Wann lese ich ein Buch?

Einen Roman zu lesen, braucht Muße und den rechten Augenblick

Lese-Oase - pixelio.de
Lese-Oase - pixelio.de
Der richtige Zeitpunkt, die Berücksichtigung von Eigenzeiten und genug Muße zum Lesen eines Romans sind zeitliche Bedingungen, die das literarische Erleben ausmachen.

Das Lesen und die Zeit sind zwei Dinge, die eng zusammenhängen. Nicht nur ermöglicht der literarische Genuss einer Geschichte verschiedenste zeitliche Erfahrungen, die wir im Alltag nicht machen, nein: Auch die zeitlichen Rahmenbedingungen für die Lektüre des Romans müssen stimmen, damit diese zu einem intensiven, zufrieden stellenden Leseerlebnis wird.

Der rechte Augenblick

Die Weisheit, nach der es für alle Dinge einen rechten Augenblick gibt, findet sich bereits im Alten Testament, im Buch Kohelet: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit; (…). Eine zum Umarmen und eine, die Umarmung zu lösen; eine Zeit zum Suchen und eine zum Verlieren, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit zum Krieg und eine für den Frieden."

Ebenso gibt es eine Zeit zum Lesen: Einfach im „richtigen“ Moment auf das „richtige“ Buch stoßen, Zeit haben, anfangen zu lesen und verzaubert sein. Jeder, der diese Erfahrung schon einmal gemacht hat, kann bestätigen: Die Zeit muss einfach „stimmen“, damit ein Buch uns begeistert. Wer ein Buch heute in der Buchhandlung entdeckt und interessant findet, hätte es vor einem Jahr vielleicht übersehen oder nicht einmal über die erste Seite hinaus gelesen. Der „rechte Augenblick“ bezieht sich jedoch nicht nur auf die persönliche „Lebenszeit“ , in der sich Interessen entwickeln und verlagern, sondern auch auf die passende Tageszeit, in der man sich in der Stimmung befindet und die Muße hat, in die Welt eines Buches einzutreten und den Alltag loszulassen.

Eigenzeiten

Eine wichtige Kunst beim literarischen Lesen ist, die Lesegeschwindigkeit dem gelesenen Text anzupassen. Im Gegensatz zum Fernsehen, dessen Geschwindigkeit nicht individuell wählbar ist, erlaubt es der Text, Passagen zu überfliegen, um an anderen „hängen“ zu bleiben oder sie mehrmals zu lesen. Das Tempo kann je nach Verständnis des Gelesenen erhöht oder gebremst werden. Der Leser darf sich eigene „Zeitoasen“ schaffen, in denen er verweilen kann. Für den bekannten Zeitphilosophen Karlheinz Geißler sind dies „temporale Nischen, die es zu ehren gilt, wie ein zeitloser Aufenthalt in der Badewanne oder an einem stillen Ort, wo man niemanden überholen muss“. Die Produktivität, die in der Eigenzeitlichkeit liegt, wird von Geißler immer wieder hervorgehoben.

Ein passender literarischer Klassiker ist Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit". Der Autor schildert die Geschichte des Seefahrers John Franklin, der einen lebenslangen Kampf für die Anerkennung seiner eigenen langsameren Lebensart führt und diesen gewinnt: Denn mit seinem Vorbild zeigt er, dass Langsamkeit auch Stetigkeit, Genauigkeit und Beharrlichkeit bedeuten kann, drei wichtige Pfeiler auf dem Weg zum Erfolg.

Langsamkeit kann auch Individualität zulassen und ausdrücken: „Es ist die Langsamkeit, die den Blick für die Nähe und das Nahe, fürs Detail und fürs Besondere ermöglicht“, so Geißler. Entsprechend fällt die Lektüre eines Romans für jeden Leser anders aus, jeder entdeckt unterschiedliche Besonderheiten und abstrahiert unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, wo er „fliegt“ und wo er „verweilt“: Lesen ist eine Medientechnik, die den Leser geradezu drängt, seine persönlichen zeitlichen Vorlieben auszuleben.

Entschleunigung

Entsprechend ist es weniger das schnelle, automatisierte als vielmehr das langsame, entdeckende Lesen, das von Literaturwissenschaftlern empfohlen wird. Dass in selbstverständlicher Geschwindigkeit die Qualität von Literatur nicht einfach „überlesen“ wird, wünscht sich etwa der Leseforscher Matthias Bickenbach: Nur so kommt neben dem bloßen Inhalt auch die sprachliche Virtuosität in ihrer ganzen Fülle zur Geltung.

Wer sich also – zum richtigen Zeitpunkt und im eigenen Rhythmus – Zeit für das Lesen nimmt, hier und da verweilt und eine literarisch-zeitliche „Oase“ auskostet, der liest eben mehr: Denn im Idealfall zieht ihn nicht nur die bloße Handlung, nicht nur das Dargestellte in den Bann, sondern er erfährt vielleicht, wie sich der Inhalt, die sprachliche Hülle und die eigene Vorstellungskraft zu einem einmaligen Bedeutungsmosaik vermengen, dessen Geist sich mitunter noch lange nach der Lektüre als treuer Begleiter erweist.

Literatur:

Matthias Bickenbach: Von den Möglichkeiten einer 'inneren' Geschichte des Lesens. Niemeyer 1999.

Karlheinz Geißler: Verweile doch, du bist so schön! Quadriga Verlag 2000 (Neuauflage bei Herder 2008).

Dr. Claudia Duwe - Studium der Medienwissenschaften, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Siegen. Hauptberuflich in der PR/Kommunikation für ...

rss