
- Zeit verläuft anders beim Lesen - pixelio.de
Wenn der Leser die ersten Seiten eines Romans aufschlägt, betritt er eine andere Welt. Schrittweise kommt der Geist zur Ruhe und lässt sich auf die neuen Eindrücke ein, zu denen sich die Buchstaben und Absätze zusammenfügen. Wenn so die literarische Welt in der Vorstellung des Lesers entsteht, bekommt die Erfahrung von Zeit plötzlich viele Gesichter, die wir im Alltag nicht erleben.
„Flow“: Im Strudel der gelesenen Geschichte
In der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende findet der Junge Bastian ein Buch, das ihn magisch anzieht. Er versteckt sich auf dem Dachboden seiner Schule und beginnt zu lesen: Während nur ein Stockwerk unter ihm der Schulunterricht seinen ganz normalen zeitlichen Lauf nimmt, wird Bastian von dem Lesestoff so absorbiert, dass er die äußere Alltagszeit vergisst. Der Glücksforscher Csikszentmihalyi hat diesen Zustand „Flow“ genannt, ein befreiendes Stromgefühl. Die literarische Welt zieht den Leser in ihren Bann: Er wechselt in ein imaginäres Erleben, das er als „wirklich“ empfindet, während die äußere Zeit für ihn „stehen“ bleibt.
Reisezeit
Während der Leser in der erzählten Handlung aufgeht, tritt er zugleich eine Reise an: Zwar sitzt er körperlich auf seinem Stuhl oder hat es sich auf dem Sofa bequem gemacht, aber im Geist begleitet er die Figuren der gelesenen Handlung. Der Mythenforscher Campbell hat in seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ dargelegt, dass die Hauptfigur einer Geschichte eine (körperliche oder gedankliche) Reise vollzieht. Der Held entwickelt sich, indem er auf seinem labyrinthischen Weg Abenteuer überlebt und Kämpfe meistert, und er kehrt als anderer zurück, als er vorher war. Nach Campbell birgt jede Geschichte den Schlüssel zu den tiefsten Fragen des Menschen – „Woher komme ich?“, „Wer bin ich?“, „Wohin gehe ich?“. Sie sind es, die zum Aufbruch antreiben.
Doch nicht nur der Held, auch der Leser ist auf der Suche nach Antworten. Und dies ist der erhöhende Nebeneffekt des Lesens: Auch der Leser wird zum Helden! Denn er begleitet die Romanfigur auf der Reise, fühlt sich in sie hinein, wägt ihre Entscheidungen ab und lotet ihre Handlungen nach Wissen und Gewissen aus. Die Reise bringt dem Helden Heilung – das Lesen bringt dem Leser Katharsis und neue Erkenntnisse. Den Weg gehen beide gemeinsam, sie können ihn gar nicht ohne einander gehen.
Zeitenvielfalt
Im „Flow“-Modus reist der Leser in ein verschlungenes Zeitenhybrid. Literatur verfügt über effektive Möglichkeiten, Zeit zu anderen Bedingungen als den physikalischen erfahrbar zu machen.
Literarische Zeit ist bereits ausgewählte, bedeutungsdichte Zeit. Insofern wird das Kontinuum der Alltagszeit, in der eine Minute der anderen folgt, fragmentiert. Die ausgewählten Zeitfragmente sind vom Autor nicht einfach nur aneinander gereiht: Seine Kunst besteht darin, sie so zu kombinieren, dass sie zu einem umfassenderen Sinn verschmelzen.
Die äußere Zeit erfahren wir nur als Abfolge des „Vorher“ und „Nachher“. Hingegen lockt die Literatur mit einem chronologisch unabhängigen Zeiterleben. Eine „und-dann-und-dann“-Abfolge kann – etwa bei einer Ich-Erzählung“ – zu einem „und-davor-und-davor“- Flashback werden, um besondere Zusammenhänge zu pointieren. Oder eine Geschichte wird in zeitlichen „Splittern“ erzählt, in denen die Chronologie dem inneren Bedeutungsgefüge untergeordnet bleibt. Hier gewinnt der Leser den Eindruck einer Zeit, die sich nicht vorwärts oder rückwärts bewegt, sondern nebeneinander: Der so erzeugte zeitliche Stillstand erscheint als höchste literarische „Auflehnung“ gegen die progressive „und-dann-und-dann“-Abfolge.
Während eine Minute äußerer Zeit längenmäßig der anderen gleicht, können sich im Buch zeitliche Proportionen raffen oder dehnen. Zehn Erzähljahre werden mitunter in zwei Sätzen abgehandelt, bedeutsame Einzelmomente dagegen in die Länge gezogen oder polyperspektivisch betrachtet. So kann der Leser Wochen brauchen, um eine Erzählung zu bewältigen, die nur einen Tag schildert. James Joyces „Ulysses“ dürfte jedoch die Ausnahme sein: Im Normalfall ist die erzählte Zeit die längere, die Erzählung selbst hingegen ist schneller gelesen.
Fazit
Durch das virtuose Spiel mit der Zeit kommt nicht nur besonderer Lesegenuss auf, sondern der Leser distanziert sich auch von seinem Alltag: Anders als im eigenen Leben, in dem er selbst Teil ist, wird sein Blick beim "Er-lesen" eines erzählten Lebens auf übergreifende Zusammenhänge gelenkt, und er wird zum Beobachter. Den Sinn, der sich ihm so erschließt, kann er mit „über die Schwelle“ nehmen, wenn er die letzte Buchseite zuschlägt und es wieder „Zeit“ wird für den Alltag.
Literatur:
Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten. S. Fischer Verlag 1999 (Ersterscheinung des Originals 1949). Taschenbuch, 490 Seiten. Euro 13,90.
Mihaly Csikszentmihalyi: Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen. Klett-Cotta 2005. Taschenbuch, 254 Seiten. Euro 22,50.
Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Thienemann 1979. Taschenbuch, 428 Seiten. Euro 10,00.
James Joyce: Ulysses. Suhrkamp 2006. Gebundene Ausgabe, 990 Seiten. Euro 12,50.
