Laut Statistik sehen die Beschäftigungszahlen momentan gut aus. Es geht voran in Deutschland, die Konjunktur hat angezogen. Aber was steckt wirklich dahinter? Seit Jahren nimmt die Zahl der regulären sozialversicherungspflichtigen Jobs ab. Zugunsten von so genannten prekären Beschäftigungsverhältnissen. Vor allem die Zeitarbeitsfirmen profitieren von diesem Trend. In der Presse wird gebetsmühlenartig die Zeitarbeit immer wieder als „Jobmotor“ gepriesen. Aber wie sehen diese hoch gelobten Arbeitsplätze wirklich aus?

Auf dem Papier sind Leiharbeitsverträge unbefristet

Jeder, der bei einer Zeitarbeitsfirma anheuert, unterschreibt tatsächlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Auch wenn der so genannte Kundeneinsatz nur auf ein paar Monate befristet ist. Deutlich schlechter bezahlt als die fest angestellten Mitarbeiter der Kundenfirma, war die Zeitarbeit noch vor vielen Jahren tatsächlich das Sprungbrett in eine reguläre Anstellung beim Kunden mit den besseren Konditionen dieses Betriebs. Heutzutage bleibt der Zeitarbeiter auf seinem Leiharbeiterstatus meist kleben, und wenn er „Glück“ hat, wird nach Ablauf des ersten befristeten Einsatzes diese Beschäftigung verlängert. Sehr oft in einem Takt von einigen Monaten. Abgesehen von den schlechten Gehältern hat der Zeitarbeiter Mühe, seinen offiziell per Zeitarbeitsvertrag garantierten Urlaub auch wirklich einzulösen. Meist folgt nämlich schon vor dem Antreten des berechtigten Urlaubs die umgehende Kündigung durch die Zeitarbeitsfirma.

Verstöße gegen den Leiharbeitervertrag einklagen

Der Passus in den Leiharbeitsverträgen, dass der Zeitarbeitnehmer die vom Kunden verursachten Fehlzeiten vergütet bekommt, wird von den Leiharbeitgebern geflissentlich übersehen. Diese Fehlzeiten können jedoch eingefordert werden, notfalls über ein anwaltliches Schreiben. Fachanwälte für Arbeitsrecht helfen auch weiter, wenn eine Abfindung bei grundloser Kündigung einzufordern ist. Eine Klage beim zuständigen Arbeitsgericht ohne anwaltliche Vertretung ist auch möglich und kostenlos. Auf keinen Fall sollte man auf die wenigen Rechte verzichten, die einem vom Gesetz her eingeräumt werden. Jeder grundlos entlassene Zeitarbeiter hat einen Anspruch auf ein seinen Leistungen entsprechendes Arbeitszeugnis, notfalls über einen Rechtsbeistand einklagbar, wenn man sich mit den einschlägigen Formulierungen nicht auskennt. Es gibt Zeitarbeitsfirmen wie Sand am Meer, von den juristischen Scharmützeln mit der einen Leiharbeitsfirma bekommt die andere nichts mit. Juristische Auseinandersetzungen mit Angestellten gehören zum Alltag dieser Sorte von Arbeitgebern.

Tipp:

Eine Rechtsschutzversicherung für Arbeitsrecht abschließen ist sinnvoll.

Zeitarbeiter haben schlechtere Bedingungen als das Stammpersonal

Leiharbeiter erhalten nicht nur einen deutlich geringeren Lohn als die regulären Mitarbeiter im Kundenbetrieb. Anspruch auf Urlaubsgeld besteht nur auf dem Papier. Denn über eine Betriebszugehörigkeit von mehr als einem Jahr schafft es solch ein Angestellter kaum. In manchen Betrieben mit firmeneigener Kantine werden die Zeitarbeiter wie „Fremdfirmen“ gehandhabt und müssen für ein Essen das Doppelte hinlegen wie ihre „privilegierten“ Kollegen. Von eventuellen Abonnements mit öffentlichen Verkehrsmitteln können Leiharbeiter auch nicht profitieren. Sie müssen den vollen Preis für die Fahrten hin und zurück zum Arbeitsplatz berappen.

Leiharbeiter sind häufiger Opfer von Mobbing

Das Zeitarbeitsverhältnis an sich und der ständige Wechsel zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Mobbing sowie die vorenthaltenden Erholungsphasen sind psychisch sehr belastend. Deshalb sollte man schon bei Beginn von Beschwerden unbedingt einen Arzt seines Vertrauens hinzuziehen. Die Liste der Krankheiten, die solche Arbeitsverhältnisse verursachen, ist lang. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit und Erbrechen sind nur einige Beschwerden, die auftreten können. „Asthma durch Mobbing – Soziale Zurückweisung kann zu Entzündungsreaktionen führen und womöglich das Risiko für Arthritis, Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt ein US-Forschungsteam um Shelley Taylor von der University of California in Los Angeles.“ (aus DER SPIEGEL Nr. 33, 2010).

Junge Menschen sind besonders betroffen

War in früheren Jahren die Zeitarbeit mitunter tatsächlich eine Möglichkeit, zum Beispiel als Quereinsteiger beruflich Fuß zu fassen oder ohne einen beruflichen Abschluss seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, werden heute auch junge Menschen mit einer guten beruflichen Ausbildung über dieses System verheizt. Die am 13. November 2010, unter anderem in Nürnberg organisierte Demonstration hat dies eindrucksvoll ins Bewusstsein gerufen. Ja, wie sollen sich junge Menschen mit befristeten Verträgen und schlechten Löhnen ein Leben aufbauen? Die sozialen Abgaben steigen kontinuierlich, während die entsprechenden Leistungen abnehmen. Was soll denn von einem Nettolohn von zum Beispiel 1.100 Euro noch alles bezahlt werden? Die Mieten ziehen jetzt auch wieder an. Abgesehen davon, dass man mit prekären Arbeitsverträgen auch nicht gerade der „Wunsch-Mieter“ ist.

No future - Armut im Alter

Schlechte Gehälter, nicht selbst verursachte Lücken im Lebenslauf durch Leiharbeit führen dazu, dass immer weniger Beiträge für die Rentenkasse abgeführt werden können. Da wirkt der „gut gemeinte“ Rat von Experten in Bezug auf den Abschluss einer privaten Altersvorsorge wie ein Hohn. Deshalb ist die unverschuldete Armut bei den heute jungen Leuten in vielen Fällen schon vorprogrammiert, obwohl diese sehr häufig über weitaus bessere berufliche Abschlüsse verfügen als viele heutige Rentner, die dank der in den früheren Jahren einflussreichen Gewerkschaften gute Gehälter bezogen hatten. Aber auch bei den heutigen Ruheständlern gibt es immer mehr, die sich als Mini-Jobber verdingen müssen, um ihre schmale Rente aufzubessern.

Flucht ins Ausland als Chance für ein gelungenes Berufsleben

Was haben die jungen Leute für Zukunftsperspektiven? Zeitarbeitsfirmen in Österreich werben damit, dass Leiharbeiter das gleiche Gehalt erhalten wie die fest Angestellten. Schweizer Zeitarbeitsfirmen geben ehrlich zu, dass einheimische Bewerber bevorzugt werden. Besonders im Bereich der kaufmännischen Berufe ist es schwer, über diesen Weg beruflich Fuß zu fassen, weil der Markt gesättigt ist. Die Politik will mehr junge Leute, um die Überalterung der Bevölkerung zu kompensieren. Dann muss sie auch dafür sorgen, dass junge Menschen in unserem Lande wieder eine echte Zukunft haben. Wann wird also die Forderung nach gleichem Lohn bei gleicher Arbeit in Deutschland endlich Realität? Am besten man schafft diese Art der Beschäftigung ganz ab.