
- Max-Mannheimer-Studienzentrum Dachau - Jugendgästehaus Dachau
Deutschland erhält ein zentrales "Institut für Holocaustforschung". Sein Sitz wird Berlin sein. Derivate, das heißt Zweigstellen sind im süddeutschen Raum geplant: in München, Heimat des Instituts für Zeitgeschichte, und in Freiburg im Breisgau, dessen Uni sich mit den militärhistorischen Forschungen Ulrich Herberts einen weltweiten Namen gemacht hat.
Ein zentrales deutsches "Institut für Holocaustforschung"
An diesem Institut werden, ähnlich wie geplant für das Wiener Wiesenthal Institut, Seminare für Jugendliche zur Geschichte und Systemstruktur der nationalsozialistischen Herrschaft angeboten. Regelmäßige Weiterbildungen für Lehrkräfte sämtlicher deutscher Schulformen, entsprechend der aktuellsten internationalen Forschungsergebnisse zum Holocaust, bilden das pädagogische Basis-Repertoire der neuen Einrichtung. Unter seinem Dach vereint sich ein interdisziplinäres Kaleidoskop von Holocaustforschern aus Geschichte, Politikwissenschaft, den Sozialwissenschaften, aber auch kunst- und kulturwissenschaftlicher Ausrichtung, von anderweitigen Intellektuellen und Künstlern, alle Bezug nehmend zum industriellen Massenmord der nationalsozialistischen Gewaltverbrecher.
Bund und Länder haben sich einstimming bereiterklärt, die Finanzierung des Instituts für Holocaustforschung zu übernehmen. Beide sind höchst motiviert. Die Frage, wer der Schirmherr - oder gar eine Schirmherrin - wird, befindet sich noch im Stadium der Diskussion. Kann aber nicht mehr lang dauern. Angesichts der Bedeutung der Einrichtung wurden Daniel Libeskind und Sir Norman Foster mit der architektonischen Planung beauftragt … Ente gut. Alles gut.
Peter Longerich auf dem 12. Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte
Das Unbewusstsein schlug zu und traf ins Schwarze. Beim Dachauer Symposium zur Zeitgeschichte Nummer 12 vom 30. und 31. Oktober 2011, das den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Gedenkveranstaltungen zur Deportation und Ermordung der Juden im Raum München bildet, fällt der erste Redner aus. Statt ihm betritt ein Mann die Rednerbühne, der sich durch fundierte biografische Studien über Heinrich Himmler und Josef Goebbels und als Mitautor einer umfassenden Enzyklopädie über Persönlichkeiten des "Dritten Reiches" internationale Reputation erwarb.
Peter Longerich, deutscher Historiker mit Professur an der Universität London, provoziert mit der Beobachtung und Feststellung: Interdisziplinäres Netzwerken zum Phänomen Holocaust existiert nur im angloamerikanischen Raum, und gibt damit den Kurs der anderthalbtägigen Veranstaltung vor, deren Organisation Dr. Bernhard Schoßig vom Max-Mannheimer-Studienzentrum im Internationalen Jugendgästehaus Dachau zum letzten Mal leitet und diese Funktion nach über 10-jähriger Tätigkeit an Frau Felizitas Raith überträgt.
Warum ein zentrales deutsches "Institut für Holocaustforschung" notwendig ist
Wo in Deutschland ist zentral der Austausch brillanter Intellektueller jeder Disziplin zum Thema Holocaust möglich? Wo laufen die Synergien zusammen, um etwas Neues zu schaffen? Denn die Nachfrage der Besucher von Gedenkstätten und deren Weiterbildungsprogramme stellen Fragen zu Themen, die längst noch nicht erforscht sind.
Der Holocaust ist noch nicht erforscht, meint fertig erforscht, meint zu Tode erforscht. Den historischen Schlussstrich unter den Holocaust zu fordern widerspricht der Realität. Es existieren Wissensklüfte, in denen Disserations- und Habilitationsthemen geboren werden können. Aber wo, bitte schön, laufen die wissenschaftlichen Fäden in Deutschland zusammen? Wo trifft man sich?
Es gibt kein zentrales deutsches "Zentrum für Holocaustforschung", dafür jedoch jede Menge "Kleinkram"
Die Tatsache, dass es bislang nur in einer einzigen Hochschule im Land der Täter, dem Touro College in Berlin, einen Lehrstuhl für Holocauststudien gibt, karikiert die Haltung der politischen Eliten auf Bundes- wie Landesregierungsebene geradezu absurd-grotesk. Im Klartext: Sie wollen nicht. Was die Entstehung und Mängel der bereits bestehenden Institutionen zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit zeigt.
Nur unter dem Zugzwang des bevorstehenden Ulmer Einsatzgruppen-Prozesses entsteht erst 13! Jahre nach dem Ende des Holocaust die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Aber hier werden ausschließlich Dokumente gesammelt und eingesehen, die der Vorbereitung von NS-Prozessen dienen. Wer will, kann dort hingehen und sich über ein Thema informieren. Aber die Zentrale Stelle geht nicht an die Uni.
Am Münchener Institut für Zeitgeschichte können Studenten der Ludwig-Maximilian-Universität und jeder Interessierte 200.000 Bücher, 91.000 Aufsätze, 4.500 Zeitschriften, Datenbanken, E-Books und -Journals einsehen und der derzeitige Leiter, Andreas Wirsching, doziert an der Münchner Uni auch zum Nationalsozialismus, aber tut dies am Historischen Seminar, unter einer Vielzahl anderer, Holocaust-ferner Seminarangebote.
Mit dem Tod des legendären Holocaustforschers und historischen Gutachters in zahlreichen NS-Prozessen Wolfgang Scheffler gibt es keinen Lehrstuhl mehr am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin, der sich ausschließlich mit dem Holocaust befasst. Zumal sich der Holocaust nicht ausschließlich mit dem Phänomen Antisemitismus erklären lässt. An dieser Stelle sei auf die Neid-Studie Götz Alys hingewiesen. Hinter dem, was wie Hass auf die Juden aussah, steckte eine ganz andere, sehr, sehr deutsche Befindlichkeit. Die auch andere soziale Senkrechtstarter hätte treffen können, wenn es sie in dem Ausmaße, wie es deutsche Juden waren, gegeben hätte. Und dann sind da noch die gigantischen Bevölkerungsumverteilungsaktionen und -pläne der Nazis, Stichwort "Generalplan Ost", gewesen, die zu verwirklichen bedeutete, Menschen, die im ehemaligen Generalgouvernement lebten, umzubringen, um "Platz zu schaffen".
Das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main, benannt nach dem hessischen Generalstaatsanwalt, der die Auschwitz-Prozesse in den 60er-Jahren in Gang gebracht hat, auch zu volkspädagogischen Zwecken, ist zwar auf dem Westender Gelände der Frankfurter Uni angesiedelt, muss sich aber mit einer Gastprofessur bescheiden.
Holocaustforscher wollen eigenes deutsches Zentrum für Holocaustforschung, aber mit Dissonanzen
Zurück nach Dachau: Zwischen den Vorträgen der geladenen namhaften Holocaustforscher Dieter Pohl, Uni Klagenfurt, Jürgen Matthäus vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington, Stefanie Schüler-Springorum vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin, Thomas Sandkühler, Humboldt-Universität zu Berlin, Sybille Steinbacher, Uni Wien, und Robert Sigel, der unter anderem über den Dachauer Hauptprozess schrieb, wurde heftig über von Longerichs Anregung diskutiert.
Der Konsens: Sie brauchen es. Geld wäre da. Eine Vernetzung der im letzten Absatz genannten deutschen Institute wäre ein erster Schritt. Ein erster Schritt zum eigenen zentralen Institut. Einem Dach für die Wissenschafts-Paria Holocaustforscher, die sich zu oft den "gut gemeinten" "Kollegen"-Hinweis gefallen lassen müssen, sich besser noch einen weiteren, lukrativen, wissenschaftlichen Themenschwerpunkt zu suchen, um die Existenz zu sichern.
Während der Tenor der Vortragenden dahin geht, dass der Holocaust als herausragendes Phänomen per se mehrere interdisziplinäre Herangehensweisen, vereint unter dem Dach des zu gründenden Instituts, erfordert, plädiert Dieter Pohl für eine klare Einbindung in den geschichtswissenschaftlichen Kontext.
Sie, die Holocaustforscher, würden endlich eine Heimstatt finden. Jüdische Wissenschaftlicher mit ihrer Perspektive auf den Forschungsraum. Nichtjüdische Wissenschaftlicher mit ihrer Perspektive auf den Forschungsraum. Ohne überflüssiges Konkurrenzgehabe wie im Vorfeld der Etablierung des Wiener Wiesenthal Instituts.
Was macht man so an einem Institut für Holocaustforschung?
Ein Institut für Holocaustforschung würde, wie im Falle der permanenten Weiterbildungsseminare für Lehrkräfte in dem Räumen des Washingtoner Holocaust Memorial Museums, historisch fehlerfreies didaktisches Material für Schulen gewährleisten. Und darüber hinaus alters- und jugendgerechte didaktische Methoden zumindest diskutieren. Mitunter ist es nämlich nicht das Thema, sondern seine ungeschickte Präsentation, die Ermüdungserscheinungen und Abwehrreaktonen bei Schülern (und Eltern) auslöst.
Ein Kind, das nach einem abendfüllenden Spielfilm wie „Schindlers Liste“ anschließend in eine KZ-Gedenkstätte geschleift wird, hat nicht nur Ränder unter den Augen, sondern auch tiefe Gräben im Gemüt.
Zentrales deutsches Institut für Holocaustforschung?
Michael Brenner, wissenschaftlicher Schirmherr des Dachauer Symposiums, spricht von einem Traum, der immer am Beginn einer großen Sache steht. Warum also nicht? Oder mit den Worten eines unbelehrbaren kubanischen Rebellen gesprochen: "Lasst uns realistisch sein, lasst uns das Unmögliche denken!"
