörfchens, wurde demontiert. Dem großen Verwaltungs- und Kauengebäude dagegen blieb dieses Schicksal erspart. Es wurde gründlich modernisiert und umgebaut und dient seit 1989 als Kulturzentrum für Rünthe und die gesamte nähere Umgebung.

Das Erdgeschoss teilen sich die Umkleidekabinen des lokalen Fußballvereins SuS Rünthe 08, der hundert Meter weiter eines seiner Fußballfelder betreibt, sowie diverse Lager und Werkstätten des evangelischen Perthes-Werks. Im Treppenhaus zur einstigen Verwaltungsetage laden diverse kleine Schaukästen mit Ausstellungen über Zeche, Bergbau und lokale Vereine zum Hinschauen ein. - Im Obergeschoss befindet sich, neben einer Spielgruppe für Kinder ohne Krippenplatz, ein riesiger Saal, der für alles mögliche genutzt wird: für Konzerte, Theater- und Kino-Aufführungen ebenso (seine 800 Sitzplätze machen ihn zum größten Saal in ganz Bergkamen) wie für Vereinsfeste oder Trödelmärkte. Die Ausstellungen der Modellbahn-Freunde etwa sind schon legendär.

Der Malakow-Turm, der eine Kohlenwäsche war

Das gesamte Areal von Schacht III dient heute der Freizeitgestaltung: Auf dem Erddamm der früheren Kohlenbahn führen Fahrradwege bis nach Kamen, Werne, Bönen oder Lünen. Auf dem früheren Grubenholzplatz residieren die Fußballer vom SuS Rünthe. Die Halde ist längst zum grünen Park mit Dschungel-Ambiente avanciert.

Das alles wird überragt von einem ausgesprochen wuchtigen, breit wie hoch ausgeführten Turm, den schon viele Besucher für den alten Förderschacht gehalten haben: Sein Dachstuhl und das gegliederte Mauerwerk erinnern frappant an die „Malakow-Türme“, wie sie ab 1850 von französischen Ingenieuren im Ruhrgebiet errichtet wurden. - Doch der Rote Riese beherbergte keinen Förderturm (der wurde ja 1986 abgerissen), sondern die Kohlenwäsche – also jene riesige Dusche, die Kohle vom „Berg“ (Sand, Mergel, Ton, Gestein) trennte. 1937 von den Nazis als Getreidespeicher umgewidmet, dient sie bis heute einer Futtermittel-Mühle als zentrales Silo.

Literatur: W. & S. Hermann: „Die alten Zechen an der Ruhr“, 4. Aufl. Königstein 1995;

Internet: Evangelisches Perthes-Werk Kamen/Bergkamen

Foto: © Evangelisches Pertheswerk Kamen/Bergkamen

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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