
- Pina Bausch - Wilhelm Krüger
Am 30. Juni vor zwei Jahren starb Pina Bausch, die anfangs umstrittene, später weltberühmte Choreografin. Ihr Wuppertaler Tanztheater zeigte am Ende dieser Spielzeit zwei ihrer Stücke, zwischen deren Premieren ein Vierteljahrhundert lag: „Two Cigarettes In The Dark“ von 1985 und ihre letzte Arbeit „Como El Musguito“ aus dem Todesjahr 2009.
„Two Cigarettes“, dieses ältere Werk ist eines ihrer Düstersten: Liebespaare werden auseinander gerissen, lästige Leute behutsam weggeführt, in bizarren Bewegungen eingefrorene Frauen hinein- und hinausgetragen. Ein Mann trinkt auf einem Holzklotz stehend einen Espresso, eine Frau brennt sich Löcher in ihr Kleid, doch die Slapsticks können die eisige Atmosphäre nur für Momente erwärmen. Die Menschen bleiben einsam auf sich geworfen und versuchen verzweifelt so zu tun als sei nichts. Nur wenige Male tanzt eine Frau. Ein Mann versucht ihr mit seinen Händen zwei flatternde Engelflügel zu formen: Vielleicht gilt es die Hoffnung nicht zu verlieren?
Zu den vielen, vielen Fragen der Bausch, das Programmheft ist voll davon, fand die Compagnie szenische Antworten. Wann sagt man Scheiße? Einen Kuss wohin bringen? Etwas ganz Niedliches mit einem Beil tun? Die Truppe reagierte mit gespielten Erinnerungen oder skurrilen Ideen. Bausch wählte die emotionsgeladenen Bilder aus und montierte sie assoziativ zu dieser düsteren Collage.
Pina Bausch fasst Tanz sehr weit
„Ich sehe sehr viel mehr Sachen als Tanz an“, sagte sie einmal, denn das Revolutionäre ihrer Arbeit war, den Tanz wieder in seiner archaischen Form, als Ausdruck von Gefühlen, auf die Bühne zu bringen.
In dieser Neueinstudierung spielten noch vier Mitglieder der Erstbesetzung - darunter die Schauspielerin Mechthild Grossmann, Staatsanwältin im Münsteraner Tatort - und weitere ältere Tänzer.
Trotz seiner Schwere wurde „Two Cigarettes“ vom Publikum genauso umjubelt wie eine Woche später das leichtfüßigere „El Musguito“. Auch hier die typisch gewordenen Bilder des Wuppertaler Tanztheaters: Das nun sehr junge Ensemble spielt mit Kartoffeln oder Flaschenkorken, „Walk! Walk!“, brüllt eine Tänzerin, denn ein Fisch soll laufen, eine blinde Fotografin knipst, ein Casanova schmachtet der Reihe nach alle Tänzerinnen an. Auf der leeren Bühne zeigen Ensemblemitglieder oft individuelle und ausdrucksstarke Tanzsoli, denn es wird wieder sehr viel getanzt in den späten Stücken der Bausch.
Das Tanzen selbst wird bei Pina Bausch zum Thema
Aber das doppelbödige Stück thematisiert auch das Tanzen selbst: Wie eine Puppe wird eine Frau immerzu von Männern herumgetragen bis sie endlich tanzen darf, ein junger, ungestümer Tänzer wird ständig von einem sehr viel älteren Tänzer an seinem Solo gehindert. Später sackt der alte Tänzer zusammen und wird stets von dem jungen aufgefangen.
Dunkle Ahnungen brechen die fröhlichen Bilder: Wie im Schlaf zelebriert eine Frau ihr Solo als Totentanz, eine andere läuft mit einem riesigen Baum in ihrem Rucksack herum, in einem Schattenspiel bewegen sich die Tänzer mit Grablichtern zwischen den wachsenden Rissen im Bühnenboden. Dennoch tanzt eine Frau im grellroten Kleid wild und verzweifelt zu einer voran treibenden Musik: Das Leben geht weiter! Einige Tage nach der Premiere ist Pina Bausch tot und lässt die meist lebensfrohen Tanzbilder ihres jungen Ensembles zurück.
Tanztheater zwischen Traum und Wirklichkeit
Für schönes Ballett oder inhaltsleeren Modern Dance interessierte sich die Choreografin nie. Die Wurzeln ihres „Theater der Erfahrung“ lagen im Deutschen Ausdruckstanz, der einst Gefühle und deren Verarbeitung zeigte. Ihr Tanztheater zwischen Traum und Wirklichkeit ohne stringente Handlungen verkündete keine ewigen Wahrheiten und belehrte nicht das Publikum. In all den Jahren erzählten die bildhaften Choreografien auf unterschiedliche Weise und stets ohne Wertung davon, wie Menschen sind und nicht wie sie sein sollen!
Interview mit Robert Sturm, dem Leiter des Wuppertaler Tanztheaters auf suite101
