Zehn neue Erzählungen von Alice Munro – Zu viel Glück

Alice Munro: Zu viel Glück. Erzählungen - S. Fischer Verlag
Alice Munro: Zu viel Glück. Erzählungen - S. Fischer Verlag
Man-Booker-Preisträgerin Alice Munro, Kanadas große alte Dame der Literatur, beglückt ihre Leser mit neuen Erzählungen, meist Geschichten über Frauen.

Ihr Name gehört zu den häufig genannten bei Spekulationen um die Vergabe des Literaturnobelpreises. Die 80jährige kanadische Bestsellerautorin Alice Munro ist eine Ausnahmeerscheinung im internationalen literarischen Betrieb. Ihr Ruhm begründet sich auf Erzählungen, die mittlerweile 13 Bände füllen, wohlgemerkt sind dies keine Short Stories. Munro vertritt wahrscheinlich als einzige namhafte zeitgenössische Schriftstellerin das Genre des Kurzromans.

Tricks und Taten der Helden von Alice Munro

Die New York Times nannte die Geschichten von Alice Munro „literarische Wunder“. Sie erhielt viel Preise, darunter den Man-Booker-Preis 2009 für internationale Literatur. Alice Munro ist in mehrfacher Hinsicht eine herausragende Erzählerin. Das fängt mit der Form an und endet mit den oft überraschenden Story-Auflösungen. Die Helden stehen meist vor wichtigen Lebensentscheidungen, die sich aber mitten an einem ganz gewöhnlichen Werktag ohne besondere Vorwarnung plötzlich ergeben können. Die Mädchen und Frauen, selten Männer, um die es geht, sind fähig, ihre Gefühle gut und trickreich selbst zu analysieren (eines ihrer Bücher trägt den passenden Titel „Tricks“). Manchmal dauert der erzählte Gedankenprozess eine Weile, vielleicht Jahre, auch Jahrzehnte, letztendlich aber gewinnen die Protagonisten eine überlebenswichtige Erkenntnis und werden handelnd von der Autorin entlassen: „Auf dem Weg zu Taten, deren sie sich bisher nicht für fähig gehalten hätten.“

„Zu viel Glück“ und andere Katastrophen

Die zehn neuen Erzählungen von Alice Munro unterscheiden sich von den früheren: Der Ton ist härter geworden, die Katastrophen der Herzen auf dramatischere äußere Ereignisse zurückzuführen als sonst. Ohne Tod, Krankheit, Alter, Zerfall, Trennung geht es nicht, erstaunlich oft mit optimistischem Ausgang. Am deutlichsten wird dies in der gerade wegen des schlichten und lakonischen Erzählflusses beklemmenden Auftaktgeschichte „Dimensionen“. „Niemand von den Leuten, mit denen sie arbeitete, wusste, was passiert war.“ Die Leser wissen natürlich auch nicht, was dem Zimmermädchen Doree widerfahren ist, werden durch diesen einfachen Satz neugierig gemacht.

Eine Story der Man-Booker-Preisträgerin Alice Munro

Eines Sonntags unternimmt Doree zum dritten Mal eine Fahrt mit drei Bussen, eine Unternehmung, die sie Mrs. Sands, offenbar ihrer Psychiaterin, wie wir nach und nach ahnen, nicht berichtet hatte. Die Therapeutin scheint eine von der gängigen Sorte zu sein: „Sie sagte, dass Doree ihre Sache gut mache, dass sie nach und nach ihre eigene Stärke entdecke.“ Das übliche Psycho-Blabla? Dem drohenden Gähnen schiebt die Erzählerin sofort einen Riegel vor: „‘Ich weiß, dass diese Worte totgeredet worden sind‘, sagte sie. ‚Aber sie sind trotzdem wahr.‘ Sie wurde rot, als sie sich das Wort ‚tot‘ sagen hörte, aber sie machte es nicht durch eine Entschuldigung schlimmer.“ Diese Passage ist nur ein Beispiel für die geniale Methode Munros, uns die Handlung und das Thema der Geschichte nahe zu bringen, hinterrücks. Es geht um den Tod von Dorees drei Kindern, ermordet vom eigenen Vater. Das ist der Mann, den sie an jenem Sonntag im Gefängnis besucht. Trotz allem. Und dann passiert wieder etwas Unerhörtes.

Biografischer Kurzroman über Sofia Kowalewsky

Die titelgebende Geschichte „Zu viel Glück“ fällt aus dem Rahmen der anderen Storys und steht zu Recht an letzter Stelle der Sammlung. Munro schrieb einen biografischen Kurzroman über die russische Mathematikerin und Schriftstellerin Sofia Kowalewsky (1850-91), die erste weibliche Universitätsprofessorin Europas, nicht in Russland, sondern in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Um überhaupt ein naturwissenschaftliches Studium aufnehmen zu können, ging Sofia Kowalewsky eine Scheinehe ein, als Russin durfte sie nur ausreisen, wenn sie im Pass ihres Vaters oder Ehemanns eingetragen war und dieser sie begleitete. „Ich habe meine Erzählung auf die Tage beschränkt, die zu Sofias Tod führten, mit Rückblenden in ihr früheres Leben“, erklärt die Autorin in ihrer Danksagung am Ende des Bandes.

Russin wird 1889 erste Universitätsprofessorin Europas in Stockholm

Mit erstaunlichem und beeindruckendem Einfühlungsvermögen fiktionalisiert Munro die Lebensgeschichte und Gefühlswelt dieser bedeutenden, wenn auch nicht allgemein bekannten Wissenschaftlerin des 19. Jahrhunderts. Zum Beispiel ist das das komplizierte Verhältnis zu ihrem Schein-Ehemann, der zeitweise ihr Geliebter war und Vater ihrer Tochter ist: „Wladimir war nie ein Feigling …, aber er besaß nicht die männlichen Gewissheiten. Deshalb konnte er ihr im Gegensatz zu jenen anderen einige Gleichberechtigung gewähren, ihr aber nie diese einhüllende Wärme und Sicherheit geben.“ Schade nur, dass diese Erzählung so kurz ist, der sonst so bewundernswerte erzählerische Verknappungsstil erscheint hier fehl am Platz, ach wäre es doch ein richtiger Roman, wie gern würde man mehr über Frau Kowalewskaja, ihre Zeit und ihre Empfindungen erfahren.

Alice Munro: Zu viel Glück. Zehn Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag 2011. Gebunden. 365 Seiten. 19,95 Euro.

Als Hörbuch: Gelesen von Christian Brückner. Parlando 2011. 3 CDs. 19,99 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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