"Ökostrom? Bei dir kommt doch genau der gleiche Strom aus der Steckdose wie bei mir!" Das stimmt. Aber wichtig ist nicht, was aus dem Netz kommt, sondern was eingespeist wird. Wer Ökostrom bezieht, trägt dazu bei, dass der Anteil an regenerativen Energien in Deutschland steigt - vorausgesetzt ,der jeweilige Anbieter investiert auch in diese Richtung. Die Rechnung ist einfach: Wenn Sonnenenergie, Windkraft, Wasserkraft, Biomasse oder Erdwärme mehr Gewicht bekommen sollen, müssen zusätzliche Anlagen gebaut werden.
Gewissensberuhigung statt echtem Klimaschutz
Diese Philosophie muss sich nicht jedes Unternehmen zu eigen machen, das Ökostrom verkauft. Grundsätzlich ist es möglich, dass ein Energieversorger Strom aus jahrzehntealten Wasserkraftwerken aus seinem allgemeinen Strom-Mix herausnimmt und separat als Ökostrom anbietet, womöglich teurer als bisher. Damit ist aber allenfalls das Gewissen des ahnungslosen Kunden beruhigt - dem Klimaschutz ist nicht gedient.
Deshalb sollte man den eigenen Stromtarif ganz bewusst wählen und sich vor einem Wechsel Philosophie und Investitionsverhalten der Anbieter anschauen. Zertifikate für Ökostrom helfen bei der Orientierung. Allerdings lohnt sich auch hier genaues Hinschauen, da sie ebenfalls unterschiedliche Kriterien anlegen.
Versorger müssen CO2-Ausstoß und Stommix offenlegen
Seit Dezember 2005 können Verbraucher auf ihrer jährlichen Stromrechnung nachlesen, für welchen Strommix sie bezahlen und wie hoch dessen CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde erzeugten Stroms ist. Das schreibt das Energiewirtschaftsgesetz vor. Ein Überblick über die Angaben der Energieversorger ist außerdem auf verschiedenen Internetseiten wie zum Beispiel Verivox zu finden. Hier kommt man über den Tarif zum jeweiligen Strommix und kann interessante Zusammenhänge ablesen. Ein Beispiel: Die Energiewerke Baden-Württemberg EnBW hatten im Jahr 2005 bei der Stromerzeugung einen stark unterdurchschnittlichen CO2-Ausstoß. Während im Bundesschnitt 517 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom entstanden, waren es bei den EnBW lediglich 257 Gramm. Erfreulich fürs Klima, doch die weitere Analyse dürfte zumindest Atomkraft-Gegner erschrecken. Denn der Grund für den guten Wert liegt im hohen Anteil an Nuklearstrom, der bei diesem Energieversorger mehr als 50 Prozent ausmacht, bundesweit aber nur 29 Prozent.
"ok-power" und "Grüner-Strom-Label" sind anerkannte Zertifikate
Neben dem Anteil regenerativer Energien am Stommix ist das Investitionsverhalten des Versorgers entscheidend. Dieses Kriterium beziehen die Zertifikate "ok-power"-Label und das "Grüner-Strom-Label" ein. Die Träger dieser beiden Siegel haben sich auf Grundkriterien für Ökostrom geeinigt: Dazu gehört der "garantierte Nutzen für die Umwelt" durch Neuinvestitionen. Außerdem müssen die Kraftwerke Auflagen an die Umweltverträglichkeit erfüllen. Schließlich ist auch regenerative Stromerzeugung nicht per se schonend. Klimaschutz und Naturschutz können im Einzelfall durchaus im Widerspruch stehen - und jede Kraftwerks-Variante hat auch Schattenseiten.
Verschiedene Ansichten über Kraft-Wärme-Kopplung
Obwohl die beiden genannten Label strengere Maßstäbe als die meisten anderen anlegen, sind auch sie nicht unumstritten: So würden die Elektrizitätswerke Schönau EWS im Schwarzwald zwar die Voraussetzungen erfüllen, verzichten aber auf diese Zertifizierungen. Sie kritisieren beim "ok-power"-Label, dass es auch an Tochterunternehmen von Atomstromfirmen verliehen wird. Beim "Grüner-Strom-Label" stört das bürgereigene Schönauer Versorgungsunternehmen, dass die Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung zur Abwertung führt, sprich, zum silbernen statt zum goldenen Zertifikat. Kraft-Wärme-Kopplung sei zwar eine Übergangstechnologie, aber für den Klimaschutz absolut sinnvoll und unverzichtbar, betont EWS-Geschäftsführerin Ursula Sladek. Die vielfach ausgezeichnete "Stromrebellen" von der EWS kommen deshalb lieber ohne die beiden genannten Label aus. Sie veröffentlichen ihre Grundsätze und Daten auf ihrer Homepage. Aktuell liegt das Unternehmen übrigens bei einem CO2-Ausstoß von zwölf Gramm pro Kilowattstunde.
Umetikettierung mit RECS-Zertifikaten
Es gibt eine Reihe weiterer Zertifikate, teils mit ähnlichen Maßstäben wie die der oben genannten, teils auch weniger streng oder sogar käuflich wie das RECS-Zertifikat. Dieses wird international gehandelt, was heißt: Ein Energieversorger kann beispielsweise bei einem norwegischen Wasserkraftwerk ein RECS-Zertfikat kaufen und einen Teil seiner eigenen Elektrizität damit zu "grünem Strom" umetikettieren.
Ökostrom kann oft auch preislich mithalten
Natürlich ist auch der Preis für Ökostrom ein Auswahlkriterium. Die Kampagne "EcoTopTen" gibt Empfehlungen für Produkte heraus, die ökoloogische Kriterien erfüllen, aber gleichzeitig preiswert sind. Einer der untersuchten Bereiche ist Strom: EcoTopTen liefert eine Aufstellung von Versorgern, deren Strom-Mix, deren Eigentumsverhältnissen und Tarifen. Der Vergleich mit "konventionellen" Strom-Tarifen zeigt, dass auch echter Ökostrom nicht teuer sein muss. Im Gegenteil, in der Preisspirale der vergangenen Jahre rutschte mancher Öko-Anbieter zeitweise unters Preisniveau der großen Energieversorger.
